Zu Bidens "Killer"-Aussage über Putin

    "Man muss ängstlich sein, was die nächste Äußerung ist"

    08:13 Minuten
    US Präsident Joe Biden, 19.März 2021.
    Joe Bidens Aussage, der russische Präsident Wladimir Putin sei ein "Killer", hält die USA-Expertin Bettina Gaus für eine unverantwortliche Wortwahl. © picture alliance/newscom/UPI Photo/Kevin Dietsch
    Bettina Gaus im Gespräch mit Nicole Dittmer · 20.03.2021
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    US-Präsident Joe Biden habe mit seinem verbalen Angriff auf Wladimir Putin die wichtige Zusammenarbeit mit Russland stark gefährdet, sagt die Journalistin Bettina Gaus. Über die Motive sei sie ratlos - und voll Sorge, was noch komme.
    Das Verhältnis zwischen Russland und den USA ist ohnehin ein schwieriges Verhältnis. Aktuell befindet es sich aber auf dem absoluten Tiefpunkt - so sehen es zumindest viele. Grund dafür sind Äußerungen des US-Präsidenten Joe Biden in einem Fernsehinterview in der zurückliegenden Woche.
    Biden hat Wladimir Putin darin unter anderem als seelenlos beschrieben und gesagt, man müsse wissen, mit wem man es zu tun habe. Auf die Frage, ob er glaube, dass Putin ein "Killer" - also ein "Mörder" - sei, sagte Biden: Ja, das glaube er.
    "Ich halte das für unklug", sagt die Journalistin und USA-Expertin Bettina Gaus. Putin sei kein "lupenreiner Demokrat", als den ihn der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) bezeichnet habe. Er sei auch niemand, "der die Menschenrechte in irgendeiner Weise achtet", dafür gebe es viele Beispiele.
    "Ich finde es unverantwortlich, eine Wortwahl wie 'Killer' im Hinblick auf den Präsidenten eines anderen Landes zu benutzen – öffentlich –, mit dem die USA, der Westen insgesamt, wir ja auch, nach wie vor einfach zusammenarbeiten müssen." Sei es bei Abrüstungsfragen, bei dem Versuch, "Syrien irgendwie zu lösen", bei Energiefragen: "Wir sind auf Kooperation bis zu einem gewissen Grad angewiesen", so Bettina Gaus.

    Gegen Cyberattacken und Einflussnahme kämpfen

    Dass Biden in dem Interview auch betont habe, dass man zusammenarbeiten müsse, bringe nichts, meint Gaus. "Ich glaube, er hat Porzellan zerschlagen, das sich nicht so ohne Weiteres kitten lassen wird." Die russische Regierung beorderte auf die Äußerungen hin ihren Botschafter in den USA für Gespräche nach Moskau. "Das ist bei diplomatischen Usancen ein ziemlich dramatischer Schritt."
    Dass man sich an diplomatische Gepflogenheiten halte, heiße ja nicht, so Gaus, "dass man nicht ganz dringend gegen einen Cyberkrieg, wie Russland ihn offenbar versucht zu führen, und auch gegen Einflussnahme auf Wahlen in den USA und vielleicht andernorts dringend kämpfen muss - aber doch nicht, in dem man öffentlich jemanden als Killer bezeichnet!" Sie sei noch immer "einigermaßen fassungslos".

    Kein "Aussetzer" Bidens

    In Bezug auf die Motive Bidens – ein erfahrener Außenpolitiker – sei sie "ratlos", so Gaus. Diese Äußerungen würden etwa Menschen, die in Russland von Menschenrechtsverletzungen betroffen sind, nicht helfen. Eventuell könne es sein, dass Biden ein innenpolitisches Signal senden wolle – an die Republikaner oder auch an seine eigenen Leute.
    In jedem Fall aber gelte, so Gaus: "Wenn ich nicht glaube, dass Joe Biden einen Aussetzer hatte und nicht wusste, was er tat in dem Augenblick – und das glaube ich ausdrücklich nicht, um das ganz klar zu sagen –; wenn das nicht so war, dann muss man ja ein bisschen ängstlich sein, was die nächste Äußerung ist."
    (abr)
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