Züge ins Leben

Von Jantje Hannover · 03.06.2009
Ihre Flucht sollte kein Aufsehen erregen. Ein tränenreicher Abschied von den Eltern am Bahnhof - für die meisten ein Abschied für immer - war darum verboten. Bis kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 konnten 10.000 jüdische Kinder mit Sonderzügen aus Nazi-Deutschland nach England fliehen.
Ein sonniger, kühler Morgen am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin. Eine Gruppe von 150 Menschen aus aller Welt, darunter viele Argentinier und Mexikaner, drängen sich am Südausgang des Bahnhofs um eine Figurengruppe aus Bronze. Die Touristen sind Mitglieder von Israel Bonds, einer Organisation, die Spendenmittel für Investitionen in Israel akquiriert. Viele sind Nachfahren jüdischer Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland. Heute wollen sie sich in Berlin auf die Spuren des Holocaust begeben. Das neue Denkmal an der Friedrichstraße ist ihre erste Station.

Die jüdischen Gäste haben rote Rosen mitgebracht, die sie den Bronzefiguren in die Arme legen. Die Figurengruppe besteht aus sieben Kindern. Ein Junge und ein Mädchen mit Koffern in den Händen streben gen Westen und schauen mit offenem Blick in eine ungewisse Zukunft. Die übrigen fünf sind nach Osten gerichtet, sie halten die Köpfe gesenkt, ihr aufgerissenes Gepäck liegt hinter ihnen auf dem Boden. Seitlich sieht man ein Stück Eisenbahnschiene. "Züge in das Leben, Züge in den Tod" ist der Name der Skulptur. Der Künstler Frank Meisler aus Tel Aviv steht heute höchstpersönlich neben seinem Werk:

"Wir haben die Schiene genommen und zeigen, dass sie ins Leben geht und auch ins Tod mit dem Waggon fahren kann. Wir zeigen hier die vandalisierten Koffer der Kinder, die man in die Lager geschickt hat und hier die nette Auswanderung – im Vergleich - von den zwei Kindern hier. Wir haben die Farbe von den Kindern, die in das Leben gehen, heller gemacht, da dunkler."

Dass Frank Meisler heute hier stehen kann, verdankt er selbst diesen Zügen, die ihm ein Leben in England ermöglichten. Ende August 1939, ein paar Tage vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs konnte er mit 15 anderen Kindern aus Danzig fliehen. Die Route führte über den Bahnhof Friedrichstraße, wo er ein paar Stunden auf den Zug nach Holland warten musste.

Die Reisenden von Israel Bonds haben ihre Kameras gezückt. Sie fotografieren das blumengeschmückte Denkmal. Danach umringen sie Frank Meisler.

Die Rettungsaktion der englischen Regierung vor 70 Jahren kam spät und vielleicht doch zum richtigen Zeitpunkt. Denn erst nach der Pogromnacht war vielen in Deutschland verbliebene Juden klar geworden, dass sie in akuter Lebensgefahr schwebten. Das half ihnen gegen ihren elterlichen Instinkt zu handeln und ihre Kinder mit nichts als dem, was sie am Leib trugen, Fremden anzuvertrauen. Gisela Lindemann lebt heute in Berlin:

"Ich wurde auch von meinen Klassenkameradinnen beneidet, dass meine Eltern die Einwilligung gegeben hatten, mich mit dem Transport wegzuschicken, das haben ja nicht alle Eltern getan. Die Kinder, die bei ihren Eltern blieben, sind fast alle umgekommen. Das muss ich meinen Eltern hoch anrechnen, ich war ihr ein und alles und sie haben nicht gezaudert, mich auf diese Liste zu setzen, dass ich nach England komme."

Die deutschen Juden waren stolz darauf, Deutsche zu sein. Ihr Heimatland zu verlassen, war für viele unvorstellbar. Dass jüdisches Talent in der deutschen Industrie, Wissenschaft, Medizin, Literatur und Kunst stark präsent war, machte sie selbstbewusst. Die nationalsozialistische Rassenpolitik wurde von vielen daher als reine Propaganda eines wiedererwachenden Nationalismus unterschätzt.

Für jüdische Durchschnittsbürger war es schwierig, aus Deutschland herauszukommen. Europa und Amerika steckten noch mitten im Kampf gegen die Weltwirtschaftskrise. Arbeitsplätze waren knapp, und ein Zustrom deutscher Flüchtlinge war das Letzte, was sich die Regierungen wünschten. Nur wer finanziell in der Lage war, sich im Ausland zu etablieren, bekam problemlos ein Visum. Das galt vor allem für Reiche, führende Akademiker, berühmte Schauspieler und Schriftsteller.

Vieles erinnert nur zu gut an die heutige Asylpolitik. Denn gerade Deutschland und die EU halten ihre Grenzen für politisch oder rassisch Verfolgte inzwischen fast vollständig geschlossen.

Als 1935 die Nürnberger Rassegesetze in Kraft traten, verloren alle Nichtarier ihre deutsche Staatsangehörigkeit, ihr Wahlrecht, das Recht auf Beschäftigung im Staatsdienst, auf Zulassung zu akademischen Berufen sowie auf alle Annehmlichkeiten des täglichen Lebens. Massenhaft versuchten jüdische Lehrer, Mediziner und Juristen, die Einwanderungsbehörden anderer Länder davon zu überzeugen, dass sie ausreichende finanzielle Mittel besäßen. Sie hofften darauf, sich im Ausland in ihren Berufen eine neue Existenz aufzubauen. Das ist in den frühen Jahren der Naziherrschaft noch häufig gelungen. Dann schwollen die Ströme der Fluchtwilligen an.

In Amerika gab es pro Jahr 30.000 Plätze für deutsche Auswanderer. Diese Quote wurde aber ausgerechnet in den frühen 30er-Jahren nie ausgeschöpft. Hunderte Menschen standen Tag für Tag vor den Visastellen Schlange. Das jüdische Flüchtlingskommissariat in London erreichten täglich 1000 Anrufe Ausreisewilliger. Bald schloss ein Land nach dem anderen seine Grenzen für die Bedrängten.

Der Völkerbund und das Hochkommissariat für Flüchtlinge bemühten sich, aufnahmebereite Länder zu finden. Die Delegierten wurden überall höflich empfangen und es mangelte nicht an Ideen, wohin man die Flüchtlinge senden könnte: darunter Neu-Mexiko, Südwestafrika, Nordchina oder Alaska.

Die einzige attraktive Alternative für die Betroffenen war Palästina. Aber die britische Mandatsregierung hatte die Einwanderungsquote auf 40.000 pro Jahr beschränkt. Gebraucht wurde aber Platz für eine halbe Million. Auch die Eltern von Gisela Lindenberg wollten Deutschland verlassen:

"Sie hatten sich bemüht um Amerika, hatten dann nachher eine Wartenummer. Aber das ist Ihnen sicher bekannt, dass die Einreisequote immer kürzer gehalten wurde. Sie hatten schon eine Passage nach Amerika, da war es überhaupt aus, da wurden keiner mehr reingelassen."

Dann kamen die Tage um den 9. November. Dass ein angeblich zivilisiertes Volk sich zu derartigen Gräueltaten hinreißen ließ und dabei mutwillig Eigentum zerstörte, schockierte die Welt. Gerade England hatte lange Zeit mit einer Art Beschwichtigungspolitik auf seinen faschistischen Nachbarn reagiert. Jetzt war eine große Geste vonnöten, die Großbritanniens entschlossenes Eintreten für eine gerechte Sache symbolisieren sollte. Alfred Fleischhacker:

"Ich weiß nur aus Artikeln, die es gibt, und aus Büchern, dass unmittelbar nach der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 die englische Regierung animiert und gebeten wurde von jüdischen Gemeinden und Persönlichkeiten, die einen Namen hatten, auch Quäker und nichtjüdische Organisationen, doch etwas zu tun, damit die Kinder aus Nazideutschland rauskommen. Dann wurde ein Beschluss gefasst, ab sofort können Kinder jüdischer aber auch nichtjüdischer Verfolgter zwischen dem dritten und dem 17. Lebensjahr mit Kindertransporten nach England kommen."

Es hatte schon vor der Pogromnacht verschiedene private Initiativen in England gegeben, die Kinder aus Nazi-Deutschland herausgeholt hatten. Schließlich versprach der Britische Zentralfonds für deutsche Juden der englischen Regierung, dass für die Rettung der Kinder keine öffentlichen Gelder verwendet würden. Seit Jahren hatte der Fonds, der von einflussreichen und bemittelten Juden wie der Familie Rothschild geleitet wurde, Spenden gesammelt. Daraufhin erklärte sich der damalige Premier Chamberlain zu einer Ausnahmebestimmung für Jugendliche bis 17 Jahren bereit.

Am 21. November wurde das Refugee Children’s Movement – die Kinderflüchtlingshilfe - gegründet. Innerhalb kürzester Zeit wurde mit Deutschland und Holland die Reiseroute ausgehandelt – mit dem Zug nach Hoek van Holland, dann mit der Fähre nach Harwich. Schon bald setzte ein Ansturm auf die Listen der Kindertransporte ein.

"Ich empfand es als eine Lebensrettung für mich","

erzählt Kurt Gutmann.

""Meine Mutter hatte mich schon so weit erzogen, dass ich wusste, dass es um Leben und Tod ging, sie wollte ja selber auch auswandern, aber sie hatte nicht das nötige Geld für die Reise, das traf auch für meinen älteren Bruder zu, dass sie nicht auswandern konnten, und dann im ostpolnischen Sobibor im Vernichtungslager in der Gaskammer umgekommen sind."

Die Organisation der Flüchtlingsströme in England war eine kaum zu bewältigende Aufgabe. Sie wurde aber mit viel Elan und angesichts des nahenden Krieges auch unter großem Zeitdruck angegangen. Großzügig verzichtete das englische Innenministerium auf aufwendige Formulare. Namenslisten mit Fotos und Gesundheitsattest waren ausreichend, noch nicht einmal ein Reisepass wurde verlangt.

In einem ehemaligen Hotel in London unterhielt die Kinderflüchtlingshilfe ein Großbüro mit 69 Zimmern. Es gab enorme Mengen an Korrespondenz zu bewältigen. In den ersten sechs Monaten des Jahres 1939 beantworteten rund 70 ehrenamtliche Mitarbeiter etwa 5000 Briefe pro Woche und interviewten bis zu 500 Bittsteller, die Kinder aus Deutschland herausgeholt haben wollten. Aus dem ersten Jahresbericht der Kinder-Flüchtlingshilfe:

"Wir erhielten Tausende von Briefen aus allen Teilen Deutschlands und Österreichs, Hilferufe mit persönlichen Details und beigelegten Fotos. Viele waren so rührend geschrieben, dass es ein hartes Herz erforderte, sie einfach nur in Akten abzuheften. Wie aber sollten wir eine Auswahl treffen angesichts der Tatsache, dass wir doch nicht alle Kinder nehmen konnten?"

Die Organisationsleitung für die Auswahl der Kinder wurde dann nach Berlin, Wien und andere deutsche Städte verlagert. Dort war sie zumeist den jüdischen Gemeinden anvertraut.
Die Nazis machten strenge Auflagen: Jedes Kind durfte nur einen Koffer mit Kleidung und Wäsche mitnehmen, keine Wertsachen und lediglich zehn Reichsmark waren erlaubt. Wer es sich leisten konnte, kleidete die Kinder noch einmal richtig ein:

"Wir sind noch runter gewesen am Leipziger Platz und haben eingekauft", "

erinnert sich Konrad Tybus aus Berlin.

""Neue Hosen, einen kleinen Anzug, kurze Hosen, alles mögliche, damit wir gut ausgestattet waren, was nicht besonders förderlich war. Denn dort, wo wir Unterkunft gefunden haben, in einem Heim für unerwünschte Kinder, da waren die nicht gut gekleidet, und wir fielen sofort auf als gut gekleidet."

Weil die Kinder aus Deutschland ohne Geld oder Wertsachen anreisten, musste die Flüchtlingshilfe enorme Spendenmittel akquirieren.
In einem Radioaufruf engagierten sich Politiker zugunsten der "Opfer der Unmenschlichkeit des Menschen gegen den Menschen". Die Sendung wurde als Schallplatte gepresst und für acht Schilling verkauft. Im ganzen Land sammelten Rotary-Clubs und Frauenorganisationen bei den verschiedensten Veranstaltungen Spenden.
Die Kinder ahnten nicht, dass sie privilegiert waren, wenn ihre Eltern einen Platz für sie im Zug ergattert hatten. Noch weniger ahnten sie, dass der Abschied von den Eltern für die meisten ein Abschied für immer sein würde:

"Ich hab meine Eltern das letzte Mal gesehen, als ich in das Taxi stieg,"

erzählt Alfred Fleischhacker.

"Sie haben mich gedrückt und umarmt. Nach 100 Metern hatte ich noch mal einen Blick auf das Haus meiner Eltern geworfen, die dort standen mit meiner Schwester und mir noch mal zuwinkten, und diesen letzten Blick hab ich gespeichert, der ist in meinem Kopf, irgendwo im tiefen Unterbewusstsein muss ich vielleicht geahnt haben: das könnte das letzte Mal sein, dass du deine Eltern siehst …"

Alfred Fleischhackers Eltern sind kurz darauf in Auschwitz ermordet worden.

"Der Abschied war natürlich sehr traurig,"

erzählt Kurt Gutmann.

"Aber soweit ich mich erinnere, wir haben beide nicht geweint, meine Mutter und ich, natürlich waren alle traurig, wir Kinder waren ja alle allein, wir waren ohne Eltern, ich zum Beispiel war nie von meiner Mutter fort und als wir über die holländische Grenze fuhren, sangen wir alle: Nun ade du mein lieb Heimatland, für mich war Deutschland immer mein Heimatland."

Alfred Fleischhacker hat die Stimmung im Zug insgesamt positiv erlebt:

"Glücklich war ich nicht, nur ich wusste ja, dass ich nach England gehe, das hat natürlich eine Grundstimmung bei mir erzeugt, wenn du da erstmal bist, kann dir nichts mehr passieren, dann kannst du nicht mehr verfolgt werden, kannst du nicht mehr geprügelt werden, da wirst du nicht mehr Judenschwein geschimpft, und alle die Begleiterscheinungen, mit denen man als jüdisches Kind in Nazideutschland dieser Jahre leben musste."

Auf die Kinderflüchtlingshilfe rollte unterdessen eine organisatorische Mammutaufgabe zu. Es galt, innerhalb kürzester Zeit Pflegeeltern und Bürgen für Tausende von Kindern zu finden, darunter auch zahlreiche Kleinkinder. Die Flüchtlingshilfe arbeitete mit regionalen Komitees zusammen. Sie sollten prüfen, ob die Freiwilligen auch wirklich für die Aufgabe geeignet waren, ob genügend Wohnraum zur Verfügung stand und nicht nur ein billiges Dienstmädchen gesucht wurde.
Judy Benton aus Meißen hätte allerdings alles getan, um nur aus Deutschland herauszukommen.

"Eines Tages bin ich aus der Schule gekommen, die Türen waren auf, im ersten Stock hatten wir eine Wohnung. Die Nachbarin kam zu mir und hat gesagt: Deine Eltern sind weg, die Gestapo was here, die kommen zurück und die suchen dich."

Judy Benton packt ein bisschen Geld, ihre Geburtsurkunde und den Reisepass zusammen und flüchtet zur jüdischen Gemeinde. Man rät ihr, sich einem Kindertransport anzuschließen. Der Zug soll von Leipzig abfahren. Wenig später steht sie auf dem Leipziger Bahnhof:

"Diese Szene vergesse ich nie in meinem ganzen Leben. Viele Mütter oder Väter traten an mich heran und sagten zu mir: Vielleicht kannst du nach meinem Jungen gucken, oder kannst du dem die Haare kämmen, er hat eine neue Gitarre, schau, dass die nicht zerbricht, dann hab ich mir gedacht: Die denken, ich bin hier die Schwester, die die Kinder begleitet."

Judy Benton wusste, dass sie mit 17 Jahren eigentlich zu alt war, sie hatte keine Papiere für den Zug und keinen Bürgen in England. Blitzschnell entwickelt sie eine Überlebensstrategie:
"Dann bin ich weggelaufen vom Bahnsteig, ich wusste, der Zug geht in einer Stunde ab, und bin reingegangen in ein Puppengeschäft, und habe mir gekauft eine rote Schürze und eine Haube. Dann hab ich mir die Haube aufgesetzt, bin zurück zum Zug, dann haben die Leute geglaubt: Das ist doch eine, die da mitfährt. Dann bin ich raufgesprungen auf den Zug und so habe ich mich gerettet."

Das Ziel der Züge, mit denen die Kinder von Harwich weiterfuhren, war der Bahnhof Liverpool Street in London. Auch Judy Benton ist hier gelandet. An der Rückseite der Bahnhofshalle hatte die Kinder-Flüchtlingshilfe in einem schlecht beleuchteten Lagerraum ihre Verteilerzentrale eingerichtet.

Elegant gekleidete junge Damen von der Flüchtlingshilfe hatten ihre Tische mit langen Namenslisten hinter einer Plane aufgestellt. Sie passten auf, dass jeder Bürge tatsächlich das ihm zugedachte Kind abholte. Sie mussten sich dann auch um Judy Benton kümmern, die am Ende immer noch dastand. Wie viele andere Jugendliche kam sie in einem betreuten Jugendhotel unter.

Der Künstler Frank Meisler wurde am Bahnhof Liverpool Street von Verwandten abgeholt. Die Ankunft in England ist das Thema seiner Skulptur:

"Wir waren 16 Kinder aus Danzig, wir sind drei vier Tage vor Ausbruch des Krieges angekommen."

Neben insgesamt 124 Kindern aus Danzig konnten auch einige Hundert Kinder aus Polen und der Tschechoslowakei gerettet werden.

"Ich habe nachgedacht, was haben wir gefühlt, wie haben wir ausgesehen, wie haben wir uns benommen, das wollte ich darstellen. Das ist viel anders als die Arbeiten die ich gewöhnlich mache, aber die haben nicht den Eindruck, nicht die Tiefe für mich. Das war sehr persönlich."

Auch am Bahnhof Liverpool Street erinnert heute eine Skulptur von Frank Meisler an die große Rettungsaktion kurz vor dem Zweiten Weltkrieg.

Damals entstanden überall in den englischen Großstädten Wohnheime für Flüchtlingskinder, die keine Pflegeeltern finden konnten oder zu alt waren. Darunter Konrad Tybus und sein Bruder, die mit einem arischen Vater als Mischlinge galten:

"Die jüdischen Kinder, da kam irgendein Ehepaar, die Namen wurden aufgerufen und sie wurden abgeholt, und dann haben wir da gesessen und gewartet, und dann kam ein Auto, ein Kleinbus mit vergitterten Fenstern, jetzt weiß ich nicht, ob die Gitter verhindern sollten, dass wir aussteigen oder das Leute zu uns einsteigen. Auf jeden Fall wir fühlten uns sehr gut aufgehoben. Dann wurden wir rausgefahren zu dem Heim: doctor Bernados home, Woodford Bridge, boysgarden city. Angekommen, ausgestiegen, da hatten sie schon die Wochenshow da, sollten Aufnahmen gemacht werden."

Insgesamt dreimal mussten die Kinder für die Kameras ein- und aussteigen, erst dann konnten sie sich in ihrem neuen Heim umsehen. In Doctor Bernardos Home lebten die Emigranten mit britischen Waisen zusammen.
Andere Heime waren eigens für die Jugendlichen aus Deutschland eingerichtet worden. Oft wurden sie von nur unzureichend auf die Aufgabe vorbereiteten ehemaligen Flüchtlingen geleitet. Eines der größten war Dovercourt in der Grafschaft Essex. Nach der Ausstrahlung des Radioprogramms: Kinder auf der Flucht trafen Esspakete und Kleidung ein. Marks und Spencer schickten Schuhe und Mäntel, the National Sporting Club Boxhandschuhe, ein Metzger aus Essex lieferte einmal pro Woche Rindswürste für alle. Aus Johannesburg kam eine ganze Kofferladung voller wollener Unterwäsche – von einem Damenkränzchen gestrickt.
Auch private Pflegeeltern erhielten einen kleinen staatlichen Zuschuss. Das Geld reichte allerdings kaum, um ein Kind rundum zu versorgen. Kurt Gutmann durfte nur kurze Zeit bei einer Pflegefamilie leben.

"Ich kam in ein Fischerdorf zu einer Bäckerfamilie. Die Familie der Frau waren alles Fischer, ich bin dort öfter mit dem Boot rausgefahren, fischen, das war was Neues für mich. Ich war auch in der Familie sehr gut aufgenommen, die waren sehr lieb und freundlich zu mir, und ich bin auch heute noch in Kontakt mit den Kindern."

Kurt Gutmann wäre sehr gerne dort geblieben und die Familie wollte ihn adoptieren. Aber das jüdische Waisenhauskomitee, die Vertretung der Kinder-Flüchtlingshilfe in seiner Region, stellte sich quer: die Familie war christlich. Kurt Gutmann musste in ein Heim.
In der Kinder-Flüchtlingshilfe waren zahlreiche Christen aktiv, eine wichtige Gruppe waren die Quäker. Man suchte Eltern, die in der Lage waren, ein liebevolles und sicheres Zuhause zu bieten. Die durchschnittliche Pflegefamilie war protestantisch und entstammte der Unterschicht. Die Frage, ob jüdische Kinder ein jüdisches Umfeld bräuchten, sorgte für ständigen Zündstoff in der Organisation.

Viele Eltern haben Großartiges für ihre Zöglinge geleistet. Aber weil die Auswahl nicht von geschulten Sozialarbeitern getroffen wurde, schlüpften auch eigentlich Unerwünschte durch das Kontrollnetz. Es gab Fälle von Misshandlung und sexuellem Missbrauch. Andere suchten ein billiges Dienstmädchen. Berta Leverton:

"Es war schlimm. Ich wurde in eine Fabrik geschickt zur Arbeit. Ich habe alles getan im Haushalt, und ich hab gearbeitet und das Geld abgeliefert bei der Familie, und habe sehr gebeten, dass man meine Schwester auch rüberholt, und das haben sie dann getan."

Die kleine Schwester von Berta Leverton war blond und hübsch. Die Familie wollte sie adoptieren. Trotzdem verbesserte sich die angespannte Stimmung nicht.
Gisela Lindenberg hat in England in einem Internat gelebt, wo sie ausschließlich mit britischen Kindern zusammen war. Den Aufenthalt finanzierten reiche Verwandte aus Schweden. Es war eine schwere Zeit für sie:

"Das war in einer Grafschaft namens Hampshire, schön gelegen, war alles okay da, aber trotzdem, ich hab dann bald meine Eltern kolossal vermisst, zumal wenn Besuchstage waren, wenn alle von ihren Eltern Besuch bekommen haben und zu mir kam keiner, das habe ich sehr empfunden, …
Unnett war keiner zu mir, aber das war manchmal eine gewisse unnatürliche Freundlichkeit mir gegenüber, sie wussten, ich bin Flüchtlingskind, ja, du musst nett zu der sein, so ungefähr. Gerade nachts habe ich immer Heimweh nach meinen Eltern gehabt, meine Kissenbezüge waren immer klitschenass am Morgen, das war schon ganz schön schlimm."

Als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurden anderthalb Millionen Londoner Bürger aufs Land evakuiert, darunter zwei bis dreitausend Flüchtlingskinder. Nachdem Deutschland die Benelux-Staaten überrollt hatte, grassierte in England die nackte Angst. Wer mit deutschem Akzent sprach, war verdächtig und konnte ein Spion sein, erinnert sich Judy Benton:

"Die Leute waren nicht sehr nett, weil wir waren die Deutschen, was machen wir in England, wir essen die ganzen Rationen weg. Die haben das nicht gewusst, dass wir jüdisch sind. Wir waren die Feinde."

Im Mai 1940 wurden 30.000 Ausländer interniert, darunter rund 1000 Flüchtlingskinder aus Deutschland, vorwiegend männliche Jugendliche ab 16 Jahren. Es betraf auch Alfred Fleischhacker und seine Freunde, die in einem Jugendhotel in Bournemouth lebten und sich mit kleinen Jobs über Wasser hielten:

"Dann gab es eine Odyssee, eine wochenlange Wanderung, die erste Nacht war in der Polizeistation in Bournmoth, dann kamen wir nach Southhampton und dann wurden einige Transporte zusammengestellt und zwar Schiffe nach Kanada geschickt, mit einem dieser Schiffe kam ich dann nach Kanada. Als wir dort hinkamen, waren dort auch deutsche Kriegsgefangene, die begrüßten uns mit dem Lied 'Wenn das Judenblut vom Messer spritzt …'
Als wir ins Lager kamen, waren wiederum deutsche Kriegsgefangene in diesem Lager, dann haben wir eine Protestaktion gestartet. Auf die Dächer der Baracken wurden Transparente gespannt: Das ist ein antifaschistisches Lager, wir sind Verfolgte des Naziregimes, wir haben gefordert, dass die Kriegsgefangenen rauskommen, das ist uns auch gelungen."

Alfred Fleischhacker wurde im Lager Mitglied der FDJ. Die Organisation war kurz zuvor von jungen politischen Emigranten in London gegründet worden. Neun Zehntel der damaligen Mitglieder der FDJ waren Kindertransportkinder, darunter auch Gisela Lindenberg und Kurt Gutmann. 1942 konnte Alfred Fleischhacker aus Kanada nach London zurückkehren.
Frank Meisler, Konrad Tybus und Kurt Gutmann haben dann als 17-Jährige in der britischen Armee gegen die Nazis gekämpft. Die jungen Frauen verdienten sich schon als 16-Jährige mit den sogenannten "Refugee-Jobs" ihren eigenen Lebensunterhalt. Judy Benton:

"Ich hatte große Pläne, ich wollte Kinderärztin werden, aber man konnte doch nicht studieren, man hat sofort angefangen zu arbeiten, einen Tag war man Kind, den nächsten Tag war man erwachsen."

Judy Benton und Berta Leverton haben einen Engländer geheiratet und sind dort geblieben. Die anderen sind nach Deutschland zurückgekehrt, Frank Meisler wanderte nach Israel aus.

Dass über die Kindertransportkinder heute wieder geredet wird, ist auch Berta Leverton zu verdanken. Vor über 20 Jahren hat sie angefangen, die alten Geschichten wieder auszugraben:

"Ich bin auf den Gedanken gekommen, nächstes Jahr wird es 50 Jahre sein, das ist doch ein Jubiläum, ich hab nichts gelesen, in der jüdischen Zeitung, in der Allgemeinen Zeitung, dann habe ich gedacht: Dann tust du halt was, so habe ich angefangen. Das hat einen großen Klang durch die ganze Welt gegeben, ich hab gar nicht gewusst, was ich getan hab."

Berta Leverton durfte einen Aufruf über die BBC verbreiten. Im Anschluss erhielt sie Briefe aus aller Welt. Ende 1989 fand die erste große Reunion in London statt. Über 1000 Menschen kamen, darunter auch der Künstler Frank Meisler:

"Vor zehn Jahren wurde ich eingeladen zu einer Sammlung von diesen Kindern, und Margarete Thatcher hat vor ihnen gesprochen. Das war eine große Halle mit Tischen. Und auf den Tischen stand: Bremen, Nürnberg, Danzig, Berlin, usw. usw. Alte Leute saßen da, die einmal Kinder waren, Und ich ging an den Tisch, wo Danzig gestanden hat und traf drei bis vier Leute, darunter eine entfernte Kusine, mit der ich keinen Kontakt hatte, aber wir sind zusammen gekommen mit demselben Transport."

Frank Meisler, der auch für den Bahnhof Liverpool Street eine Bronzeskulptur gegossen hat, stieß in Berlin auf einige Kritik an seinem Kunstwerk. Sein realistisches Figurenensemble entspreche nicht dem hohen Niveau der Berliner Denkmäler, meinten führende Persönlichkeiten aus der Berliner Jüdischen Gemeinde. Aber Frank Meisler hat diese Darstellung bewusst gewählt:

"Ich wollte dass sie realistisch ist, denn abstrakt ist ein Weg wegzulaufen von der Realität, ich wollte, dass sie die Kinder anschauen, und dass sie den Kindern in die Augen sehen, denn das waren wirkliche Menschen, das waren nicht abstrakte Figuren."