Zeitstücke

Von Ulrike Gondorf |
Der 9. November ist ein Datum, das wie kein anderes mit der Erinnerung an folgenschwere historische Ereignisse aufgeladen ist. Drei große Ereignisse der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts fallen auf dieses Datum.
1918 das Ende des Kaiserreiches und die Ausrufung der ersten deutschen Republik. 1938 die Pogromnacht, in der Synagogen, Geschäfte und Wohnungen brannten und mit der die massive Verfolgung der Juden in Nazi-Deutschland in ihre mörderische Phase eintrat. Und 1989 die Öffnung der Berliner Mauer. Das historische Datum gibt Anlass, einen Blick auf die Wechselwirkungen zwischen der politischen Bühne und dem Theater zu werfen.

Diese drei Schlüsselmomente der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts haben natürlich auch Theatergeschichte geschrieben.

Die schwierige Zeit des Übergangs vom Kaiserreich zur Republik, die nur teilweise erfolgreiche deutsche Revolution von 1918 steht zum Beispiel im Hintergrund von Bertolt Brechts Jugendwerk "Trommeln in der Nacht"; die traumatische Erfahrung des verlorenen Krieges, die zu diesem Umsturz führte, bestimmt Ernst Tollers "Hinkemann" – beides aufwühlende, expressionistische Stücke, die aus der unmittelbaren Zeitzeugenschaft geschrieben sind. Die wenigen guten Jahre der folgenden Weimarer Republik waren eine große Zeit des politischen Theaters – der Name Erwin Piscator mag hier für viele stehen.

Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit ist ein zentraler Aspekt der Nachkriegsdramatik – mit der charakteristischen Zeitverzögerung: Wiederaufbau und Wirtschaftswunderjahre übten sich in kompletter Verdrängung. 1963 bis 1965 fanden die Frankfurter Auschwitzprozesse statt, die kein Verschweigen und Wegsehen mehr gestatteten. 1963 hatte Rolf Hochhuths Drama "Der Stellvertreter" Premiere, das die Frage nach der Mitschuld der katholischen Kirche stellt. Es provozierte nicht nur einen Skandal, sondern auch die wohl umfassendste und nachhaltigste öffentliche Debatte, die in Deutschland je von einer Bühne ausgegangen ist. Insofern könnte man Hochhuths Drama geradezu als Idealfall eines "Zeitstücks" bezeichnen. Von der "Ermittlung" von Peter Weiss 1965 bis zu Heinar Kippharts "Bruder Eichmann" 1983 wurde immer wieder auch mit den Mitteln des dokumentarischen Theaters versucht, Verbrechen und Schrecken von Diktatur und Krieg auf der Bühne vor Augen zu führen.

Das Ende der DDR und der Fall der Mauer haben das große, die Diskussion beherrschende Drama (bis jetzt noch) nicht hervorgebracht – es könnte sein, dass in diesem Fall der Film wichtigere Beiträge geleistet hat. Immerhin hat Botho Strauß sein Stück "Schlußchor" 1991 am Abend des Mauerfalls vor der Folie einer neuen deutschen Realität spielen lassen: einer Realität, die die handelnden Personen überhaupt nicht begreifen und verarbeiten können.

Schon diese wenigen Beispiele zeigen, dass das "Zeitstück" zwar durch ein Thema, nicht aber durch bestimmte künstlerische Mittel oder einen Stil geprägt wird. Während etwa Weiss und Kipphart ihre Stücke auf Originaldokumenten, Protokollen und Akten aufbauen, greift Botho Strauß zu symbolischen, sich der Welt von Träumen, Alpträumen und Mythen öffnenden Mitteln. Bei ihm spielt der Adler als Nationalsymbol ebenso eine Rolle wie Beethovens "Ode an die Freude". Auch die Dramen der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek sind in ihrer obsessiven Suche nach den Triebkräften für Fremdenhass, Gewalt und Autoritätshörigkeit gewiss politisch-zeitgeschichtlichen Themen verpflichtet, gehen in ihren sprachlich hochartifiziellen und vielschichtigen Textlabyrinthen aber ästhetisch ganz eigene Wege.
Auch Formen wie Satire und Groteske hat das "Zeitstück" erprobt", jüngstes Beispiel ist die Farce "Tasmanien" von Fabrice Melquiot, kürzlich am Theater Bonn uraufgeführt. Ihr Held ist eine schrill-überdrehte Karikatur von Nicolas Sarkozy.

Aktuell und viel gespielt sind daneben Stücke, die nicht die "große Politik" und ihre handelnden Personen ins Auge fassen, sondern das gesellschaftliche Klima und seine Auswirkungen auf den Alltag ganz normaler "kleiner" Leute. Ein herausragender Vertreter dieser Richtung ist der britische Autor Simon Stephens, der bei uns derzeit zu den meistgespielten Dramatikern zählt. Sein Stück "Motortown", das von der Rückkehr eines traumatisierten Soldaten aus dem Irakkrieg handelt, der aus allen Bindungen herausgefallen ist und sich nicht mehr anpassen kann an ein Leben mitten im "Frieden" steht zur Zeit an rund einem Dutzend deutscher Sprechbühnen auf dem Spielplan.