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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.02.2011

Zeit der Aufbrüche

Kerstin Decker: "Lou Andreas-Salomé. Der bittersüße Funke Ich", Gunna Wendt: "Lou Andreas-Salomé und Rilke"

Von Carola Wiemers

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Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé (1861-1937) - Intellektuelle in einer vom männlichen Geist vereinnahmten Zeit (dpa/picture alliance)
Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé (1861-1937) - Intellektuelle in einer vom männlichen Geist vereinnahmten Zeit (dpa/picture alliance)

Zum 150. Geburtstag Lou Andreas-Salomés beleuchten zwei Bücher aus unterschiedlichen Perspektiven ihr Leben: Während Kerstin Decker sich auf das Selbstbewusstsein der Schriftstellerin konzentriert, beschreibt Autorin Gunna Wendt deren außergewöhnliche Liebe zu Rainer Maria Rilke.

1885 erscheint im Wilhelm Friedrich Verlag Leipzig unter dem Titel "Im Kampf um Gott" der Debütroman eines gewissen Henri Lou. Das Buch beeindruckt die Kritiker, denn es sei etwas darin, "wie es in Nietzsches späten Sachen sich regt". Doch hinter dem Namen des Verfassers verbirgt sich eine Frau, die – wie so oft in der Geschichte schreibender Frauen – aus Rücksicht auf die Konvention ein männliches Pseudonym wählt. Es ist die in St. Petersburg geborene Louise von Salomé, die, nach ihrer Heirat mit dem Altphilologen Friedrich Carl Andreas, als Lou Andreas-Salomé (1861-1937) bekannt wird.

Pünktlich zum 150. Geburtstag Lou Andreas-Salomés sind nun zwei Publikationen erschienen, die aus sehr unterschiedlichen Perspektiven ihr Wirken in ihrer Zeit neu beleuchten. Die Publizistin Kerstin Decker lässt einen deutlichen Zugriff erkennen: Sie erklärt ihre Biografie mit dem Untertitel "Der bittersüße Funke Ich" zur Hommage an das selbst bestimmte Dasein einer Intellektuellen in einer vom männlichen Geist vereinnahmten Zeit. Die Schriftstellerin Gunna Wendt konzentriert sich hingegen auf die Geschichte einer außergewöhnlichen Liebe im Leben Lou Andreas-Salomés, der Liebe zu Rainer Maria Rilke.

Kerstin Decker gliedert ihren schwungvoll und rhetorisch eleganten Text in drei Kapitel: "Lob des Eigensinns", "Lob des Daseins" und "Lob des Alters". Sie beginnt ihre selbstbewussten Erkundungen mit einem prägenden Ereignis im Leben Lou Andreas-Salomés. Es ist die Begegnung mit dem Philosophen Friedrich Nietzsche im Jahr 1882 im Petersdom in Rom. Beide hadern auf ihre jeweilige Weise mit Gott. Doch während Nietzsche seine Kritik bereits formuliert hat, sucht die erst 21-Jährige noch nach Antworten.

Auch die Liebe zu Rilke sowie die Pariser Zeit mit Frank Wedekind und ihr Aufenthalt in Berlin, wo sie Gerhart Hauptmann, August Strindberg und Alfred Kerr trifft und vom Theater Max Reinhardts begeistert ist, schließlich auch die intensiven Gespräche mit Sigmund Freud in Wien, werden als biografische Etappen rekonstruiert.

Gunna Wendts Entscheidung, sich auf Lou Andreas-Salomés innige Zuneigung zu Rilke zu konzentrieren, leuchtet ein. Wie ein Solitär ragt diese Beziehung in der biografischen Landschaft heraus. Wie sie wollte auch er "wirklich sein". 1899 und 1900 bereisten sie gemeinsam ihre russische Heimat, trafen Lew Tolstoj und den Bauerndichter Droshshin. Von der Geliebten lernte Rilke die russische Sprache. Beide haben auf ihre Weise die gemeinsame Zeit literarisiert. Lou Andreas-Salomé im "Tagebuch der Reise mit Rainer Maria Rilke im Jahre 1900" und dem Roman "Ródinka", Rilke mit seinem "Stunden-Buch", das er 1905 mit der Widmung "Gelegt in die Hände von Lou" versieht. Wendt skizziert unspektakulär und in sachlicher Darstellung die Faszination einer geistigen wie physischen Anziehung.

Kerstin Deckers Biografie und Gunna Wendts Geschichte einer "amour fou" erweitern auf unterhaltsame Weise den Blick auf das Leben und Werk Lou Andreas-Salomés, die in einer Zeit der Aufbrüche und Exaltationen mit dem Satz Aufsehen erregte: "Ich bin Erinnerungen treu für immer, Menschen werde ich es niemals sein".

Besprochen von Carola Wiemers

Kerstin Decker: Lou Andreas-Salomé. Der bittersüße Funke Ich
Propyläen Verlag, Berlin 2010
363 Seiten, 22,95 Euro

Gunna Wendt: Lou Andres-Salomé und Rilke – eine amour fou
Insel Verlag, Berlin 2010
133 Seiten, 8 Euro

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