Eine Mutter verschwindet

Zerbrochen an den Rollenerwartungen

34:37 Minuten
Filmstill aus "Bilder (M)einer Mutter"
Szene aus dem Dokumentarfilm "Bilder (M)einer Mutter": Gabi Lischker wirkt glücklich - doch sie zerbricht an ihrer Mutterrolle. © Koberstein Film
Moderation: Utz Dräger · 17.04.2022
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Die Filmemacherin Melanie Lischker wächst mit einer abwesenden Mutter auf: Von Anfang an wirkt diese unglücklich in ihrer Rolle und stirbt schließlich früh. 20 Jahre später sucht ihre Tochter nach Erklärungen.
Gabi Lischker wächst in den 50er-Jahren in einer bayerischen Kleinstadt auf. Sie kommt aus einer Arbeiterfamilie, ein eigenes Zimmer hat sie nicht. Für Selbstverwirklichung ist kein Raum, genauso wenig für Gabis Zukunftsträume, wie sie ihrem Tagebuch anvertraut:

Ich habe eben rausgeschaut und eine Zigarette geraucht. Es war alles ganz okay, bis ich Mutti erzählte, was ich mal werden will. Ich glaube, dass ich nicht Lehrerin werden will, sondern Kunst studiere. Mutti hänselte mich, dass ich mich zusammenreißen und vernünftig sein sollte. Ich hätte ihr am liebsten eine runtergehauen.

Aus Gabi Lischkers Tagebuch

Als Mutter zunehmend unglücklich

Dann lernt Gabi Tommy kennen. Und der weiß ganz genau, was er will. Die beiden verloben sich, ziehen später gemeinsam nach Düsseldorf, wo Tommy sein Toningenieurstudium aufnimmt. Gabi ist nun Hausfrau - und kurz darauf auch Mutter. In beiden Rollen ist sie zunehmend unglücklich.

Lieber Tommy, Du sagt, Du hast dich schon lange über nichts mehr gefreut. Was würde dich denn freuen? So richtig ausgelassen war ich auch lange nicht. Aus vollem Herzen lachen oder mit Melanie rumtoben? Dazu bin ich auch nicht mehr aufgelegt. Was würdest Du denn tun, wenn Du alleine wärst? Vielleicht etwas riskieren? Jetzt bist Du gebunden. Aber vergiss nicht: Ich verdiene zwar nicht die Brötchen, aber ich bin auch gebunden. Es fehlt mir sehr, dass ich von keinem mehr als Frau gesehen werde. Du weißt ja, dass ich zur Zeit nur sehr ungerne Hausfrau und Mutter bin. Am liebsten ließe ich alles stehen und führe weg. Nur damit Du weißt, wie es mir zur Zeit geht.

Gabi Lischker

Die Tochter dreht einen Film über ihre Mutter

Auf den Bildern und Videos, die in dieser Zeit entstehen, blickt Gabi ernst. Nach und nach zieht sie sich aus dem Familienleben zurück - und stirbt schließlich an einer Krebserkrankung.
20 Jahre später macht sich ihre Tochter, die Filmemacherin Melanie Lischker, auf die Suche nach der abwesenden Mutter: Sie sichtet altes Filmmaterial und stößt auf Tagebücher, die ihr intime Einblicke in die Gefühlswelt ihrer Mutter geben. Ihr Film “Bilder (M)einer Mutter” kam im Herbst 2021 ins Kino.

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Die Filmemacherin Melanie Lischker ist zu Gast bei “Plus Eins” und spricht über ihren Film. Ein Film über eine Generation von Frauen, die zwar formal gleichberechtigt, aber in ihren Möglichkeiten und Freiheiten immer noch stark eingeschränkt war.

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