Montag, 19.11.2018
 

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.11.2012

Zeitreise zu den Urahnen des Menschen

Richard Dawkins: "Der Zauber der Wirklichkeit", Ullstein Verlag, Berlin 2012, 272 Seiten

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4000 Jahre altes Skelett eines Steinzeitmenschen (picture alliance / dpa / Armin Weigel)
4000 Jahre altes Skelett eines Steinzeitmenschen (picture alliance / dpa / Armin Weigel)

In seinem wunderbar abwechslungsreich illustrierten Jugendbuch vermittelt der Welterklärer Richard Dawkins den aktuellen Wissensstand über den Urknall, den Aufbau der Materie sowie die Entstehung der Arten. Ein spannendes Jugendbuch, das auch Erwachsenen hilft, veraltetes Schulwissen zu entstauben.

Wie entstand das Universum? Woher kommt die Menschheit? Gibt es außerirdische Lebewesen? Seit es Menschen gibt, wollen sie die Welt um sich herum verstehen. Da unseren Vorfahren die Mittel fehlten, um diese Rätsel zu lösen, ersannen sie zahlreiche Mythen, die ihnen halfen, die Natur um sich herum zu erklären. Richard Dawkins stellt den zahlreichen Überlieferungen verschiedener Kulturen die Antworten der Wissenschaft gegenüber.

Er will deutlich machen, dass die naturwissenschaftliche Wirklichkeit die Welt nicht entzaubert, sondern ihr einen neuen "wahren" Zauber verleiht. In seinem wunderbar abwechslungsreich illustrierten Jugendbuch vermittelt der Welterklärer Dawkins anschaulich und kompetent den aktuellen Wissensstand über den Urknall, den Aufbau der Materie sowie die Entstehung der Arten. Dabei widmet er sich auch typischen Kinder- und Alltagsfragen, die die meisten Wissenschaftler links liegen lassen, wie: "Warum geschehen schlimme Dinge?" oder "Was ist ein Wunder?"

Um die neuen Erzählungen über die Herkunft der Welt ebenso spannend zu machen wie ihre mythischen Vorgänger, schafft Richard Dawkins einfache Vergleiche und Geschichten, die von den zahlreichen Illustrationen ideal ergänzt werden. So nimmt er seine Leser mit in eine Zeitmaschine. Bei einer Reise in die Vergangenheit steigt aus jeder Menschengeneration eine Person zu: Vater, Großvater, Urgroßvater, Ururgroßvater und so weiter. Bereits unser 400xUrgroßvater lebte als Jäger in der Steinzeit. Er war zwar in einer völlig anderen Kultur zu Hause, sah aber biologisch genauso aus wie wir Menschen von heute.

Dann reist die Zeitmaschine immer schneller in die Vergangenheit. Unseren 250.000xUrgroßvater würden wir heute schon nicht mehr als Artgenossen akzeptieren. Vieles an ihm erinnert eher an einen Affen. Unser 7.000.000xUrgroßvater hat dann nichts Menschliches mehr an sich. Er lebte vor 63 Millionen Jahren, kurz nach dem Aussterben der Dinosaurier. Sein Aussehen erinnert eher an Lemuren. Dennoch ist er ebenso unser Urahn wie der Steinzeitmensch.

Richard Dawkins macht das "Wunder" der Menschwerdung nachvollziehbar. Er erklärt, wie durch unzählige kleinste Veränderungen dieser Wandel möglich wurde. Dabei legt er großen Wert auf den Unterschied zwischen frei erfundenen Mythen und wissenschaftlich überprüfbaren Theorien. Natürlich sind noch nicht alle Zusammenhänge der Evolution verstanden, wer aber heute im biologischen Zusammenhang noch von Schöpfung rede, ignoriere viele wichtige Erkenntnisse aus den letzten beiden Jahrhunderten - so Dawkins.

Die beißende Polemik aus Dawkins letztem Buch, der Streitschrift "Der Gotteswahn", fehlt in diesem Buch. Dennoch kann sich der überzeugte Atheist die eine oder andere spöttische Bemerkung über die Mythen nicht verkneifen – fast so als fehle ihm der Respekt vor den Überzeugungen unserer Vorfahren, die aber bis heute wirken. Ansonsten ist das Buch rundum empfehlenswert: Es bietet allen, die sonst wenig mit Naturwissenschaft am Hut haben, die Chance, veraltetes Schulwissen zu entstauben und zu neuem Leben zu erwecken.

Besprochen von Michael Lange

Richard Dawkins: Der Zauber der Wirklichkeit. Die faszinierende Wahrheit hinter den Rätseln der Natur
Illustriert von Dave McKean
Ullstein Verlag, Berlin 2012
272 Seiten, 26,99 Euro

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