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Thema / Archiv | Beitrag vom 13.08.2009

"Zeitreise" in die DDR der 70er- und 80er-Jahre

Fotoausstellung "Ostzeit" in Berlin

Ute Mahler im Gespräch mit Andreas Müller

Ute Mahler, Mitbegründerin der Fotoagentur Ostkreuz, über die Ausstellung "Ostzeit - Geschichten aus einem verschwundenen Land" im Berliner Haus der Kulturen der Welt und über die Bedrohung der Profifotografie durch die digitale Revolution.

Andreas Müller: Die Berliner Fotoagentur "Ostkreuz" gehört zu den international renommierten ihrer Art. Kenner nennen sie in einem Atemzug mit "Magnum". Nach dem Fall der Mauer gegründet, existiert das Kollektiv nunmehr im 20. Jahr, während andere Agenturen längst aufgeben mussten. Im Berliner Haus der Kulturen der Welt wird heute, übrigens am 48. Jahrestags des Baus der Mauer, die Ausstellung "Ostzeit – Geschichten aus einem verschwundenen Land" eröffnet. Zu sehen sind Fotoreportagen von Sibylle Bergemann, Harald Hauswald, Werner Mahler und Ute Mahler, allesamt Gründerfiguren von "Ostkreuz", die aber schon zu DDR-Zeiten als Profifotografen arbeiteten, damals allerdings nicht im Kollektiv, sondern als Einzelkämpfer. Fabian Dietrich und Susanne Burg erzählen, was für Bilder damals entstanden.

Susanne Burg: Kein Mauerstreifen, kein Stacheldraht, es sind nicht die typischen DDR-Bilder, die im Berliner Haus der Kulturen der Welt zu sehen sind. Die Ausstellung "Ostzeit – Geschichten aus einem vergangenen Land" lebt vor allem von Miniaturen aus dem Alltagsleben: fanatische Fußballfans, Punkkonzerte, die vorbeirauschenden Limousinen der Parteibonzen. Die Fotos offenbaren das Banale, den Riss in der Inszenierung – zum Beispiel eine Gruppe Fahnen tragender Jugendlicher, die vor dem Platzregen flieht. Viele dieser zum Teil unveröffentlichten Bilder aus den Archiven der Berliner Agentur "Ostkreuz" zeigen Individuen im Kollektiv. Exemplarisch dafür ist eine Serie von Ute Mahler. Sie fotografierte auf der 1.-Mai-Parade 1980 die Blicke von Menschen, die an der Parteiführung vorbeiziehen. In den herangezoomten Gesichtern spiegelt sich Begeisterung, Furcht, Apathie. Die DDR ist nicht nur Motiv, sondern auch Ursprung der Agentur "Ostkreuz". 1990 schlossen sich sieben ostdeutsche Fotografen zusammen, um im kapitalistischen Wettbewerb gemeinsam zu bestehen. Sie gaben ihrem Kollektiv den Namen "Ostkreuz", eine Hommage an einen chaotischen Umsteigebahnhof im Osten Berlins. Gemeinsam war ihnen allen, dass sie in der DDR Einzelkämpfer waren. Jeder von ihnen hatte seine eigene unkonventionelle Bildsprache gefunden. Heute gehören die Fotografen der Agentur zu den Besten des Landes.

Müller: Man könnte sogar sagen, zu den Besten der Welt. Und eine der Besten ist jetzt bei mir zu Gast im Studio: Ute Mahler, schönen guten Tag! Die Ostzeit liegt nunmehr 20 Jahre zurück, was empfanden Sie, als Sie die Fotos aus den 70er-Jahren für die Ausstellung heraussuchten?

Ute Mahler: Erst mal braucht man wahrscheinlich auch immer so’n Anlass: 20 Jahre Mauerfall. Denn ich glaube nicht, dass wir vor zwei Jahren die Idee gehabt hätten, so eine Ausstellung zu machen oder dass wir vielleicht in drei Jahren die Idee bekommen hätten. Also man braucht von außen so eine Anregung, und wir waren ein kleines Team – Annette Hauschild, Jörg Brüggemann und ich –, und wir haben uns mit den Arbeiten der Kollegen beschäftigt, haben wirklich ganz viel gesucht und auch entdeckt. Und das war schon so wie ne Zeitreise, also das war was ganz Merkwürdiges. Weil wir arbeiten ja doch sehr viel, arbeiten im journalistischen Bereich, haben ständig mit aktuellen Dingen zu tun, und da ist überhaupt kein Platz, so wirklich über Vergangenheit nachzudenken. Und jetzt wird man wirklich so ganz intensiv damit konfrontiert. Auf der einen Seite hat’s unglaublich Spaß gemacht, weil man wieder an Dinge erinnert wurde, die schon irgendwo vergessen waren, und auf der anderen Seite war es auch ein bisschen merkwürdig. Also diese Kommentare von Besuchern aus dem Westen, wenn die zu uns kamen und dann immer von diesem Grau gesprochen haben, das haben wir irgendwie so gar nicht so richtig nachvollziehen können, weil, ja gut, man muss ja auch den Vergleich haben. Und als ich jetzt die Bilder angeguckt habe, war das verdammt grau.

Müller: Wie fotogen war denn diese DDR?

Mahler: Ich kann nur von mir aus reden. Ich hab ja nicht diese Äußerlichkeiten fotografiert, ich habe ja keine Architektur dokumentiert. Ich hab immer versucht, Porträts zu machen und auch so Miteinander von Leuten zu fotografieren. Insofern war es für mich schon ganz spannend und auch fotogen, weil’s natürlich viele Konflikte gab, die ich gesucht habe und dann auch Bilder dafür gefunden hab.

Müller: Ich hab schon mal ein bisschen in dem Katalog zur Ausstellung oder in das Buch dazu schauen können, und zu Beginn ist da eine Serie von Harald Hauswald zu sehen, "Alltag" ist die überschrieben, und da sehen wir zu Beginn eine Wand, an deren oberen Ende die Parole geschrieben steht, "Es lebe der Marxismus, Leninismus", auf der Straße davor brausen drei Volvo-Limousinen vorbei, also das bevorzugte Gefährt der SED-Oberen. Die nächsten Bilder zeigen dann Menschen dicht gedrängt in der U-Bahn, es gibt so einen quasi Kinderwagenparkplatz vor der Kaufhalle. Das sieht aus wie ein fast schon entlarvender Film. Wo wurde denn so was gezeigt?

Mahler: Ich bin mir jetzt gar nicht so sicher, ob Hauswald seine Bilder zu Ostzeiten schon in großen Ausstellungen gezeigt hat. Ich glaube, er hatte lediglich dieses Podium in Kirchen, ja, in diesen bürgerbewegten Situationen, seine Sachen zu zeigen. Allerdings hat Harald Hauswald seine Fotos im "Stern" und in "Geo" veröffentlicht. Also das ist ja das Paradoxum, dass er die Bilder in der DDR gemacht hat und im Grunde genommen wäre es ganz wichtig gewesen, dass man die richtig groß dort auch präsentiert. Das war nicht möglich, und da hat er einfach die Chance genutzt, dass dann in westdeutschen Magazinen zu publizieren.

Müller: Sie selbst waren einerseits eine berühmte Modefotografin, hatten aber auch ganz andere Themen. Es gibt eine Reportage, die auch in der Ausstellung zu sehen ist: 1. Mai, internationaler Kampftag der Arbeiterklasse. Und Sie zeigen tatsächlich die Arbeiterklasse, Sie haben nämlich deren Blick auf die Herren, auf den mit SED-Prominenz besetzten Tribünenaufbau festgehalten. Was war das für eine Idee? Sie standen tatsächlich unter der Tribüne, nicht?

Mahler: Es war ganz kompliziert, unter der Tribüne zu stehen. Man musste eine Akkreditierung haben, also es bedeutet, man hätte einen Auftrag haben müssen. In der Zeit wurde ein Film über mich gedreht, hat der WDR einen Film gedreht, und da habe ich mir gewünscht, ich möchte da unter dieser Tribüne stehen, weil ich das schon lange fotografieren wollte. Ich kannte die Bilder aus dem Fernsehen, wo also eine Masse vorbeizieht, Musik, Jubel, und dann dachte ich immer, das kann doch nicht sein, dass das so ein anderes Wahrnehmungsvermögen da stattfindet, ich verstand das also irgendwie nicht. Und ich hab mir das immer gewünscht, ich wollte einfach mal gucken. Weil da ist nämlich die große Chance für Fotografie. Man hat ein feststehendes Bild, man hat den einen Moment, und dieser Moment ist, glaube ich, manchmal genauer als ein ganzer Film, weil er wirklich so zusammengedampft ist. Und ich durfte auch nicht direkt unter Honecker stehen, sondern nur unter Frau Honecker und Herrn Krenz. Das war ein bisschen schade, weil natürlich der Ausdruck der Leute noch ein bisschen ein anderer war. Und ich hab da gestanden, vier Stunden, war wie immer zu warm angezogen, also es ging mir … ich schwitzte und es war zu heiß und wie immer schien die Sonne und ich hatte ein ganz ungutes Gefühl, weil ich genau dieses Gefühl auch hatte, was ich sonst, wenn ich Fernsehen geguckt habe, was sich da entwickelt hat, das funktioniert doch alle, die sind doch alle ganz froh und die machen das doch alle ganz gern, da vorbeilaufen. Und dann bin ich in die Dunkelkammer gegangen und hab wirklich ganz wie im Wahn diese kleinen Fotos abgezogen. Und da habe ich gesehen, wie differenziert doch die Ausdrücke sind, also dass es doch dieser Eindruck, den man haben könnte, dass er nicht stimmt, dass da doch zum Teil Skepsis auch ist, dass das nicht alles so vordergründig jubelhaft ist.

Müller: Frau Mahler, "Ostkreuz" entstand nach dem Fall der Mauer. Was trieb die fotografischen Einzelkämpfer und Einzelkämpferinnen – und die waren Sie ja in der DDR – nun auf einmal zu einem Kollektiv zusammen?

Mahler: Das finde ich auch, dass das ne spannende Frage ist, weil wie Sie schon sagten: Wir waren vorher alle freiberuflich und kannten im Grunde genommen das Geschäft, wie das jetzt hier in der Bundesrepublik auch wieder ist. Insofern hat uns das nicht überrascht, die Arbeitsweise. Uns war aber klar, dass wir eine größere Chance haben werden, wenn wir uns zusammentun, dass wir wahrscheinlich auch so eine Logistik wie eine Agentur brauchen. Und was uns auch verbunden hat, ist ja diese Fotografie. Obwohl man, wenn man jetzt ästhetisch das betrachtet, gibt es ja Riesenunterschiede zwischen Sibylle Bergemann und Jens Rötzsch zum Beispiel. Aber ich glaube, der Grundgedanke, dass wir also so respektvoll und gründlich auch mit dem Gegenstand umgehen wollten, da hatten wir das Vertrauen in die Kollegen einfach, und ich glaube, das war auch der ausschlaggebende Punkte, warum wir uns zusammengetan haben.

Müller: Was wollten Sie erreichen? Haben Sie gleich gesagt, wir wollen so was wie "Magnum" werden, oder was war so das Ziel?

Mahler: Na ja, ich meine, bei "Magnum" sind die besten Fotografen der Welt.

Müller: Sie sind aber auch nicht schlecht.

Mahler: Wir sind auch nicht schlecht, das stimmt. Nee, wir wollten einfach weiter mit Fotografie arbeiten können, wir wollten weiter mit Fotografie unser Geld verdienen können und wir wollten auch bestimmen, was wir fotografieren und was wir nicht fotografieren wollen. Und das kann man natürlich viel besser, wenn man ne Gruppe ist, die sich darüber im Klaren ist, was möglich ist und was wir ausschließen wollen.

Müller: Sie haben gesagt, natürlich ästhetisch gibt’s da riesige Unterschiede, das ist bei "Magnum" aber natürlich genauso, was man, glaube ich, als gemeinsamen Nenner dann immer hat, ist Qualität, und zwar die beste, die man bekommen kann. Ist das die Art von Fotografie, für die Sie dann auch stehen, als Gruppe, wir wollen das Beste machen, oder wie ist das zu beschreiben?

Mahler: Der Anspruch ist da: Wir wollen das Beste machen. Das heißt, jeder für sich will das Beste aus ner Geschichte machen, die er zu bearbeiten hat. Und das ist klar, wenn man Leuten zusammenarbeitet, die auch solche Qualitätsstufen vorgeben, dass das auch beflügelt, also das ist wunderbar. Und es geht ja auch um die Gespräche miteinander, wie der andere die Fotografie einschätzt. Das ist so wichtig für Fotografen, dass die miteinander reden können. Wenn Sie freiberuflicher Fotograf sind, der Bildredakteur nimmt sich keine Zeit mehr, mit Ihnen über die Arbeit zu reden. Mit Kollegen kann man schlecht drüber reden, weil es gibt auch so ne Konkurrenzsituation, es gibt Ängste. Und deshalb ist natürlich so ein Forum einer Gruppe, das ist was Wunderbares.

Müller: In den Jahren seit dem Fall der Mauer hat sich eine digitale Revolution ereignet, die auch massiv natürlich in die Fotografie wirkt. Sie mussten also gleich mit zwei gewaltigen Umbrüchen fertig werden. Wie ist Ihnen das gelungen?

Mahler: Also mit dem einen Umbruch, das ging ja ganz gut. Und mit dem digitalen, mein Gott. Also digitale Fotografie ist für mich einfach nur ein anderes Arbeitsmittel. Es ist genau die Kleinbildkamera, ich fotografiere genauso wie vorher.

Müller: Wir haben jetzt aber gleichzeitig eine Wirtschaftskrise, die es Medien ziemlich schwer macht, und das hängt mit der digitalen Revolution zusammen, in der Fotografie, dieses Phänomen der Stock-Fotos, also das sind mehr oder weniger rechtfreie Bilder, und die Menschen leben davon, dass möglichst viele für einen Euro dieses Bild dann kaufen, da sind Millionen dieser Bilder im Internet unterwegs. Fühlen Sie sich dadurch manchmal bedroht?

Mahler: Es macht einem schon Angst, diese Flut von Bildern und die Möglichkeit, auf alles zurückzugreifen. Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, dass es vielleicht jetzt eine Situation ist, wo wirklich ziemlich viel Unsicherheit ist, aber die Qualität wird sich durchsetzen. Und diese vielen, vielen Bilder, die man kriegen kann, die sind austauschbar. Und irgendwann, es wird vielleicht noch ein, zwei Jahre dauern, wird man auf Qualität zurückkommen. Ich glaub ganz fest daran.

Müller: Die Fotografin Ute Mahler von der Agentur "Ostkreuz" war das. Heute Abend wird im Berliner Haus der Kulturen der Welt die Ausstellung "Ostzeit – Geschichten aus einem untergegangenen Land" eröffnet. Zu der Ausstellung erscheint im Hatje Cantz Verlag ein Bildband mit ergänzenden Texten, unter anderem von Alexander Osang und Ingo Schulze.

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