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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 20.11.2014

Zentrum für verletzte TiereFledermäuse in Gefahr

Bundesweit einzigartige Einrichtung in einem Bunker in Hannover

Von Michael Engel

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Eine Fledermaus der Art Großes Mausohr wird in der Hand gehalten. (picture alliance / dpa / Matthias Bein)
Das Große Mausohr und andere Fledermäuse sind in Gefahr. (picture alliance / dpa / Matthias Bein)

Viele Fledermäuse wiegen weniger als fünf Gramm, aber leicht haben sie es nicht. Bei Baumfällungen werden sie Opfer der Kettensägen oder sie wachen aus dem Winterschlaf auf und erfrieren. Ein neues Fledermauszentrum hilft den Tieren.

Der alte Bunker ist mit Graffiti verschmiert. Auch die Eisentür, der einzige Zugang zu dem Betonklotz, sieht kunterbunt aus. Dr. Renate Keil hat den Schlüssel dazu:

Von nun an geht's auf einer Wendeltreppe steil nach oben. Die Tierärztin nimmt die Stufen täglich, denn oben, da wohnen ihre Patienten:

"Wir befinden uns jetzt in einem alten Bunker aus dem zweiten Weltkrieg, der Jahrzehnte lang leer gestanden hat und jetzt das Fledermauszentrum im oberen Stockwerk beherbergt. Das heißt, dort werden jetzt die Fledermäuse gesund gepflegt, die hilfebedürftig oder verletzt gefunden werden."

"Oh, wie siehst Du den aus? Oh."

Maiky, das kleine Mausohr, sieht heute nicht gut aus. Leonie Stemwedel – eine ehrenamtliche Pflegerin - nimmt den zerzausten Winzling in die Hand.

Ein Problem: Dachsanierungen

Leonie Stemwedel: "Vorsichtig, Schätzelein. Mhh. Du bist ja ganz mager. Das ist nicht so gut."

Zum Glück kommt die Tierärztin gerade herein. Die ganz schlimmen Fälle nimmt sie mit nach Hause – in ihre Praxis. Und auch Maiky muss wohl auf die "Intensivstation":

"Ja, das ganze Fell ist völlig verklebt. Völlig nass. Da hat er sich nicht nur angepinkelt, sondern das klebt wirklich richtig. Den werden wir erstmal baden. Und dann werde ich den mal mit nach Hause nehmen."

Vielleicht liegt es am Zahnstein, vermutet die Expertin. Wenn es entzündet ist, fressen die Tiere nicht und magern ab. Im Fledermauszentrum werden sie gesund gepflegt. Die kleinen Säugetiere leben in speziell gefertigten Holzkästen und schwirren – so schon wieder flugfähig – in geräumigen Volieren umher. Fünf Volieren – getrennt nach Arten – sind es gegenwärtig. Neue "Patienten" kommen gerade in dieser kälter werdenden Jahreszeit zuhauf – zum Beispiel wegen gefällter Bäume, in denen Fledermäuse leben, nun aber obdachlos geworden sind. Auch Dachsanierungen setzen den Tieren zu.

"Gerade im Winterschlaf kann das natürlich passieren, dann sind die ruhig, dann hört man auch nichts. Und wenn sie Glück haben, das ist vor zwei Jahren passiert, da ist ein Dach saniert worden, die Dachpappe ist abgerissen worden, dabei wurde die Kolonie zwar entdeckt, aber leider doch so schwer geschädigt, dass die Hälfte tot ankam. Da haben wir dann an einem Nachmittag 200 noch lebende Fledermäuse bekommen und ein paar hundert, die eben schon tot waren."

Untergebracht im ehemaligen Weltkriegsbunker

Das Fledermauszentrum in Hannover ist einzigartig: Früher hatte der BUND nur eine kleine "Waldstation" vor Ort. Die reichte an manchen Tagen bei weitem nicht aus. Mit dem neuen Fledermauszentrum im ehemaligen Weltkriegsbunker gibt es diese Engpässe nun nicht mehr. Fast jeden Tag werden neue, flügellahme Patienten eingeliefert – aus verschiedensten Gründen. Meist werden sie von der Feuerwehr gebracht oder von Mitarbeitern des BUND eingesammelt. Gerade kommt Silke Schrader durch die Tür:

"Frau Dr. Keil hatte uns angerufen, wir haben so einen Notdienst mit Handy. Und da hatte sie uns zu einer urologischen Praxis in Langenhagen geschickt. Da war eine Fledermaus aufgetaucht. Die saß ganz oben in einem Flur in der Ecke. Und da sind wir halt hingefahren. Wir haben alle so ein Körbchen im Auto. So ein Kasten, der Fledermausgerecht ausgestattet ist. Auch ein paar Spritzen, damit man die Fledermaus gleich mit Wasser versorgen kann. Sie machte eigentlich einen recht munteren Eindruck, die kleine Fledermaus. Wir hoffen, dass wir sie heute Abend, wenn sie für gesund befunden wurde, wieder auswildern können."

Die Gefahr droht allerorten: Hauskatzen stellen den Fledermäusen nach, und auch Windkraftanlagen bedrohen die Tiere. Zigtausende kollidieren mit den sich drehenden Rotorblättern, weil hier offenbar die Echoortung versagt. Manchmal genügen nur wenige Stunden, in anderen Fällen sind es Monate, bis die verletzten Tiere wieder gesund sind. Bevor es in die Freiheit geht, müssen die Winzlinge aber noch den Flugtest bestehen. Gleich ist es wieder soweit.

"Jetzt wollen wir sie mal fliegen lassen. Ich werde sie jetzt in die richtige Position bringen, damit sie dann losfliegt. Aber hier, sie macht schon Anstalten. Sie breitet schon die Flügelchen aus, dass sie so hängt. Und das ist jetzt ihre Abflugposition. (Pause) Siehst Du. Sie fliegt wunderbar."

Silke Schrader wird heute noch einmal zu der urologischen Praxis fahren. Denn es ist ganz wichtig, die Fledermäuse dort auszusetzen, wo sie gefunden wurden. Dort ist die Familie, der Sozialverbund der Fledermaus. Das ist wichtig: Denn nur in der Gruppe können die plüschigen Winzlinge überleben.

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