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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.08.2014

ZeichenkunstZeugnis einer Berührung

Die Ausstellung "Der Abklatsch - Eine Kunst für sich" im Kölner Wallraf-Richartz-Museum

Von Michael Köhler

Der bedeutende Vertreter des Realismus in einer zeitgenössischen Darstellung. Wilhelm Leibl wurde am 23. Oktober 1844 in Köln geboren und ist am 4. Dezember 1900 in Würzburg gestorben. (picture alliance / dpa)
Der niederländische Maler Wilhelm Leibl (1844-1900): Seine Zeichnungen und "Abklatsche" sind im Wallraf-Richartz-Museum zu sehen. (picture alliance / dpa)

In einer kleinen Kölner Ausstellung kann man ein recht unbekanntes zeichnerisches Phänomen begutachten: den Abklatsch. Er entsteht etwa, wenn eine Kohle- oder Kreidezeichnung auf ein anderes Papier abgedrückt wird. Die vermeintlich wertlose Kunstform war im 18. Jahrhundert sehr beliebt.

Kopiert wurde immer. Die Kopie steht am Anfang der klassischen Ausbildung zum Künstler. Die Nachahmung der Meister, die ihrerseits die Natur nachahmten, war Stil-und Bildungsideal der Maler. Eine Sonderform der Kopie ist der Abklatsch. Er kann sich zufällig einstellen, weil eine Kohle- oder Kreidezeichnung sich auf die andere Seite des Papiers abdrückt oder weil eine Rötelzeichnung quasi so fett aufgetragen ist, dass ein absichtlicher Abdruck reizvoll ist. Er bildet dann das seitenverkehrte Abbild der Ursprungszeichnung. Er erscheint dann wie ein Hauch, wie der Schleier einer Zeichnung.

Der Abklatsch war spätesten seit Raffael verbreitet, erklärt Thomas Ketelsen, Leiter der Graphischen Abteilung im Kölner Wallraf Richarz Museum.

"Dann findet das im 17. Jahrhundert seine Fortsetzung in den Niederlanden, sogenannte Gemäldeabklatsche, Quetschabdrucke. Die Hauptphase, die Hauptzeit des Abklatsches ist eigentlich die zweite Hälfte des 18.Jahrhunderts in Frankreich, wo alle Künstler, Boucher, Watteau, Fragonard von ihren wunderbaren Rötelzeichnungen Abklatsche gemacht haben."

Kunst nach der Kunst

Die kleine, sehr feine Ausstellung im Graphischen Kabinett des Kölner Museums zeigt diese Sonderform der Zeichnung im Rahmen der Reihe "Marginalien der Zeichenkunst". Aus eigenem Bestand werden Zeichnungen von Wilhelm Leibl, Francois Boucher und anderen gezeigt. Es sind einzelne Figuren oder Figurengruppen, Architekturansichten, Akte und Studien von Gegenständen wie Krügen und Vasen oder Tieransichten, die abgeklatscht werden.

Der Abklatsch entsteht durch Kontakt mit seinem Original, ohne selber gezeichnet zu sein. Er ist Kunst nach der Kunst. Er ist unkünstlerisch, hat keine eigene Idee, referiert aber doch auf seinen Ursprung. Ohne Kontakt, ohne Berührung gäbe es ihn nicht. Er ist  gewissermaßen, ohne selbst Substanz zu haben. 

"Der Abklatsch ist durchaus auch positiv bewertet worden, im 18. Jahrhundert, man hat ihn gesammelt. Man hat ihn ganz bewusst aber als Abklatsch gesammelt. Wir haben zum Beispiel eine Zeichnung, wo eigens drauf steht contre preuf, also Gegen -Druck, im Französischen. Man war sich immer bewusst, dass man es mit einem Abklatsch zu tun hat, nicht mit dem Original.

Und der Abklatsch hat auch nie versucht, die Stelle des Originals einzunehmen. Das ist dann erst im 19. Jahrhundert durch die Händler passiert, die ein Geschäft machen wollten. Aber im 18. Jahrhundert, in der Wertigkeit, wo der Abklatsch gewissermaßen en vogue war, war es immer klar, dass man einen Abklatsch hat, im Sinne, ich hab das Original nicht."

Sprache drückt Geringschätzung aus

Die Komposition der Zeichnung ist zwar im Abklatsch enthalten, aber sie hat keine individuellen Züge mehr.  Anders gesagt, der Abklatsch ist das Doppel einer Zeichnung, die durch Auflage eines Trägers, meist Papier, mittels Druck ausgeübt wird, also abgeklatscht wird.

Die Kunstgeschichte hat um den Abklatsch einen Bogen gemacht. Auch unser Sprachgebrauch drückt seine Geringschätzung aus. Was abgeklatscht ist, gilt als geringfügig, nachrangig, nachgeahmt, wertlos.

Restaurator Thomas Klinke hat großen Anteil an dieser kleinen, außergewöhnlichen Schau. Er erklärt, was mit Kohle, Kreide, Graphit und anderen Malmitteln passiert, wenn sie auf eine poröse Struktur treffen.

"Also da spielt natürlich der Träger Papier 'ne extrem große Rolle. Alle die Künstler, von denen wir hier gesprochen haben, hatten Papier zur Verfügung, und wenn man jetzt diese Farbmittel aufstreicht auf das poröse Papier, dann ergibt sich sozusagen auf der Oberfläche ein Materialüberschuss, der durch den Übertrag auf ein zweites Papier flüchtig ist, oder bereit. Das Papier ist bereit davon wieder etwas abzugeben."

Dem Abklatsch fehlt die Seele

Der Abklatsch verdankt seine Existenz also dem Überschuss eines anderen. Selber existiert er quasi nur als Mangel, als Entzug. Ihm fehlt die Seele, weil er eine mechanische Verdoppelung ist. Thomas Ketelsen:

"Aber wichtig ist, dass es eben eine Technik ist. Wenn es denn eine Technik ist, dass sie das Eigentliche einer Zeichnung, nämlich die Handschrift oder den Stil oder den Duktus, die Bewegung, das Individuelle, eigentlich durch diese Technik nicht mit übertragen wird. Das ist gewissermaßen die Grenze, die dem Abklatsch eigen ist." 

Der Ausstellung gelingt es, verschiedene Formen des Abklatsches vorzustellen: den Rötelabklatsch, den Klappabdruck, den Naturselbstdruck, den Quetschabdruck und andere. Ein flüchtiger Blick lehrt, ohne Berührung gebe es ihn nicht. Vom barocken Abklatsch bis zu den modernen Anthropometrien, den blauen Körperabdrücken eines Yves Klein ist es nicht weit.

Dieses bislang missachtete Feld der Grafik eröffnet spannende Gedankenspiele: eine Theorie der Intimität, der Freundschaft, des Liebesabdrucks, des Opfers etc. Denn der Abklatsch ist nur als Abrieb, als Abnutzung, als Materialabrieb denkbar. Er ist flüchtig. Er zeigt etwas Abwesendes. Ohne Matrix wär er nicht.

"Ja, vom Ästhetischen her, ist heute der Entzug das Entscheidende. Man will ran kommen an die Zeichnung, aber sie entzieht sich von sich aus wiederum."

Mehr zum Thema:

Offizielle Webseite der Ausstellung

Kunst - Die soziale Utopie der Spinnen (Deutschlandradio Kultur, Fazit, 26.07.2014)

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