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Interview | Beitrag vom 30.12.2020

Zeit für VerzichtDie Chance des Weniger

Stefan Gosepath im Gespräch mit Julius Stucke

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Der Flughafen von Boston im Abendlicht. Ein Flugzeug parkt an einem Eingang zum Gate. (Ashim D’Silva  / Unsplash)
Am Flughafen von Boston: Fernreisen waren ab diesem Frühjahr nur noch an wenige Orte möglich. Viele verzichteten lieber ganz und urlaubten in Deutschland. (Ashim D’Silva / Unsplash)

Fernreisen, Konzerte und Clubbesuche - im Coronajahr musste auf vieles verzichtet werden. "Verzicht" im eigentlichen Sinne sei das nicht, sagt der Philosoph Stefan Gosepath. Doch die Pandemie könne uns lehren, bescheidener zu werden.

Das Coronajahr war ein Jahr des Verzichts: Reisen in viele Länder waren plötzlich nicht mehr möglich. Momentan sind erneut Restaurants, Bars, Sportstudios und viele Geschäfte geschlossen. Auch Partys mit zahlreichen Gästen kann man gerade nicht feiern. Er selbst habe auf ein großes Weihnachtsfest verzichtet und auch Silvester werde ruhig, erzählt Stefan Gosepath, Professor für praktische Philosophie an der Freien Universität Berlin. 

Was ist Verzicht?

Er wolle nicht "Begriffspolizei" spielen, sagt Gosepath, aber streng genommen seien die Einschränkungen des Coronajahrs kein Verzicht im engeren Sinne, da die Einschränkungen nicht freiwilig seien. "Wenn ich zu etwas rechtlich oder moralisch gezwungen bin, dann ist es kein Verzicht." Das, was man unterlässt, müsse auch etwas sein, dass man normalerweise gerne tun würde, damit man von Verzicht sprechen könne.

Beispielsweise sei das Masketragen kein Verzicht auf die Freiheit, keine Maske tragen zu müssen, sondern eine moralische Pflicht und ein rechtliches Gebot.

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Gosepath unterscheidet zwei Typen von Verzicht: Fasten oder auf Alkohol zu verzichten seien ein individuell wertvoller Verzicht. Etwas großzügig mit - beispielsweise - den Nachbarn zu teilen und so selbst weniger zu haben, sei wiederum ein Verzicht um anderer Menschen willen. "Das ist der Verzicht, an den jetzt viele Politiker und andere appellieren in der Zeit der Pandemie: Verzichten Sie, weil es uns dann allen zusammen besser geht."

Die Krise als Lehrmeister

Für sich selbst auf etwas verzichten – zum Beispiel weniger Dinge besitzen wollen –, sei aber nicht einfach "purer Egoismus, also auf Kosten der Anderen", betont Gosepath. In den traditionellen und religiösen Moralen sei bei dieser Art Verzicht auch mitgedacht, dass man so ein besserer, bescheidenerer, ein tugendsamerer Mensch werden könne. Denn es sei nicht nur für einen selbst, sondern auch für die Gesellschaft gut, wenn alle Menschen in diesem Sinne etwas bescheidener seien, und wüssten, dass sie mit weniger auskommen könnten, und wenn sie mehr haben, dies auch zu schätzen wissen.

Wenn man heute denke, es müsse alles wieder so werden wie vor der Pandemie, könne die Krise uns auch ein Lehrmeister sein, sagt Gosepath. Sie lehre uns, dass wir bestimmte Sachen fälschlicherweise als garantiert angenommen hätten. Und dementsprechend könnten wir nun bescheidener werden.

(juf)

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