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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 04.09.2019

Zehn Jahre nach dem Luftangriff von KundusWarum das Erinnern so schwerfällt

Einsichten von Martin Gerner

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Mehrere Männer und Jugendliche stehen vor Gräbern, im Hintergrund sind Berge zu sehen. (picture-alliance/ dpa / Ahmad Munir)
Angehörige an den Gräbern: Trauer um die Opfer des Luftangriffs auf zwei Tanklastwagen in der afghanischen Provinz Kundus im September 2009. (picture-alliance/ dpa / Ahmad Munir)

Mehr als 100 Menschen starben, die meisten von ihnen Zivilisten: Vor zehn Jahren veranlasste die Bundeswehr den fatalen Luftangriff von Kundus. Angemessenes Gedenken an afghanische Zivilopfer finde bis heute nicht statt, kritisiert der Journalist Martin Gerner.

Die Bilder sind vielen noch in Erinnerung: zwei ausgebrannte Tanklaster in einem flachen Fluss mit Kiesbett. Verkohlte Leichen, wild verstreut in alle Richtungen und bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Körper, von Jungen und kleinen Kindern darunter.

Alles mutmaßliche Taliban? Oder Zivilisten, die kamen, um Benzin von dem Laster abzuzapfen, der im Flussbett steckte. Und von dem der deutsche Oberst Klein annahm, es handle sich um eine fahrende Bombe gegen das deutsche Militärlager.

Notdürftige Bemäntelung der Schuld

Ein deutsches Gericht urteilte damals, der Befehl für den Luftangriff verstoße nicht gegen Kriegs- und Völkerrecht. Eine juristische Entschädigung der Hinterbliebenen war damit erledigt. Die 5.000 Dollar, die jede der Hinterbliebenen-Familien bekam, wurde zur Winter- und -Nothilfe erklärt. Eingeständnis, Schuld und die Auseinandersetzung mit Sühne, das musste allen klar sein, liessen sich damit nur notdürftig bemänteln.

Seitdem wurde auf Krieg in Afghanistan plädiert und wiederholt gestorbener deutscher Soldaten gedacht. Mit der Erinnerung an die afghanischen Opfer von Kundus dagegen tut sich die Bundeswehr schwer. Völkerrechtlich zulässig, strafrechtlich gerechtfertigt, so das offizielle Mantra, das sich keinen Raum für Reflexion gibt. Nur so aber wäre zu lernen aus diesem GAU. Auch die deutsche Öffentlichkeit tut sich entsprechend schwer mit dem Thema, dem Einsatz am Hindukusch allgemein, sofern die Medien sie überhaupt ausreichend ins Bild setzen. 

Wann bricht der Befehlsgeber sein Schweigen?

Wie also kann so ein Gedenken aussehen, an diesen vernichtendsten Befehl eines deutschen Militärs nach dem Zweiten Weltkrieg? Wäre es an der Zeit, das Oberst Klein, der längst zum General befördert ist, sein Schweigen bricht zum heutigen Tag und uns in seine Gedanken von damals einweiht? War Oberst Klein damals gesundheitlich diensttauglich für den Einsatz? Auch die Frage macht bis heute Schlagzeilen.

War sein Votum für Fliegerbomben aus der Luft verhältnismäßig, angesichts grauer Punkte auf dem Radarschirm, die nicht klar zwischen Taliban oder Zivilisten unterscheiden konnten? 

Deutsche Gerichte haben diese Fragen zugunsten von Bundeswehr und NATO in Afghanistan beantwortet. Ziel war, eine juristische Mitverantwortung am Tod afghanischer Zivilisten auszuschliessen – alles andere wäre womöglich teuer geworden.

Nur vereinzelt afghanische Zeugen im Untersuchungsausschuss

Eine Erinnerungskultur aber, die wir für den heutigen Anlass bräuchten, ist mehr, als sich per Gericht Fragen von Schuld und Verantwortung vom Leib zu halten.

Herzen und Verstand der Menschen in Kundus und Afghanistan wollten Bundeswehr und Nato-Militär einst am Hindukusch gewinnen. Und sich den Terror in Europa vom Leib halten. Beides ist schief gegangen.

Aus Kundus Lehren für die Zukunft ziehen

Daraus ließe sich lernen: für den Krieg im Irak, in Mali oder in Syrien, dessen Zukunft sich ein Stück weit vorhersagen lässt, wenn man die Lektionen aus Afghanistan lernt. Zum  Frieden muss die Entwaffnung der Taliban gehören, sonst bleibt alles Makulatur. Auch das Ende von Waffenlieferungen in die Konfliktländer. Mehr zivile Hilfe stattdessen.

Die Menschen müssen vor Ort Lohn und Brot haben, und eine Lebensperspektive vor Ort. Humanitäre Hilfe muss die Menschen dort ermächtigen, anstatt ihre Not zu managen und unseren Hilfs-Industrien ein Alibi zu verschaffen. Die Toten von Kundus, gleich ob sie für die Taliban Sympathie hatten oder nicht, waren Menschen.

Sie sollten uns eine Mahnung sein, eine  interventionistische Hybris zu erkennen und zu reflektieren. Damit morgen in Gao, Mossul oder Idlib nicht wieder Menschen unverhältnismäßig sterben, und sei es, was nicht zu hoffen ist, auf  Befehl deutscher Soldaten.

Martin Gerner ist freier Journalist und Regisseur. Er berichtet als Korrespondent und Autor aus Konflikt- und Krisengebieten des Nahen und Mittleren Ostens, der arabischen Welt und aus Afghanistan. Zuletzt war er häufiger auf der Balkanroute der Flüchtlinge nach Europa auf Recherche. Sein Dokumentarfilm "Generation Kunduz" wurde weltweit ausgezeichnet.

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