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Profil / Archiv | Beitrag vom 14.02.2006

Zufall als künstlerischer Komplize

Porträt der Foto-Künstlerin Stefanie Schneider

Von Vanja Budde

Szenenbild aus "Stay" mit Ewan McGregor und Naomi Watts (Berlinale)
Szenenbild aus "Stay" mit Ewan McGregor und Naomi Watts (Berlinale)

Der Psychothriller "Stay" ist optisch aufregend neu. Das liegt daran, dass Regisseur Marc Forster sich von der Fotokunst der Deutschen Stefanie Schneider nicht nur hat inspirieren lassen: Stefanie Schneiders surreale Bilder spielen neben Schauspielern wie Naomi Watts und Ewan McGregor eine Hauptrolle in "Stay".

Ein Altbau im Berliner Trendbezirk Prenzlauer Berg. Das Atelier liegt im Erdgeschoss. Starke Neonröhren sorgen an diesem dämmrigen Februarnachmittag für helles Licht. Stefanie Schneider bereitet zusammen mit ihrem Freund Lance die Ausstellung zur Premiere des Films "Stay" vor. Und die Lieferanten haben mal wieder das falsche Fotopapier gebracht.

Schneider: "What?? They delivered glossy again??"

In voluminösen Kunstpelz-Pantoffeln eilt Stefanie Schneider in einen Nebenraum und wühlt eine Schublade mit in Seidenpapier gehüllten Negativen durch.
Sie ist 37, zierlich, trägt verblichene Jeans und hat die hüftlangen, dunkelblonden Haare nachlässig zusammengerafft. Eine große, schwarze Hornbrille dominiert ihr fein geschnittenes, blasses Gesicht und lässt die grüngrauen Augen mit den hellen Wimpern fast verschwinden.

Stefanie Schneider macht Pause, kocht in der kleinen, gemütlich bunt gestrichenen Küche hinter dem großen Atelierraum Kaffee. Sie zeigt den ersten Bildband, der über ihre Arbeit erschienen ist: Polaroidfotos von jungen Menschen in der Wüstenlandschaft Südkaliforniens.

Mit Farbschlieren und Flecken, überbelichtet, verschwommen, von einer flüchtigen, schönen Rätselhaftigkeit. Diese Effekte entstehen, weil Stefanie Schneider, ein Shooting-Star der deutschen Fotoszene, nur mit angegammelten Polaroidfilmen arbeitet.

""Ich hab dieses abgelaufene Material in irgend 'nem Laden gefunden, bin quasi drüber gestolpert - und es war richtig billig! Und dann habe ich mir die Kamera dazu am nächsten Tag gekauft und dann habe ich erst gesehen, was das für 'ne Wirkung hat. Und da mich Fotografie als Fotografie nie wirklich interessiert hat, möglichst scharf etcetera, deswegen kam mir das Material einfach sehr gelegen: Es hat halt genau das abgebildet, was ich immer abbilden wollte. Also das, was ich immer sagen wollte mit Fotografie, hat es für mich gemacht."

Das war Ende der neunziger Jahre in Los Angeles. Stefanie Schneider hatte ein Kommunikationsdesign-Studium hinter sich, an der renommierten Folkwangschule Essen, Schwerpunkt Fotografie und Film. Sie hatte keine Lust mehr auf Deutschland, ihr damaliger Freund war Filmemacher, also zogen die beiden in die Traumfabrik. Heute pendelt sie zwischen Berlin und Los Angeles.

"Sobald ich da aus dem Flugzeug steige, fühl ich mich total befreit, eigentlich. In L.A. habe ich das speziell. Ich hab da immer aufgeatmet und sofort ging’s mir gut. Und ich glaube, dass ist einfach diese Freiheit, die man da hat. Da gibt’s keinen Nachbarn, der über einen schimpfen würde, sondern jeder macht halt sein Ding und man kann wirklich machen was man will."

Stefanie Schneider macht mit dem Schnappschuss-Material den Zufall zu ihrem künstlerischen Komplizen. Fast alles in ihrem Leben sei zufällig passiert, sagt sie. Und fast immer sei es gut gewesen. Was sie aber nicht davon abhält, den Zufall zu perfektionieren mit genau durchdachten Arrangements ihrer Bilder. Dabei erzählen ihre Motive immer von dem, was sie persönlich gerade intensiv beschäftigt: Liebe, Freiheit, Spontanität, der Mythos des amerikanischen Westens, Ängste und Sehnsüchte.

Die Verbindung der Künstlerin zu den bewegten Bildern des Films ist eng: Ihre Freunde in L.A. fand sie unter Schauspielern und Regisseuren, sie selbst arbeitete zeitweilig als Cutterin. "Polaroid Movies" heißt eine ihrer Arbeiten. Stets wirken die Szenen ihrer Fotos wie Standbilder eines Films.

"Es ist ja ein Mittel Geschichten zu erzählen, im Grunde. Und nichts anderes für mich. Und für mich war halt das Polaroid das perfekte Medium, weil’s sehr schnell ist, also sehr spontan, ich bin sehr nah dran, ich sehe die Ergebnisse sofort, kann also immer noch, während ich die sehe, editieren. Es gibt kein besseres Medium! Es geht nicht, dass ich das vorher irgendwie weg bringe und das erstmal entwickeln lasse. Sondern ich kann die Sachen dann in dem Moment schon mal zusammen bauen und sagen: das und das und das Bild brauche ich noch."

Der Deutsch-Schweizer Marc Forster, ein Jahr jünger als Stefanie Schneider, war einer der ersten, den sie in L.A. kennen lernte. Damals ein kleiner Fisch, der im Haifischbecken Hollywood um die Realisierung seiner ersten Independent-Filme kämpfte. Bis heute ist er ein enger Freund geblieben. Für seinen neuen Film "Stay", der in New York spielt, hat Stefanie Schneider hunderte von Bildern gemacht. Sie tauchen als Kunstwerke zweier Hauptfiguren in vielen Szenen auf. Aber es ist mehr als das: Ihr surrealer Look dominiert den gesamten Film, die bewegten Bilder des Kamerateams gleichen den Fotos der Künstlerin.

"Die haben halt versucht, das miteinander so abzustimmen, dass das wirklich funktioniert. Und ich finde, die haben so eine großartige Leistung gebracht. Ich dachte halt, gut, ich mach da meine Bilder, aber ich hätte nicht gedacht, dass die das wirklich so stylen, dass dann wirklich alles so wahnsinnig gut zusammen passt. Und teilweise haben sie auch die Lichtbestimmung nach den Farben gemacht und auch versucht, sich an diesen Polaroidfarben zu orientieren."

Inhaltlich geht es in "Stay" um einen jungen Maler namens Henry, der seinem Psychiater ankündigt, sich das Leben zu nehmen: in drei Tagen um Mitternacht, auf der Brooklyn Bridge. Der Film ist eine ebenso unheimliche wie spannende Achterbahnfahrt durch Henrys Vergangenheit und knapp bemessene Zukunft, mit einem verblüffenden Schluss, der Freunde klarer Verhältnisse vor den Kopf stößt. Passend zu Stefanie Schneiders Fotokunst zwischen Traum und Wirklichkeit, um die herum "Stay" inszeniert wurde.


Service:
Eine Auswahl ihrer Film-Bilder zeigt Stefanie Schneider im Februar in der Berliner Lumas Galerie anlässlich der Premiere von "Stay" auf der Berlinale, danach gehen sie in die Robert Drees Galerie in Hannover. Ihr Bildband heißt "Stranger than Paradise"und ist im Hatje Cantz-Verlag erschienen. Vom 23. Februar an läuft der Film "Stay" in vielen deutschen Kinos.

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