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Studio 9 | Beitrag vom 27.12.2019

Zeitgenössisches PuppentheaterSchweine wie wir Menschen

Von Florenz Gilly

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Ein Mitglied des Schweine-Ensembles mit Puppenbauerin Melanie Sowa.  (Florenz Gilly)
Von Menschenhand zum Leben erweckt: Ein Mitglied des Schweine-Ensembles mit Puppenbauerin Melanie Sowa. (Florenz Gilly)

Puppentheater ist längst nicht mehr nur etwas für Kinder, geschweige denn für analoge Puristen. Sehen lässt sich das an der Berliner Ernst-Busch-Hochschule, wo ein tierisches Ensemble die Grenzen zwischen Mensch und Schwein überspielt.

Ein rappelvoller Proberaum an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" im Herzen Berlins. Auf dem Spielplan: "Die Grönholm-Methode" von Jordi Galceran. Die Handlung ist schnell erzählt: Auf eine vakante Stelle als Manager bei einem schwedischen Möbelkonzern kommen vier Bewerber, die sich einer Reihe abstruser Aufgaben stellen müssen.

Das Besondere an dieser Aufführung: Die Figuren werden nicht von Menschen dargestellt, sondern von Puppen. Von Puppen, die aussehen wie Schweine. Die Augen aus Glas, mit rosa- bis fleischfarbener Haut aus feinem Nappaleder und etwa so groß wie ein fünfjähriges Kind.

Ernst Busch-Professorin Melanie Sowa, die die Puppen zusammen mit Mario Hohmann gebaut hat, steht im Fundus der Hochschule und demonstriert, wie man eine Großpuppe bedient: "Der eine bewegt den Kopf und die linke Hand, der zweite die andere Hand und der dritte ist an den Füßen. Dann kann die stehen, laufen, sich setzen – und mit den Ohren schlackern."

Im Andersartigen erkennen wir das Menschliche

Auf der Bühne entfalten die Schweinepuppen ihre ganz eigene Wirkung. Das an diesem Abend überwiegend erwachsene Publikum zeigt sich außerordentlich empfänglich, lacht, seufzt und fühlt mit.

Wie kann es sein, dass wir uns mit etwas identifizieren, das – als Tier und als Puppe – im doppelten Sinne nicht-menschlich ist? Für Sowa liegt der Reiz im hybriden Charakter der Puppen. Die Mischung aus Menschenkörper und Schweinekopf sei eine Art der Verfremdung.

Eigentlich gilt Verfremdung seit Brecht als dramaturgisches Mittel, das Einfühlung gerade unterbinden soll. Beim Puppenspiel hat es jedoch den umgekehrten Effekt: Im Fremden, Andersartigen erkennen wir das Eigene, allgemein Menschliche.

Puppen, sagt Ernst-Busch-Studentin Seth Tietze, bieten eine größere Projektionsfläche als Schauspieler: "Bis zu dem Zeitpunkt, wo die Puppenspielerin oder der Puppenspieler kommt und dieser Puppe für den Moment ein Leben einhaucht, ist sie nur Material und hat keine Geschichte, keine eigene Persönlichkeit."

Kleine Gesten mit größter Symbolkraft

Aufgabe der Darsteller sei es nun, für emotionale Regungen körperliche Ausdrücke zu finden. Ein Schwein erhebt empört die Stimme, das andere reibt sich eine Träne aus den Augen, ein verlegener Blick auf den Boden, nervöses Räuspern – oft sind es die kleinen Gesten, die die größte Symbolkraft besitzen.

Vieles, was auf der großen Bühne kitschig oder überzogen wirken würde, ist im Mikrokosmos Puppentheater möglich. Doch auch hier gibt es Grenzen, wie Puppenspieler Sean Morris Grimm erklärt: "Auch wenn alle wissen, das ist alles nicht real, weil es Puppen sind in ihrer kleinen Welt, versuche ich trotzdem, in diesem Rahmen glaubhaft zu sein."

Glaubwürdigkeit ist auch ein zentrales Thema der Grönholm-Methode. Nur ein Kandidat ist echt, alle anderen sind bestellt. Ob die Illusion des Puppenspiels gelingt, ist auch eine Entscheidung des Zuschauers. Alles, was er sieht, sind leblose Puppen, die bewegt werden. Der Rest ist Einbildung. Manche würden sagen – Magie.

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