Zitterpartie überstanden?
Vor einem halben Jahr herrschte in Deutschland Krisenstimmung: Vogelgrippe-Alarm! Haustierhalter hatten Angst um ihre Lieblinge, viele Eltern ließen ihre Kinder keine Enten mehr füttern. In den letzten Monaten war dagegen nichts mehr zu hören. Doch die Vogelgrippe ist nicht Vergangenheit. Seit dem 1. September herrscht in Mecklenburg-Vorpommern wieder die Stallpflicht.
""Ja, an den 14. Februar erinnere ich mich mittlerweile mit Schrecken. Es war doch der Anfang von einem ziemlich schlimmen Drama"."
""Das ist einer meiner schlimmsten Tage, die ich in meinem Leben durchlebt habe"."
""An den 14. Februar? Aber klar erinnere ich mich dran. Du hast angerufen und ich hab gesagt: Seid ihr sicher, und du hast gesagt: Na klar, und dann hab ich das BMELV angerufen"."
Und dann fing sie an – die Geschichte der Vogelgrippe in Deutschland. Die Geschichte von Katastrophenschützern auf Deutschlands größter Ferieninsel, von bedrohlichen Fernsehbildern, von der Hysterie, und die vielen Fragen, und einer Insel, die mit dem Image der Seucheninsel kämpft.
""Ich hab auch bis heute noch Zweifel, ob wir dieses Image wirklich ausgeräumt gekriegt haben. Das nicht doch bei Vielen dieses Bild haften geblieben ist. Das Interesse, das wieder gerade zu rücken, das hielt sich offensichtlich bei allen Beteiligten in Grenzen"."
Kerstin Kassner, Rügens Landrätin, die vor sechs Monaten unfreiwillig in die Schlagzeilen geraten war, holt tief Luft.
""Außer bei uns natürlich und das ist ne Frage des Überlebens, denn die ganze Insel lebt vom Tourismus"."
Fast sechs Wochen lang, erzählt sie, hätten die Buchungen ausgesetzt. Und auch wenn der Sommer Vieles wieder gut gemacht habe, konnte der Verlust nicht ausgeglichen werden. Bilanz: 18 Prozent weniger Gäste haben im Frühjahr Rügen besucht.
""Also ein Drittel weniger Gäste und das, wo bis Mitte Februar weit mehr Gäste als im Vorjahr da waren. Wir hatten das auch zum ersten Mal geschafft, dass im Winter mehr Gäste da waren"."
Im Wohnzimmer von Uli Dost, Vogelkundler und Artenschützer in Bergen auf Rügen, sitzen Marco Nieburg und Manfred Puchert auf dem Sofa. Der Tierarzt und der Geflügelzüchter führen ein Gespräch, von denen in den letzten sechs Monaten wohl Hunderte geführt worden sind. Marco Niebuhr ist Tierarzt, nimmt seit April Proben bei Wildvögeln und Säugetieren auf der Insel, die dann auf das H5N1 Virus untersucht werden. Manfred Puchert ist der Kreisvorsitzende der Ziergeflügelzüchter. Seit dem 1. September hat auch sein Geflügel wieder Ausgangverbot.
""Wat mir unklar ist, ihr habt bis jetzt 500 Tiere untersucht und es ist nicht ein positives Tier getestet worden - bei den Lebenden. Und trotzdem unternimmt man solche Maßnahmen. Ja genau. Das ist deshalb. Wir haben einen sehr heißen Sommer gehabt und man darf ja nicht sagen, jetzt haben wir nichts gefunden und deswegen machen wir jetzt die Ställe wieder auf. Das ist ein Kausalzusammenhang, den man nicht sehen kann. Wir haben jetzt sehr viele beprobt, und die waren zum Glück antigen-negativ. Das heißt, wir haben kein lebendes Virus gefunden, das in den Vögeln momentan ist. Und die Chance, dass wir dieses Virus hier wieder auf die Insel bekommen, die ist halt sehr, sehr groß, weil wir halt wieder Kälte bekommen - eine Umgebung, wo das Virus überleben kann"."
So sehr sich der Tierarzt auch bemüht Ruhe in die Diskussion zu bringen – der Züchter verschränkt die Hände vor dem Bauch und bleibt stur.
""Denn es ist ja auch bis heute nicht bewiesen, dat wir den Virus durch den Vogelzug bekommen haben"."
Und:
""Wir sind auch der Meinung, dat aufstallen nutzt überhaupt nichts. Die Bauern gehen dann auf die Wiese, mähen das Gras und schmeißen dat dann in den Stall rein. Da ist der Kreislauf wieder da. Dann schmeißen wir den Virus von der Wiese in den Stall. Ja gut, das Eine hat mit dem Anderen nichts zu tun. Nein wir haben doch…Man muss doch davon ausgehen, jeder ist für sich selbst verantwortlich. Gut wir haben eine Gesetzgebung die probiert, den Verbraucher in eine Linie rein zubringen. Aber wenn man selber der Meinung ist, ich habe Angst davor, den Virus in den Stall zu kriegen, dann muss man auch selber Vorkehrungen treffen, dass das nicht passiert. Dann sagt man halt, das Gras von der Wiese, wo die ganzen Gänse drauf koten, das wird dann in diesem Jahr eben nicht genommen. Wenn man Sicherheit haben möchte, dann muss man auch was dafür tun"."
Manfred Puchert schüttelt den Kopf. Was nutzt das ganze Aufstallen, wenn die Gefahr wo anders herkommt.
""Nach unserer Meinung kann der Virus nur durch das Futter da rein gekommen sein. Das ist meine Meinung, die ich immer gesagt habe. Die Futterhersteller machen Folgendes: die wollen ihren Kot los werden und kochen den auf und bringen den in die Pellets rein. Das ist ne ganz klare Situation"."
Das Aufstallungsgebot, dass das Land jetzt noch verschärft hat, bringt die Zuchterfolge in Gefahr. Daran denkt kaum jemand.
""Wir haben ja auch ein Kulturerbe: die Pommerngänse und Enten. Nichts ist mit Nachzucht in diesen Jahr. Wir verlieren die ganzen Züchter"."
Viele Geflügelarten vermehren sich im Stall gar nicht oder nur sehr schwer. Sechs Prozent der Züchter haben schon aufgegeben. Auch von den alternativen Käfighaltungsformen halten Sie nichts.
""Der Herr Seehofer möchte nach unserer Meinung, dass ganzjährig im Stall gezüchtet wird. Dann hat die Industrie gewonnen"."
Die einzige Möglichkeit, das Virus in den Griff zu kriegen:
""Impfen. Es ist bekannt, dass es in Russland einen Impfstoff gibt und in Holland. Wir sind der Meinung, dass das Friedrich Löffler Institut einen Impfstoff entwickeln sollte. Aber das dauert"."
Das Friedrich Löffler Institut ist knapp 30 Kilometer von Rügen entfernt. Auf der Halbinsel Riems. Adresse: Boddenblick 5a, Tierseuchensperrbezirk – Betreten für Ungefugte verboten. Man kommt nur über einen langen Damm auf die Insel. Noch immer fährt Timm Harder hier morgens etwas langsamer.
""Man hat ne andere Sensibilität entwickelt in dieser Hinsicht. Man schaut sich schon etwas genauer die Schwäne an – wie lange sie den Kopf unter Wasser halten und ob der wieder an der Oberfläche erscheint. Das kommt schon vor. Das ist ja wirklich nicht ausgeschlossen, dass wir wieder ähnliche Verhältnisse bekommen und je früher man das erkennt und je höher die Wachsamkeit ist, desto eher kann man auch regulierend eingreifen"."
Dr. Timm Harder ist der Leiter des Nationalen Referenzlabors für aviäre Influenza. Hier wurden 343 Vögel positiv auf das aggressive H5N1 Virus Typ Asia getestet. Schwäne, Wildenten, Turmfalken, Bussarde, und zu allem Übel noch Marder und drei Katzen. Alles, was infiziert schien, wurde auf das abgelegene 20 Hektar große Eiland geliefert. Zunächst säckeweise Vögel aus ganz Deutschland, zum Schluss nur noch Gewebeproben. Denn die Wissenschaftler haben mittlerweile Tests entwickelt, die auch in den Untersuchungsämtern vor Ort gemacht werden können. Fieberhaft arbeiten die Wissenschaftler an einem Impfstoff. Der Präsident des Instituts Prof. Thomas Mettenleiter leitet die Forschungsgruppe. Jüngst konnte er vermelden, dass eine Entwicklung gelungen sei, die alle Kriterien erfülle.
""Was er kann? Er ist sehr viel einfacher verabreichbar. Es muss nicht jedes Huhn gespritzt werden, das geht auch über Spray oder Trinkwasser. Das Zweite was er kann: er ist ein so genannter markierter Impfstoff. Wir haben dazu Tests entwickelt, so dass man jetzt klar entscheiden kann, ob das ein infiziertes Tier oder ein geimpftes Tier ist"."
Mettenleiter schaut aus dem Fenster seines dunkel getäfelten Büros über die Insel. Der Arbeitsalltag ist wieder eingekehrt. Das Institut wird nicht mehr von den Medien belagert.
""Wir haben ja doch relativ viel Energie darauf verwendet zu sagen: Killervirus ja – aber für Geflügel. Das ist nicht das Killervirus für den Menschen. Das sind immer noch Einzelfälle. Rund 240 Fälle, wo es wirklich dokumentiert zur Infektion des Menschen gekommen ist"."
Endlich können die Wissenschaftler das machen, was eigentlich ihre Aufgabe ist. Sie forschen. Die Bundesregierung gibt in den nächsten vier Jahren 60 Millionen Euro für die Vogelgrippe-Forschung aus. Die Wissenschaftler haben mittlerweile das komplette Genmaterial der ersten gefundenen Schwäne analysiert. Ein Ergebnis besagt, dass das Virus eng verwandt ist mit einem in Osteuropa gefundenen Virus-Typ. Das ist wichtig für die weiteren Überlegungen. Die Virusarten, erklärt Mettenleiter, sind so etwas wie Autokennzeichen. Wenn man die kennt, dann kann man auch genauer sagen, wie sich das Virus verbreitet und besser Vorsorgen treffen. Denn die Ruhe, die zurzeit herrscht, ist trügerisch. In vier Monaten ein Fund – im Dresdner Zoo. Die Wissenschaftler warnen vor einer neuen Seuchenwelle. Eine positive Bilanz mag Prof. Mettenleiter nicht ziehen.
""Also wir wissen das nicht, ob wir uns jetzt auf Dauer darauf einstellen können. Wir haben das Virus nachgewiesen – seit Februar im Land. Wir haben noch nicht einmal einen gesamten Jahreszyklus mit dem Virus verursacht. Das heißt, wir wissen jetzt überhaupt noch nicht, was passiert im Herbst, wie sieht es im Winter aus? Das müssen wir erst mal abklären, ob es eine gewisse Zyklik wirklich gibt oder ob die nicht existiert, ob das Virus bei uns überwintert oder ob es neu eingetragen wird. Das sind alles Fragen, die wir im Moment auch noch nicht definitiv beantworten können"."
Um die Fragen beantworten zu können, hilft nur ein konsequentes Monitoring. Das heißt, eine Beobachtung der Populationen über das ganze Jahr. Vor allem in Zeiten, wenn Rügen wieder zum Drehkreuz der Vogelfluglinien wird. Um Proben nehmen zu können, müssen die aber erst einmal eingefangen werden. Dazu streifen Marco Nieburg und Uli Dost über die Insel. Im Schuppen des Gartens stehen allerlei Käfige aus Holz und Metall.
""So, dass ist hier unsere Bastelstube. Das sind alles Möwenfallen die wir bis zur Wende eingesetzt haben. Und dieses alte Prinzip wollen wir wieder einsetzen um Silbermöwen, Sturmmöwen zu betupfern und beproben. Die müssen alle noch eingestellt werden, damit sie im nächsten Jahr einsetzbar sind"."
Uli Dost ist eigentlich schon in Rente. Aber wenn sich jemand mit der Vogelwelt auf Rügen auskennt, dann ist er das. Früher, 15 Jahre vor der Wende, hat er selber Proben genommen für das Robert Koch Institut. 2500 pro Jahr. Die knapp 8000, die in ganz Deutschland zusammengekommen sind, nennt er eine Schande.
""Das ist meine Erfindung. So wird´s gemacht. Jetzt muss man sich das so vorstellen, dass hier eine Schnur ist – die muss noch eingestellt werden. So, hier kommt die Schnur. So, das Gelege ist hier. Die Möwe läuft rein, setzt sich auf die Schnur – knall – und die Falle fällt runter. So, und dann haben wir sie"."
In seinem Garten schwimmen Schwarzhalsschwäne neben Stockenten auf einem riesigen Teich. Hinterm Haus trillern ein paar Kanarienvögel.
""Es ist ja so: Was sich über Rügen an Zugvögeln im Frühjahr und im Herbst rüber wälzt, das sind 30 Millionen Tiere – vom Goldhähnchen bis über die Kraniche und und und. Wenn meine Zahl nicht stimmt, soll mich irgendeiner revidieren. Aber das sind Zahlen, die schon seit der letzten Eiszeit über uns drüber weggehen – alle Jahre – und nun müssen wir überlegen, dass wir mit unserer Aktion so viel wie möglich Tiere fangen um irgendwas rauszubekommen"."
Der Tierarzt nickt.
""Das ist genau das, was hier dringend notwendig ist. So seh ich das. Wir haben hier ein unglaubliches Rastgeschehen. Vögel, die hier einmal kurz parken. Das ist ein Hot Spot. Und wenn man da sagen kann: Dann und dann kommen die und die Vögel und genau in den Vögeln erwarten wir das – dann kann man sagen: Für den Zeitpunkt alles dicht machen, Schotten dicht machen. Und dann sind wir vielleicht besser geschützt, als wenn wir es nicht machen würden. Ne Garantie gibt es nie"."
Dazu muss aber erst eine entsprechende Infrastruktur geschaffen werden. Sein Job als Mittler zwischen der Insel und dem Institut ist im Mai vorbei.
""Und wenn wir es schaffen, hier auf Rügen ne vernünftige Infrastruktur so zu gestalten, dass wir Leute haben, die mit helfen, dass wir eine vor Ort haben, wie mich jetzt, dass derjenige immer parat ist, um Proben zu ziehen – dann können wir auch kontinuierlich ne Aussage darüber treffen, welche H-Variante wir gerade vorliegen haben. Wir untersuchen auf Influenza Viren und jetzt speziell auf H5N1"."
Vielleicht könnte man dann auch einen Kompromiss zum Aufstallungsgebot finden. Ein Ärgernis für die Züchter.
Noch in diesem Monat wollen sie nach Berlin fahren. Puchert hat eine Idee. Die Züchter würden sich bereit erklären, regelmäßig ihre Bestände überprüfen zu lassen, um die Aufstallung zu umgehen. Das Risiko würden sie alleine tragen.
""Darüber muss sich jeder Züchter im Klaren sein: Wenn er sie frei laufen lassen will und es passiert was, dat se getötet werden, da gibt’s nichts dran zu rütteln dann"."
Dann gibt´s auch nichts aus der Seuchenkasse. Aber das ist eh nicht soviel. 20 Euro im Schnitt für ein Tier. Gerade mal ein Drittel des Wertes.
Uli Dost wird unruhig. Er will wieder ins Freie – an den Fallen tüfteln, Vögel fangen.
""Wir wollen untersuchen und untersuchen. Dat is ne ganz normale Geschichte. Je mehr Untersuchungen desto besser. Wie wir da rankommen, das ist manchmal sehr schwierig und ich bin ein Geflügelzüchter und will allen helfen. Und ich bin bereit meinen Bestand…Ich würde ihn für die Wissenschaft opfern"."
Auch die Landrätin opfert: ihre Nerven.
""Ich hab mein Handy jetzt immer dabei, weil ich denke, irgendwann könnte es passieren, dass jemand sagt: Da ist wieder ein Tier. Aber trotzdem bin ich gefasst, weil wie gesagt, nach den Erfahrungen die man hat, kann es bald nicht mehr schlimmer kommen"."
""Das ist einer meiner schlimmsten Tage, die ich in meinem Leben durchlebt habe"."
""An den 14. Februar? Aber klar erinnere ich mich dran. Du hast angerufen und ich hab gesagt: Seid ihr sicher, und du hast gesagt: Na klar, und dann hab ich das BMELV angerufen"."
Und dann fing sie an – die Geschichte der Vogelgrippe in Deutschland. Die Geschichte von Katastrophenschützern auf Deutschlands größter Ferieninsel, von bedrohlichen Fernsehbildern, von der Hysterie, und die vielen Fragen, und einer Insel, die mit dem Image der Seucheninsel kämpft.
""Ich hab auch bis heute noch Zweifel, ob wir dieses Image wirklich ausgeräumt gekriegt haben. Das nicht doch bei Vielen dieses Bild haften geblieben ist. Das Interesse, das wieder gerade zu rücken, das hielt sich offensichtlich bei allen Beteiligten in Grenzen"."
Kerstin Kassner, Rügens Landrätin, die vor sechs Monaten unfreiwillig in die Schlagzeilen geraten war, holt tief Luft.
""Außer bei uns natürlich und das ist ne Frage des Überlebens, denn die ganze Insel lebt vom Tourismus"."
Fast sechs Wochen lang, erzählt sie, hätten die Buchungen ausgesetzt. Und auch wenn der Sommer Vieles wieder gut gemacht habe, konnte der Verlust nicht ausgeglichen werden. Bilanz: 18 Prozent weniger Gäste haben im Frühjahr Rügen besucht.
""Also ein Drittel weniger Gäste und das, wo bis Mitte Februar weit mehr Gäste als im Vorjahr da waren. Wir hatten das auch zum ersten Mal geschafft, dass im Winter mehr Gäste da waren"."
Im Wohnzimmer von Uli Dost, Vogelkundler und Artenschützer in Bergen auf Rügen, sitzen Marco Nieburg und Manfred Puchert auf dem Sofa. Der Tierarzt und der Geflügelzüchter führen ein Gespräch, von denen in den letzten sechs Monaten wohl Hunderte geführt worden sind. Marco Niebuhr ist Tierarzt, nimmt seit April Proben bei Wildvögeln und Säugetieren auf der Insel, die dann auf das H5N1 Virus untersucht werden. Manfred Puchert ist der Kreisvorsitzende der Ziergeflügelzüchter. Seit dem 1. September hat auch sein Geflügel wieder Ausgangverbot.
""Wat mir unklar ist, ihr habt bis jetzt 500 Tiere untersucht und es ist nicht ein positives Tier getestet worden - bei den Lebenden. Und trotzdem unternimmt man solche Maßnahmen. Ja genau. Das ist deshalb. Wir haben einen sehr heißen Sommer gehabt und man darf ja nicht sagen, jetzt haben wir nichts gefunden und deswegen machen wir jetzt die Ställe wieder auf. Das ist ein Kausalzusammenhang, den man nicht sehen kann. Wir haben jetzt sehr viele beprobt, und die waren zum Glück antigen-negativ. Das heißt, wir haben kein lebendes Virus gefunden, das in den Vögeln momentan ist. Und die Chance, dass wir dieses Virus hier wieder auf die Insel bekommen, die ist halt sehr, sehr groß, weil wir halt wieder Kälte bekommen - eine Umgebung, wo das Virus überleben kann"."
So sehr sich der Tierarzt auch bemüht Ruhe in die Diskussion zu bringen – der Züchter verschränkt die Hände vor dem Bauch und bleibt stur.
""Denn es ist ja auch bis heute nicht bewiesen, dat wir den Virus durch den Vogelzug bekommen haben"."
Und:
""Wir sind auch der Meinung, dat aufstallen nutzt überhaupt nichts. Die Bauern gehen dann auf die Wiese, mähen das Gras und schmeißen dat dann in den Stall rein. Da ist der Kreislauf wieder da. Dann schmeißen wir den Virus von der Wiese in den Stall. Ja gut, das Eine hat mit dem Anderen nichts zu tun. Nein wir haben doch…Man muss doch davon ausgehen, jeder ist für sich selbst verantwortlich. Gut wir haben eine Gesetzgebung die probiert, den Verbraucher in eine Linie rein zubringen. Aber wenn man selber der Meinung ist, ich habe Angst davor, den Virus in den Stall zu kriegen, dann muss man auch selber Vorkehrungen treffen, dass das nicht passiert. Dann sagt man halt, das Gras von der Wiese, wo die ganzen Gänse drauf koten, das wird dann in diesem Jahr eben nicht genommen. Wenn man Sicherheit haben möchte, dann muss man auch was dafür tun"."
Manfred Puchert schüttelt den Kopf. Was nutzt das ganze Aufstallen, wenn die Gefahr wo anders herkommt.
""Nach unserer Meinung kann der Virus nur durch das Futter da rein gekommen sein. Das ist meine Meinung, die ich immer gesagt habe. Die Futterhersteller machen Folgendes: die wollen ihren Kot los werden und kochen den auf und bringen den in die Pellets rein. Das ist ne ganz klare Situation"."
Das Aufstallungsgebot, dass das Land jetzt noch verschärft hat, bringt die Zuchterfolge in Gefahr. Daran denkt kaum jemand.
""Wir haben ja auch ein Kulturerbe: die Pommerngänse und Enten. Nichts ist mit Nachzucht in diesen Jahr. Wir verlieren die ganzen Züchter"."
Viele Geflügelarten vermehren sich im Stall gar nicht oder nur sehr schwer. Sechs Prozent der Züchter haben schon aufgegeben. Auch von den alternativen Käfighaltungsformen halten Sie nichts.
""Der Herr Seehofer möchte nach unserer Meinung, dass ganzjährig im Stall gezüchtet wird. Dann hat die Industrie gewonnen"."
Die einzige Möglichkeit, das Virus in den Griff zu kriegen:
""Impfen. Es ist bekannt, dass es in Russland einen Impfstoff gibt und in Holland. Wir sind der Meinung, dass das Friedrich Löffler Institut einen Impfstoff entwickeln sollte. Aber das dauert"."
Das Friedrich Löffler Institut ist knapp 30 Kilometer von Rügen entfernt. Auf der Halbinsel Riems. Adresse: Boddenblick 5a, Tierseuchensperrbezirk – Betreten für Ungefugte verboten. Man kommt nur über einen langen Damm auf die Insel. Noch immer fährt Timm Harder hier morgens etwas langsamer.
""Man hat ne andere Sensibilität entwickelt in dieser Hinsicht. Man schaut sich schon etwas genauer die Schwäne an – wie lange sie den Kopf unter Wasser halten und ob der wieder an der Oberfläche erscheint. Das kommt schon vor. Das ist ja wirklich nicht ausgeschlossen, dass wir wieder ähnliche Verhältnisse bekommen und je früher man das erkennt und je höher die Wachsamkeit ist, desto eher kann man auch regulierend eingreifen"."
Dr. Timm Harder ist der Leiter des Nationalen Referenzlabors für aviäre Influenza. Hier wurden 343 Vögel positiv auf das aggressive H5N1 Virus Typ Asia getestet. Schwäne, Wildenten, Turmfalken, Bussarde, und zu allem Übel noch Marder und drei Katzen. Alles, was infiziert schien, wurde auf das abgelegene 20 Hektar große Eiland geliefert. Zunächst säckeweise Vögel aus ganz Deutschland, zum Schluss nur noch Gewebeproben. Denn die Wissenschaftler haben mittlerweile Tests entwickelt, die auch in den Untersuchungsämtern vor Ort gemacht werden können. Fieberhaft arbeiten die Wissenschaftler an einem Impfstoff. Der Präsident des Instituts Prof. Thomas Mettenleiter leitet die Forschungsgruppe. Jüngst konnte er vermelden, dass eine Entwicklung gelungen sei, die alle Kriterien erfülle.
""Was er kann? Er ist sehr viel einfacher verabreichbar. Es muss nicht jedes Huhn gespritzt werden, das geht auch über Spray oder Trinkwasser. Das Zweite was er kann: er ist ein so genannter markierter Impfstoff. Wir haben dazu Tests entwickelt, so dass man jetzt klar entscheiden kann, ob das ein infiziertes Tier oder ein geimpftes Tier ist"."
Mettenleiter schaut aus dem Fenster seines dunkel getäfelten Büros über die Insel. Der Arbeitsalltag ist wieder eingekehrt. Das Institut wird nicht mehr von den Medien belagert.
""Wir haben ja doch relativ viel Energie darauf verwendet zu sagen: Killervirus ja – aber für Geflügel. Das ist nicht das Killervirus für den Menschen. Das sind immer noch Einzelfälle. Rund 240 Fälle, wo es wirklich dokumentiert zur Infektion des Menschen gekommen ist"."
Endlich können die Wissenschaftler das machen, was eigentlich ihre Aufgabe ist. Sie forschen. Die Bundesregierung gibt in den nächsten vier Jahren 60 Millionen Euro für die Vogelgrippe-Forschung aus. Die Wissenschaftler haben mittlerweile das komplette Genmaterial der ersten gefundenen Schwäne analysiert. Ein Ergebnis besagt, dass das Virus eng verwandt ist mit einem in Osteuropa gefundenen Virus-Typ. Das ist wichtig für die weiteren Überlegungen. Die Virusarten, erklärt Mettenleiter, sind so etwas wie Autokennzeichen. Wenn man die kennt, dann kann man auch genauer sagen, wie sich das Virus verbreitet und besser Vorsorgen treffen. Denn die Ruhe, die zurzeit herrscht, ist trügerisch. In vier Monaten ein Fund – im Dresdner Zoo. Die Wissenschaftler warnen vor einer neuen Seuchenwelle. Eine positive Bilanz mag Prof. Mettenleiter nicht ziehen.
""Also wir wissen das nicht, ob wir uns jetzt auf Dauer darauf einstellen können. Wir haben das Virus nachgewiesen – seit Februar im Land. Wir haben noch nicht einmal einen gesamten Jahreszyklus mit dem Virus verursacht. Das heißt, wir wissen jetzt überhaupt noch nicht, was passiert im Herbst, wie sieht es im Winter aus? Das müssen wir erst mal abklären, ob es eine gewisse Zyklik wirklich gibt oder ob die nicht existiert, ob das Virus bei uns überwintert oder ob es neu eingetragen wird. Das sind alles Fragen, die wir im Moment auch noch nicht definitiv beantworten können"."
Um die Fragen beantworten zu können, hilft nur ein konsequentes Monitoring. Das heißt, eine Beobachtung der Populationen über das ganze Jahr. Vor allem in Zeiten, wenn Rügen wieder zum Drehkreuz der Vogelfluglinien wird. Um Proben nehmen zu können, müssen die aber erst einmal eingefangen werden. Dazu streifen Marco Nieburg und Uli Dost über die Insel. Im Schuppen des Gartens stehen allerlei Käfige aus Holz und Metall.
""So, dass ist hier unsere Bastelstube. Das sind alles Möwenfallen die wir bis zur Wende eingesetzt haben. Und dieses alte Prinzip wollen wir wieder einsetzen um Silbermöwen, Sturmmöwen zu betupfern und beproben. Die müssen alle noch eingestellt werden, damit sie im nächsten Jahr einsetzbar sind"."
Uli Dost ist eigentlich schon in Rente. Aber wenn sich jemand mit der Vogelwelt auf Rügen auskennt, dann ist er das. Früher, 15 Jahre vor der Wende, hat er selber Proben genommen für das Robert Koch Institut. 2500 pro Jahr. Die knapp 8000, die in ganz Deutschland zusammengekommen sind, nennt er eine Schande.
""Das ist meine Erfindung. So wird´s gemacht. Jetzt muss man sich das so vorstellen, dass hier eine Schnur ist – die muss noch eingestellt werden. So, hier kommt die Schnur. So, das Gelege ist hier. Die Möwe läuft rein, setzt sich auf die Schnur – knall – und die Falle fällt runter. So, und dann haben wir sie"."
In seinem Garten schwimmen Schwarzhalsschwäne neben Stockenten auf einem riesigen Teich. Hinterm Haus trillern ein paar Kanarienvögel.
""Es ist ja so: Was sich über Rügen an Zugvögeln im Frühjahr und im Herbst rüber wälzt, das sind 30 Millionen Tiere – vom Goldhähnchen bis über die Kraniche und und und. Wenn meine Zahl nicht stimmt, soll mich irgendeiner revidieren. Aber das sind Zahlen, die schon seit der letzten Eiszeit über uns drüber weggehen – alle Jahre – und nun müssen wir überlegen, dass wir mit unserer Aktion so viel wie möglich Tiere fangen um irgendwas rauszubekommen"."
Der Tierarzt nickt.
""Das ist genau das, was hier dringend notwendig ist. So seh ich das. Wir haben hier ein unglaubliches Rastgeschehen. Vögel, die hier einmal kurz parken. Das ist ein Hot Spot. Und wenn man da sagen kann: Dann und dann kommen die und die Vögel und genau in den Vögeln erwarten wir das – dann kann man sagen: Für den Zeitpunkt alles dicht machen, Schotten dicht machen. Und dann sind wir vielleicht besser geschützt, als wenn wir es nicht machen würden. Ne Garantie gibt es nie"."
Dazu muss aber erst eine entsprechende Infrastruktur geschaffen werden. Sein Job als Mittler zwischen der Insel und dem Institut ist im Mai vorbei.
""Und wenn wir es schaffen, hier auf Rügen ne vernünftige Infrastruktur so zu gestalten, dass wir Leute haben, die mit helfen, dass wir eine vor Ort haben, wie mich jetzt, dass derjenige immer parat ist, um Proben zu ziehen – dann können wir auch kontinuierlich ne Aussage darüber treffen, welche H-Variante wir gerade vorliegen haben. Wir untersuchen auf Influenza Viren und jetzt speziell auf H5N1"."
Vielleicht könnte man dann auch einen Kompromiss zum Aufstallungsgebot finden. Ein Ärgernis für die Züchter.
Noch in diesem Monat wollen sie nach Berlin fahren. Puchert hat eine Idee. Die Züchter würden sich bereit erklären, regelmäßig ihre Bestände überprüfen zu lassen, um die Aufstallung zu umgehen. Das Risiko würden sie alleine tragen.
""Darüber muss sich jeder Züchter im Klaren sein: Wenn er sie frei laufen lassen will und es passiert was, dat se getötet werden, da gibt’s nichts dran zu rütteln dann"."
Dann gibt´s auch nichts aus der Seuchenkasse. Aber das ist eh nicht soviel. 20 Euro im Schnitt für ein Tier. Gerade mal ein Drittel des Wertes.
Uli Dost wird unruhig. Er will wieder ins Freie – an den Fallen tüfteln, Vögel fangen.
""Wir wollen untersuchen und untersuchen. Dat is ne ganz normale Geschichte. Je mehr Untersuchungen desto besser. Wie wir da rankommen, das ist manchmal sehr schwierig und ich bin ein Geflügelzüchter und will allen helfen. Und ich bin bereit meinen Bestand…Ich würde ihn für die Wissenschaft opfern"."
Auch die Landrätin opfert: ihre Nerven.
""Ich hab mein Handy jetzt immer dabei, weil ich denke, irgendwann könnte es passieren, dass jemand sagt: Da ist wieder ein Tier. Aber trotzdem bin ich gefasst, weil wie gesagt, nach den Erfahrungen die man hat, kann es bald nicht mehr schlimmer kommen"."