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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.06.2019

Zürich: "Stunde Null. Kunst von 1933 bis 1955"Künstler als Seismographen

Philippe Büttner im Gespräch mit Britta Bürger

Das Foto zeigt ein Jackson Pollock-Werk in einer Ausstellung im Kunsthaus Zürich. Die Schau "Stunde Null" präsentiert Kunstwerke, die zwischen 1933 und 1955 entstanden sind. (dpa / picture alliance / KEYSTONE / Ennio Leanza)
Jackson Pollock in der Ausstellung im Kunsthaus Zürich, die die "Stunde Null" als einen längeren Zeitraum fasst. (dpa / picture alliance / KEYSTONE / Ennio Leanza)

Faschismus und Zweiter Weltkrieg waren extreme Zäsuren für die Kunst. Eine Ausstellung in Zürich zeigt jetzt, wie unterschiedlich Künstlerinnen und Künstler auf die Zivilisationsbrüche reagierten. Eine Schau massiver Kontraste.

Die Ausstellung "Stunde Null" im Kunsthaus Zürich erzählt davon, wie sich die Kunst zwischen 1933 und 1955 entwickelt hat, wie Künstlerinnen und Künstler auf die Zäsuren von Faschismus und Zweitem Weltkrieg reagierten und sich dann neu orientierten. Gezeigt werden rund 70 Werke aus der eigenen Sammlung, die zum Teil jahrzehntelang nicht mehr präsentiert worden sind.

Kurator Philippe Büttner arbeitet in der Schau auch mit Zuspitzungen. Das Gemälde "Der Märtyrer" von Marc Chagall aus dem Jahr 1940 ist darin zu sehen. Es zeigt einen jüdischen Mann, der an einen Pfahl gefesselt ist, ein Pogrom in Russland, wo verfolgte Menschen versuchen, auf das Dach einer Synagoge zu flüchten.

Daneben hat Büttner ein konventionelles Schweizer Bild platziert: eine junge Frau, die am Spinnen ist. "Diese Bilder sind im gleichen Jahr entstanden. Das eine in der geborgenen Schweiz ohne direkte Gefahr, das andere zeigt eine Katastrophe", sagte der Kurator im Deutschlandfunk Kultur. Nebeneinander gehängt sei das sehr beeindruckend.

Kurator: "Man spürt den Zustand des Menschen"

Es gebe auch politische Bilder in der Ausstellung, darunter ein berühmtes Kriegsbild von Oskar Kokoschka. "Aber auch wenn ein Künstler einfach nur mit einem abstrakten Lineament etwas macht, dann ist doch eingefangen, was ihn beschäftigt hat", sagte Büttner. "Ob das jetzt figürlich ist, oder abstrakt oder surrealistisch oder das Informel, man spürt praktisch den Zustand des Menschen, der ‚condition humaine‘." Künstler seien Seismographen.

Bei der Vorbereitung der Ausstellung, berichtete Büttner, habe er sich "fast ein bisschen ironisch" gefragt: "Leben wir jetzt eigentlich auch in einer Vorkriegszeit? Die Ausstellung passt fast zu gut in unsere Zeit hinein. Der aufkommende Nationalismus zum Beispiel, diese Unruhe in der Politik, diese unglaublichen Dinge, die geschehen, die man nicht richtig verstehen kann." Und man sehe, wie Künstler dann auf solche Notsituationen reagierten.

(cwu)

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