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Zeitfragen | Beitrag vom 09.12.2020

Zeitschrift "Mut" im WandelDie Abkehr vom Rechtsextremismus

Von Thilo Schmidt

Blick in die Frankenhalle in Würzburg während der Gründungsversammlung. Unter heftigen Gegenprotesten gründeten am 31. Oktober 1970 etwa 3000 Angehörige von rechtsgerichteten Gruppen und Verbänden die vorwiegend von der NPD getragene Sammlungsbewegung Aktion Widerstand mit dem Ziel, die Ratifizierung des Moskauer Vertrages mit allen Mitteln zu verhindern und mit einem Volksbegehren Neuwahlen des Bundestages zu erzwingen. Die Teilnehmer der Versammlung formierten sich später – trotz Verbots – zu einem Demonstrationszug. (AKG / Schnörrer)
Die Gründungsveranstaltung der "Aktion Widerstand" wurde maßgeblich von "Mut"-Herausgeber Wintzek mit vorangetrieben, sagt der Politikwissenschaftler Gideon Botsch. (AKG / Schnörrer)

Die 1965 gegründete Zeitschrift „Mut“ war ein nationalrevolutionäres Sprachrohr in Zeiten politischen Wandels. Doch in den 80ern begann eine bemerkenswerte Wandlung. Herausgeber Wintzek setzte sich nun für Liberalität, Toleranz und geistige Pluralität ein.

"Willy Brandt an die Wand". Der erste sozialdemokratische Bundeskanzler – für die einen die große Hoffnung im Kalten Krieg, durch seine Ostpolitik und "Wandel durch Annäherung". Für die anderen ein Feindbild. Ein Symbol für den Verrat deutscher Interessen.

Günter Grass macht Wahlkampf für Willy Brandt. Der Schriftsteller spricht auf mehr als 100 Veranstaltungen.

"Aber ich klage auch uns alle an, wie wir es zugelassen haben, wie unseren Landsleuten in der DDR die Hauptlast des verlorenen Krieges aufgebürdet worden ist. Solange sie uns noch besuchen durften, haben wir sie wohlwollend und von oben herab wie die armen Verwandten behandelt! Ich weiß, ihr wollt von den Leuten in der DDR nichts wissen, ich weiß es!"

Auf einer Veranstaltung in Cloppenburg wird Günter Grass‘ Wahlkampfrede massiv gestört. Aus dem Publikum fliegen Eier auf die Bühne.

Am Ende unterliegt Willy Brand bei der Bundestagswahl 1965 Ludwig Erhard. 

Wenige Wochen später gründet der 22-jährige Bernhard Christian Wintzek im niedersächsischen Asendorf mit zehn anderen Studenten und Schülern die Zeitschrift "Mut" – motiviert durch das Schicksal der Vertriebenen und den Bau der Mauer.

Bernhard Wintzek, geboren 1943 in Schlesien, Sohn einer Apothekerin und eines Gutsverwalters. Die Familie flieht nach dem Krieg nach Norddeutschland. Wintzek, ein eher durchschnittlicher Schüler, meldet sich 1962 beim Bundesgrenzschutz zum Dienst und bleibt anderthalb Jahre. Danach studiert er zwei Jahre Sozialpädagogik und arbeitet anschließend als Lehrer. 

Auflage von "Mut" anfangs 300 Stück

Die Zeitschrift "Mut" erscheint zunächst zwei Mal im Monat. In einer Auflage von anfangs 300 Stück. Zu diesem Zeitpunkt ist ihre politische Ausrichtung noch nicht klar, sagt Gideon Botsch, Politikwissenschaftler am Moses-Mendelssohn-Zentrum in Potsdam. 

"Die ganz frühe Frühphase ist für mich auch ein bisschen ungeklärt, da steht meines Erachtens noch empirische Forschung aus."

Inhaltlich beeinflusst wird Wintzek, wie er selbst einmal sagte, von den Erzählungen seiner Eltern über Flucht und Vertreibung aus Schlesien.

Artikel aus der Zeitschrift "Mut":

Ausgabe 2, Dezember 1965: Bernhard C. Wintzek: Wir Nationaleuropäer und die Europa-Idee
Ausgabe 10, Mai 1967: Henning Jäde: Der konzertierte Kompromiss: Große Koalition – die ersten 100 Tage
Ausgabe 11, Juli 1967: Bernhard C. Wintzek: Wir jungen Nationaleuropäer stehen hinter den Heimatvertriebenen!

In dieser Zeit kommt Wintzek das erste Mal mit rechtsextremen Milieus in Kontakt. Zwei Jahre später, 1969, die Zeitschrift erscheint nun monatlich, wird Willy Brandt Bundeskanzler. Spätestens jetzt beginnt Christian Wintzeks "Irrweg" nach Rechtsaußen, wie er später selbst sagen wird. 

"Mit den späten Sechziger und den Siebziger Jahren wird das eindeutig ein rechtsextremes Kampfblatt, und zwar insbesondere gelesen von denen, die aktivistisch sind, seien es jetzt sogenannte nationalrevolutionäre aktivistische Gruppen oder eben auch sogar neonazistische Gruppen, vor allem aus dem Bereich der rechtsextremen Jugendverbände, da findet es großen Anklang", sagt Gideon Botsch.

"Hier ist besonders der Bund heimattreuer Jugend wichtig. Der sich damals, Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger Jahre zum zentralen Durchlauferhitzer für Gewalt entwickelt. Und das alles kommt zusammen, kulminiert 1970 in der sogenannten "Aktion Widerstand" – gegen die neue Ostpolitik der neuen sozialliberalen Koalition agitiert und sehr schnell in Gewalt kippt." 

Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit ist fragwürdig

"Bilden wir jetzt eine gesamtdeutsche Aktionsfront aller Kräfte der nationalen Opposition, …", heißt es in "Mut", Ausgabe 37, September 1970, "… um durch legalen, gewaltlosen Widerstand noch das zu retten, was für Deutschland zu retten ist."

Doch das Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit ist fragwürdig. Zu diesem Zeitpunkt stehen bereits "Mut" und militante rechte Gruppierungen wie die Wiking-Jugend einander nahe. Und wenige Monate vorher kündigt "Mut" bereits "aktiven Widerstand" an.

"Weil wir Deutschlands Jugend nicht endgültig in Irrsinn und körperliche Selbstzerstörung pressen lassen wollen …", heißt es in Ausgabe 34, Juni 1970, "kämpfen wir gegen die geheimen und bekannten skrupellosen Jugendverführer und Volksdemagogen. Mut setzt mit jeder Ausgabe der seelischen und politischen Zersetzung unseres Volkes aktiven Widerstand entgegen. Mut ist das Gewissen der jungen Generation."

Mai 1970. Gipfeltreffen zwischen Willy Brandt und DDR-Ministerpräsident Willi Stoph in Kassel. Zwei Monate zuvor tauschten sich beide bereits in Erfurt aus. Es ist der Auftakt der deutsch-deutschen Annäherung.

Es kommt zu Demonstrationen extrem rechter Gruppierungen. Für sie ist der verlorene Krieg nicht Befreiung, sondern Niederlage. Sie fürchten den "Ausverkauf deutscher Interessen", wenn die DDR faktisch anerkannt wird. Ein Radioreporter des Südwestfunks beschreibt die Aufmärsche in Kassel. 

"In lockeren Reihen mit vielen Transparenten ziehen etwa – nun, im Augenblick jetzt wo der Zug beginnt mögen es vielleicht 500 sein – die Straße entlang und singen dazu ein Lied, 'Nieder mit der DKP'", berichtet ein Reporter.

"Straßen werden blockiert, ein Aktivist des Rechtsextremismus springt auf den Wagendeckel der Staatskarosse von Stoph", sagt Gideon Botsch.

Neonazistischer Agitator auf Demonstration

Der heutige AfD-Gutachter, also Gutachter der AfD in der Frage der Verfassungsschutzbeobachtung, Dietrich Murswiek, und einige Freunde holen eine DDR-Fahne vom Fahnenmast herunter, Jürgen Rieger, der neonazistische Agitator geriert sich hier als gewalttätiger Demonstrant, das ist die Stimmung in dieser Situation.

Und dass es nicht zu terroristischen Anschlägen kommt, liegt nur daran, dass am Abend vorher eine terroristische Gruppe von der Polizei ausgehoben worden ist. Das alles ist das Feld, in dem "Mut" gelesen wird und das Publikum, das "Mut" trägt in dieser Zeit.

Wenige Monate später, in der Septemberausgabe 1970, veröffentlicht die "Mut" eine Fotomontage, in der Willy Brandt am Galgen hängt. 

"Willy Brandt - an die Wand! Willy Brandt - an die Wand!" Würzburg, 31. Oktober 1970. "Volksverräter Willy Brandt – raus aus unsrem Vaterland! … Stellt den Brandt an die Wand! … Haut den Roten auf die Pfoten!"

"Und Ende Oktober findet die Gründungsveranstaltung der 'Aktion Widerstand' statt", sagt Botsch. "Die ganz maßgeblich von Wintzek mit vorangetrieben wird. 'Mut' und Wintzek sind wichtige Motoren hinter der 'Aktion Widerstand'." 

An der "Aktion Widerstand", gegründet als Reaktion auf den Zerfall der NPD, sind neben der NPD selbst auch militante Organisationen wie der Arbeitskreis Volkstreuer Verbände beteiligt . Funktionäre dieser rechtsextremen Organisation sind neben Wintzek unter anderem: Der NPD-Vorsitzende Adolf von Thadden sowie Arthur Ehrhardt, unter Hitler Sturmbannführer der Waffen-SS und nach dem Krieg Verfasser rassistischer und antisemitischer Texte. 

"Neben der NPD, neben dem Arbeitskreis volkstreuer Verbände und neben den Jugendverbänden, an erster Stelle hier wieder der Bund heimattreuer Jugend, der existiert unter dem Namen Freibund bis heute. Das ist der Verein, in deren Tradition die Gruppen stehen, in denen etwa Andreas Kalbitz auf Lagern teilgenommen hat möglicherweise. Ja?", sagt Botsch. "Das ist diese Tradition. Und in dieser Zeit mit einer massiven Neigung zur Gewalt."

3000 Rechtsextremisten bei Gründung von "Aktion Widerstand"

An der Gründung der "Aktion Widerstand" nehmen 3000 Rechtsextremisten teil. 

"In der Durchsetzung des Rechtes und der Wahrheit und des Rechtes müssen wir alle nur erdenklichen Mittel der Aufklärung einsetzen, um die lebenswidrig verlogenen Giftnägel einer parteipolitischen Rattenfängergesellschaft aufzureißen, damit unser Volk erkennt, wie sehr es betrogen worden ist und welchem Abgrund es zutreibt!", heißt es dort.

"Und wenige Tage nach der Gründung der 'Aktion Widerstand' schießt ein Angehöriger dieser Szene, Ekkehard Weil, in Berlin auf den sowjetischen Wachsoldaten Iwan Stscherbak am Sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten. Er verletzt ihn schwer, und einige Hundert Meter vom Tatort entfernt findet man Parolen, die sich auf die Tat beziehen – und man findet ein Flugblatt, unterschrieben von der Europäischen Befreiungsfront, also unter Bezugnahme auf diese terroristische Gruppe, die im Mai ausgehoben worden ist, das ankündigt: Die Liquidation des politischen Gegners. In diesem Fall des sowjetischen Wachsoldaten", erzählt Botsch.

"Und auf diesem Flugblatt findet sich eine Abbildung, die rauskopiert ist oder rausgeschnitten ist aus der aktuellen 'Mut'-Ausgabe, die Bezug nimmt auf diese ganze Kampagne, die Brandt und Wehner zu Verrätern erklärt, und die ja in Würzburg auf der Veranstaltung auch mit 'Brandt an die Wand', 'Hängt die Verräter' und so weiter zum Ausdruck kommt. Das ist 'Mut'."

"Willy Brandt ist soeben eingetroffen, er kommt jetzt über diesen weiten Platz die Stufen zu dem Denkmal herauf..." Ein Reporter aus Warschau, im Dezember 1970, wenige Wochen später. "… und verharrt dann schweigend vor dem Denkmal. Er ist niedergekniet. Selten habe ich eindrucksvoller gesehen, dass ein Deutscher die Verantwortung für diese unermesslichen Verbrechen auf sich nimmt, wie es eben hier der Bundeskanzler vor dem Denkmal im Warschauer Ghetto getan hat."

Die neue Außenpolitik außerparlamentarisch zu stoppen. Auch mit Gewalt. Das ist, was rechtsextreme Gruppierungen, Parteien und Publikationen dieser Zeit eint.

"Mut" wird vom Verfassungsschutz beobachtet

"Wenn Sie sich 'Mut' dann angucken in den Siebziger Jahren, dann müssen Sie nicht nur auf die Leitartikel gucken. Sehr interessant ist auch zu sehen: Wer schreibt Leserbriefe in dieser Zeitschrift. Hier gibt es Berichte über Lager des Bundes Heimattreuer Jugend, über Lager, Berichte über die Wiking-Jugend, über deren Aktivitäten", sagt Botsch. 

1971 beginnt der Verfassungsschutz, "Mut" zu beobachten.

"Das deutsche Volk wurde 1945 bewusstlos geschlagen." Aus einem Artikel mit dem Titel: "Nationale Demokratie statt Fremdherrschaft", "Mut" Nummer 141, Mai 1979. "Dieser Niederschlag war die Folge eines verlorenen Krieges und darauf einsetzender Umerziehung. Gewisse Imperialisten und volksfremde Kräfte hatten ein brennendes Interesse daran, das deutsche Volk im bewusstlosen Zustand zu halten."

"Und da zeigt sich ein sehr massives, sehr geschlossenes völkisch-antisemitsches und rechtsextremes Weltbild. Dass eben deswegen es auch nicht verwunderlich erscheinen lässt, dass eine Ausgabe Ende der Siebziger Jahre so weit geht, im Prinzip die Shoa zu leugnen", so Botsch weiter.

Der Autor suggeriert in der Ausgabe 137, Januar 1979 unter anderem, dass Auschwitz ein industrielles Arbeitslager und kein Vernichtungslager war. Dass die Gaskammern im KZ Dachau von den Alliierten erbaut wurden. 

Die Ausgabe wird von der Bundesprüfstelle verboten.

Umdenkprozess beim Herausgeber Wintzek beginnt

Für Wintzek ist offenbar ein Wendepunkt erreicht. Jetzt, nach dem Schock der Indizierung, setzt ein Umdenkprozess ein. 

"Ich hab mit Herrn Wintzek später auch darüber einmal gesprochen, er hat mir das von sich aus erzählt." Peter Steinbach, Historiker, wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin. "Er war kurz davor Anschläge zu verüben. Sagte er mir. Und hat in diesem Moment begriffen, dass er in eine Richtung driftet, die er nicht verantworten kann."

Wintzek beginnt, sich von extrem rechten Autoren zu trennen. Gut drei Jahre später beendet der Verfassungsschutz seine Beobachtung von "Mut".

Auch andere bescheinigen "Mut" in den Achtzigern eine Abkehr von extremistischen Positionen und eine liberale Öffnung. Für Gideon Botsch stimmt das nur bedingt.

"In den Achtzigern hat man versucht, aus dem Bereich des harten Rechtsextremismus rauszukommen in so eine Grauzone, die oft als neue Rechte bezeichnet wird oder auch als intellektuelle neue Rechte. Und die als Brücken- oder Scharnierspektrum bezeichnet wurde, das prägt das Bild der Achtziger Jahre." 

"Mut" gewinnt neue Autoren. Persönlichkeiten der bundesdeutschen Politik schreiben Artikel und wohlwollende Leserbriefe: Carl Carstens, Richard von Weizsäcker, Hans Filbinger. Helmut Kohl bekennt sich im Februar 1988 als "ständiger Leser" von "Mut".

Ein Vertrauensvorschuss zu Demokratisierung und Einhegung der Zeitschrift und ihres Herausgebers? Oder eine Diskursverschiebung nach rechts? Was bezweckt Helmut Kohl mit seiner Mitarbeit an der Zeitschrift? Der Philosoph, Hochschullehrer und spätere "Mut"-Autor Harald Seubert

"Ja, es ist vermutlich wirklich eine Ambivalenz aus beidem. Also ich glaube manche der politischen Gestalter vor 20, 30 Jahren hatten auch noch einen Mut im guten Sinne in eine solche offene Diskursformation zu gehen. Kohl hat ja wohl wirklich auch ganz gerne selber gelesen, auch bei einem unabgeschlossenen Ausgang. Und ich denke, das hat der Zeitschrift genutzt, es hat natürlich auch letztlich zu einem salonfähig werden und auch zu einer stärkeren Einhegung geführt."

Trennung von weiteren Autoren nach 1990

Nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik 1990 trennt sich die Zeitschrift von weiteren Autoren. Der Historiker Peter Steinbach, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, beobachtet "Mut" seit den 60er-Jahren. 

"Wir waren wachsam. Ich wusste, es gibt eine Rechte, und die habe ich wirklich systematisch verfolgt. Meine Bibliothek in Passau abonnierte diese Zeitschriften und legte sie aber nicht im Lesesaal aus, sondern die bekam ich auf den Schreibtisch, um sie zu verfolgen. Und ich tat mich eigentlich schwer, Unterschiede zwischen 'Mut' und den anderen rechtsextremistischen Zeitschriften dieser Zeit zu erkennen. Das veränderte sich langsam, ich verfolgte das, da schrieben dann also konservativere Kollegen, die Zeitschrift wurde dann im Grunde immer stärker distanziert vom Extremismus."

Eines Tages in den frühen Neunzigern bittet Bernhard Wintzek, der maßgeblich die Gründung der "Aktion Widerstand" vorangetrieben hatte, jener, der in den 60ern kurz davor war, rechtsextreme Anschläge zu verüben, Peter Steinbach, den Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, in der "Mut" zu publizieren. 

"Und ich war zunächst wirklich sehr, sehr bedeckt, bis ich dann einen Artikel von Oertzen …", Peter von Oertzen, SPD, "… der ja nun alles war, aber kein Rechter, in der Zeitschrift 'Mut' fand und ihn wirklich brieflich zur Rede stellen wollte. Und er reagierte also wirklich sehr gelassen und sagte: Nein, er hätte es wegen Wintzek getan, mit Wintzek hätte er sich besprochen und Wintzek sei kein Rechtsextremist mehr und er hätte dieses Denken verlassen."

Der 2001 verstorbene Peter von Oertzen war Bundestagsabgeordneter, er wurde dem linken Flügel der SPD zugeordnet.

"Wir haben das einmal hier… hab´ ich das mit meinem Kollegen besprochen, und hab´ gesagt: 'Das könnte eigentlich ganz reizvoll sein, in dieses beinharte Milieu im Grunde auch mit anderen Argumenten einfach mal vorzustoßen. Ich versuch´s mal.'", sagt Peter Steinbach. "Und das können sie nur machen, wenn sie sich ihrer selbst absolut sicher sind. Ja? Also sie dürfen da nicht als Gesinnungsschreiber tätig sein, der ankommen will. Sondern sie müssen das schreiben, was sie für richtig halten."

"Haben wir aus der Geschichte gelernt? Wie steht es mit unserer Moral, die angeblich Konsequenz historischer Erfahrung sein soll?" Peter Steinbach in "Mut", Nr. 357, Mai 1997.

"Wie steht es mit dem Satz von Camus, es sei eines der größten Verbrechen, Kinder weinen zu lassen, wie mit dem Relativismus von Popper, es sei schon sehr viel, Elend zu verhindern? Haben wir wirklich aus der Geschichte gelernt? Aus Deportationen, aus Vertreibungen, aus der Gewaltanwendung gegenüber der Zivilbevölkerung, die zum Spielball von Militärs wird? Vielleicht ein wenig, mit größerer Sicherheit aber nichts."

Auch Ralph Giordano schreibt für "Mut"

"Also wenn Sie sich mit der Widerstandsgeschichte beschäftigen, wenn Sie den Völkermord an den Juden erforschen, dann sind Sie nicht rechts. Ja? Dann sind Sie auch nicht nationalkonservativ", sagt Peter Steinbach. "Sondern dann sind Sie liberal, sozialdemokratisch, haben sogar ein gewisses Misstrauen gegen den Staat, das grenzt dann fast schon in so einen Liberalanarchismus."

Steinbach beginnt, regelmäßiger für "Mut" zu schreiben. Wintzek fragt ihn später, ob er als Mitherausgeber tätig sein möchte. Steinbach sagt zu. Weitere Autoren kommen hinzu. Der Schriftsteller Peter Schütt, der deutsch-israelische Journalist Chaim Noll oder Ralph Giordano.

"Also Ralph Giordano war ja auch ein Feuerkopf. Der massiv die Bundesregierung angriff, der von Strauß verklagt wurde, der von der zweiten Schuld der Deutschen sprach, auch in 'Mut'-Artikeln. Das müssen Sie sich vorstellen! Und Gesine Schwan, Richard Schröder! Also sie sehen, das Spektrum weitete sich, und Wintzek war daran interessiert, unkonventionelle Deutungen aufzunehmen. Er lud geradezu dazu ein", sagt Peter Steinbach.

"Und gerade das macht es eigentlich zum Desiderat." Der Philosoph Harald Seubert. "Weil das eben auch ein Spektrum an Personen ist, die im besten Sinne unseren demokratischen Verlauf abdecken und abbilden, vielleicht auch ohne weiteres sonst nicht in engerer Weise miteinander verbunden wären. Und die aber dann in einem solchen publizistischen Fokus zusammenkommen."

DDR-Oppositioneller Lutz Rathenow kommt dazu

"Da waren viele Konservative, da waren aber dann auch viele Oppositionelle aus der DDR, aus der ehemaligen DDR, die da plötzlich schrieben. Rathenow und andere", sagt Peter Steinbach. 

"Ich war extrem neugierig, schon zu DDR-Zeiten, als verbotener Autor, auf die Medienlandschaft der Bundesrepublik." Lutz Rathenow, Schriftsteller. In der DDR erheblichen Repressionen ausgesetzt. Seit 2011 sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen.

"Und habe zu verschiedenen linken, anarchistischen, mittigen, liberalen, konservativen Zeitschriften Kontakt aufgenommen. Und wahrscheinlich habe ich über 'Mut' etwas gehört, was mich davon abgehalten hat, bis 1990, zu denen Kontakt aufzunehmen."

Rathenow veröffentlichte lange vor der Wende in Westdeutschland. Bücher, Zeitungsartikel. Ging ins Ostberliner ARD-Studio, um Texte einzusprechen. Die Neugier führte ihn Anfang der 90er dann auch zur "Mut" – nach ihrer Wandlung. 

"Je fragwürdiger eine Zeitschrift war, und fragwürdig mein ich jetzt mal im positiven Sinne – was ist das eigentlich? Auch ich will sie kennenlernen. Als Autor. Ich will die anderen Mitautoren kennenlernen, desto mehr habe ich auf die Wahrung der Autonomie geachtet", sagt Lutz Rathenow.

"Und die wurde von Bernhard Wintzek absolut eingehalten. Ich glaube, es war jemand, der mit der Zeitschrift auch was wiedergutmachen wollte. Vor sich selbst. Und zwar eine reflektierte gesellschaftliche Einwirkung, die auch Außenseiter, oder Leute, die man nicht sofort einordnen kann, zu Wort kommen lässt."

Rathenow veröffentlicht ähnliche Artikel in Ost und West

"Es muss geredet werden über das verschwundene Land, das nun als Gespenst umhergeht im Osten und seine Finger nach dem Westen ausstreckt." Lutz Rathenow in "Mut", Nr. 379, März 1999. "Es müsste geredet werden, wie es war, wie wir es wahrgenommen haben und wer auf welche Veränderungen hoffte. Und wer es nur noch wegwünschte, ohne Aussicht auf ein Verschwinden."

"Ich habe über Themen wie Deutschland, deutsche Vereinigung, gegenseitige Wahrnehmung geschrieben. Wenn ich jetzt mal so was verraten darf: Es gab Artikel, Essays von mir, die ich gleichzeitig in 'Mut' und leicht verändert in der Kommune, grün, manchmal auch in 'Liberal' parallel, oder auch in ner Ost-Zeitschrift, der 'Bürgerbewegung', so lange es die noch gab, parallel veröffentlicht habe", erzählt Lutz Rathenow.

"Wissen Sie, das war nicht nur ne Doppelvermarktung, die war es auch, sondern es war auch: Kennenlernen, wie reagieren die Leser der unterschiedlichen Kreise unterschiedlich. Ich habe durch diese Veröffentlichung auch den Westen besser kennengelernt."

Das Meinungsspektrum wird breiter. In der 500. Ausgabe im April 2009 schreibt Bernhard Wintzek, man gebe diese Jubiläumsausgabe allen Freunden, die guten Willens sind, an die Hand: "Mögen sie diese Ausgabe für sich, für unser Land und für Europa zum Guten nutzen!

Das Spektrum an Themen weitet sich über die Jahre aus. In den Artikeln geht es um religiöse Fragen, um Literatur, Politik oder Gesellschaft.

Ausgabe 530, Januar 2012: "Dirk Jungnickel: Gottes Gebot und dessen Befolgung. Zum neuen Buch über das Leben von Dietrich Bonhoeffer."
Ausgabe 541, Januar 2013: "Volker Kronenberg: Absagen, Abgrenzungen, Annäherungen. Schwarz-grüne Paradoxien im Vorfeld der Bundestagswahl."
Ausgabe 556, Mai 2014: "Werner Thiede: Digitale Revolution im Autoverkehr. Warum die rollenden Automaten der Zukunft riskant bleiben."
Ausgabe 569, Juli 2015: "Udo Baron: "Die Herrschaft der Schwänze hat ihre Grenze?" Die Frauenfrage in der frühen Arbeiterbewegung und in der radikalen Linken, Teil 1."

"Und dadurch wurde diese Zeitschrift dann zu einer respektablen Publikumszeitschrift. Die zum Teil sogar in den Zeitungsberichten, die es damals gab, berücksichtigt wurde. Baring", sagt Peter Steinbach. 

Der Historiker und Publizist Arnulf Baring.

"Baring tat, was er konnte, diese Zeitschrift gewissermaßen im Ansehen zu heben. Also das war hochinteressant."

2017 erscheint die letzte Ausgabe von "Mut"

Im Juli 2017 erscheint Nummer 591. Es ist die letzte Ausgabe der "Mut". 

"Was ich natürlich gespürt habe, und das ist so ne Absurdität des Medienlebens: In dem Maße, in dem man seine Anrüchigkeit verliert, beginnt man auch, weniger interessant zu werden. Es gab keine kritischen Anfragen mehr, es wurde akzeptiert. Und die Zeitschrift wurde dadurch gleichzeitig überflüssiger", sagt Lutz Rathenow.

Bernhard Wintzek ist im März 2018 im niedersächsischen Asendorf verstorben, wo er bis zuletzt lebte.

"Das waren sehr freundliche, zugewandte Gespräche." Der Philosoph und Hochschullehrer Harald Seubert erinnert an seine wenigen Begegnungen mit Wintzek. "Er war auch in der redaktionellen Betreuung von Aufsätzen sehr gründlich und sehr zurückgenommen, würde ich sagen."

"Als moralisches Phänomen eröffnet sich das Feld eines unbegrenzten Mehrhabenwollens, dessen Struktur bereits die antiken Griechen kannten und das sie Pleonexia nannten." Harald Seubert in "Mut", 2010. "Wer von ihr getrieben ist, den reißt es nur noch von einer Lust und Begierde zur nächsten. Er kann nicht einmal so viel Abstand gewinnen, wie erforderlich ist, um seinen Reichtum zu genießen", heißt es darin. 

"Ganz aus dem Stoff der Pleonexia ist offensichtlich die Matrix, auf der das heutige Scheinwachstum gedeiht: In der Präferenzliste der Gesellschaft werden Freizeit und Spaß, Wohlstand durch Glücksspiel, Spekulation, Neid- und Anspruchsdenken betont."

"Also er hat den Autoren das Feld überlassen und hat sehr gründlich zugleich redigiert, das hat man auch selten in dieser Weise beisammen. Ich hab ihn, wenn ich das so sagen kann, fast in einer Ferndiagnose, jedenfalls als einen Menschen erlebt, der neugierig blieb, bis ins Alter, neugierig und wach blieb, der ne große Geschichte, ne lange Geschichte hinter sich hatte, der aber mit seiner Geschichte mir im Frieden zu sein schien", erinnert sich Harald Seubert.

"Für mich war eigentlich menschlich das allerwichtigste der Kontakt zu Wintzek, der mir vertraute." Peter Steinbach. "Der sich öffnete, der auch über sich erzählte, der seine Lebensgeschichte auch nicht konstruierte, der mit einer Radikalität seine Irrwege analysierte, wie ich das im liberalen Milieu in dieser Weise, und auch im sozialdemokratischen Milieu nicht fand. Normalerweise neigen die Menschen dazu, ihre Lebensgeschichte zu konstruieren, als Kontinuität zu konstruieren, Wintzek ging an und dekonstruierte sie." 

Wo stände die Zeitschrift "Mut" heute?

Wo stände Wintzek heute? Wo die Zeitschrift "Mut", wenn es sie heute noch gäbe? Wo sich die Grenze des Sagbaren wieder nach rechtsaußen zu weiten scheint? 

"Ich meine: Wer aus den Rändern kommt und wer die Ränder begangen hat, der hat auch ein tieferes, wenn er klug ist und wenn er nicht stehen bleibt, ein tieferes Verständnis für die Mitte", meint Harald Seubert.

"Ich würde auch sagen, dass es in unseren Diskursszenen leider sehr schwierig ist, solche Wege zu gehen, sie sind eher von der Linken ja gegangen worden. Also sehr viel Dekonstruktion. Und man muss ja sagen, wenn man dekonstruiert, das hat ja auch immer sehr viel mit dem Begriff von Heidegger, Dekonstruktion, zu tun, dann muss man auch etwas aufbauen, parallel. Man muss also etwas einreißen, indem etwas Neues schon wächst."

Wahrscheinlich wäre Bernhard Christian Wintzek müde und ermattet von der um sich greifenden Verächtlichmachung der Demokratie. Vermutlich würde er dagegen sogar angehen.

"Wintzek war, glaube ich, klug genug und hat auch genug gelernt, dass er nicht in denselben Fluss noch einmal steigen würde. Das würde ich ihm post festum und post mortem doch nachrufen", sagt Harald Seubert.

"Es wäre aber fatal, wenn man das tun würde. Ich meine sie wissen ja, dass die Bewegung von Kubitschek und dem Antaios-Verlag und all diesen Dingen, dieser Sezessionsbewegung, den äußersten Rand der AfD noch einmal jetzt das Futter gibt, das intellektuelle, sagen wir mal. Und dadurch auch ihre Selbstinszenierung bis in den 'Spiegel' und bis in die Medien hineingeschafft hat, was sie immer wollten. Die Verführung wäre sicher da gewesen, aber ich denke, dass 'Mut' in zehn oder fünfzehn Jahren, gegen Ende ihres Bestehens, eigentlich genug Liberalitas, im geistigen Sinne, also wirklich im Haltungssinne bewiesen hat, dass da ein Rückfall fatal gewesen wäre und das wäre den Verantwortlichen heute auch klar."

"Von ‚Verlust‘ zu sprechen wäre zu wenig, es ist mehr, eine bleibende Leere, ein Schmerz …", Chaim Noll, "Mut", Nummer 591, Abschiedsausgabe, "… ein Gefühl dafür, was Abschied meint. Wir nehmen die Ideale, denen sich diese Zeitschrift verpflichtet fühlte, die Freiheit des Denkens, die sanfte Macht des geschriebenen Wortes mit uns, wohin wir immer gehen."

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