ZdK-Generalsekretär will "schonungslose Offenheit" bei Missbrauchsaufklärung

"Es gibt keine Alternative zur schonungslosen Offenheit", sagt Vesper. © picture alliance / dpa
Stefan Vesper im Gespräch mit Gabi Wuttke · 11.01.2013
Stefan Vesper weist die Vorwürfe des niedersächsischen Kriminologen Christian Pfeiffer zurück. Die katholische Kirche vertusche keine Fälle von sexuellem Missbrauch, sagte der Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK).
Gabi Wuttke: Weil die Kinder in der DDR stundenlang auf dem Töpfchen sitzen mussten, sei der Rassismus in den neuen Bundesländern besonders ausgeprägt - mit dieser steilen These machte Christian Pfeiffer vor 14 Jahren von sich reden. Jetzt stehen alle, bis hin zur Bundesjustizministerin, auf der Seite vom Direktor des kriminologischen Instituts Niedersachsen, dem die Deutsche Bischofskonferenz mit sofortiger Wirkung den Vertrag zur Aufklärung des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche aufgekündigt hat. Stefan Vesper, Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, ist jetzt am Telefon, einen schönen guten Morgen!

Stefan Vesper: Guten Morgen!

Wuttke: Gibt es eine Alternative zu schonungsloser Offenheit?

Vesper: Nein, es gibt keine Alternative zur schonungslosen Offenheit. Die katholische Kirche hat aufgedeckt, sie hat einen großen Maßnahmenkatalog im Jahre 2010 beschlossen, damit solche Vorkommnisse nie wieder vorkommen. Sexuellen Missbrauch darf es in der katholischen Kirche nicht geben, die Kirche hat reagiert und wird weiter ganz eindeutig und schonungslos aufdecken und alles tun, damit so etwas nicht wieder vorkommen kann.

Wuttke: Die aktuelle Reaktion ist, gegen Christian Pfeiffer wurde eine Unterlassungsklage eingereicht. Das wirkt nicht machtvoll, Herr Vesper, das wirkt unsouverän und zumindest, als säße die katholische Kirche im Schmollwinkel.

Vesper: Das weiß ich nicht. Ich sehe es so, dass man in einer solchen zerrütteten Situation von außen nicht einblicken kann. Ich habe auch da keine Gespräche geführt. Ich glaube, es ist von beiden Seiten gesagt worden, dass eine Mediation, der beide zugestimmt haben, gescheitert ist. Dann kann man nur sagen, man muss weiter nach vorne schauen, das hat keinen Sinn, hier versuchen nachzukarten, weder vonseiten von Herrn Pfeiffer, noch, meine ich, vonseiten der Bischofskonferenz.

Wuttke: Wenn in diesem konkreten Fall die persönliche Chemie nicht gestimmt haben sollte, dann blicken wir doch mal auf das Bistum München-Freising, auf Bischof Marx, dort wurde eine schonungslose Studie in Auftrag gegeben - die Ergebnisse liegen im Tresor.

Vesper: Na ja, zunächst mal ist es doch so, wer eine Studie in Auftrag gibt, der empfängt die Studie und zieht daraus die Konsequenzen. Was und wie veröffentlicht wird, das muss man jeweils im einzelnen Ermessen desjenigen lassen, der eine Studie in Auftrag gibt. Aber es ist doch eines auch völlig klar, dass auch in München und Freising, in jeder Diözese in Deutschland, die Leitlinien gelten.

Die Deutsche Bischofskonferenz hat sie beschlossen und in seltener Einmütigkeit, muss ich sagen – es gibt ja auch Unterschiede in den Diözesen –, in einer ganz großen Einmütigkeit beschlossen, dass alles getan wird, um sexuellen Missbrauch zu verhindern, künftig, und um alles aufzudecken. Man hat sich entschuldigt, man hat sich gegenüber den Opfern auch der eigenen Schuld bekannt, und man hat – der Papst hat mit Opfern gesprochen beispielsweise – auf der Ebene der Bischofskonferenz, dann der Ordensobernkonferenzen, sind entsprechende Maßnahmen zur Prävention auch eingeleitet worden in der Jugendarbeit.

Die katholische Kirche hat, glaube ich, sehr viel getan, und ich bedaure sehr, dass die Vorgänge der letzten Tage uns hier zurückgeworfen haben. Es ist eben der Eindruck entstanden und dem muss man sich offen stellen, dass das zurückgewonnene Vertrauen beschädigt ist, wieder neu beschädigt ist, und die öffentliche Wahrnehmung heißt, die katholische Kirche will in Sachen Missbrauch doch nicht ganz reinen Tisch machen. Das ist verheerend, und dagegen müssen wir gemeinsam uns jetzt wieder stellen.

Wuttke: Wie?

Vesper: Ja, man muss in der katholischen Kirche weiter einen Kurs fahren der klaren Öffentlichkeitsarbeit, man muss Mut und Vertrauen wiedergewinnen, man muss zeigen, dass man weiter im Gespräch bleibt mit den Opfern. Es ist ja so, dass (…) nach allem, was man weiß, dieser ganze Vorgang im Jahre 2010 dazu geführt hat, dass deutlich, dass also keine Vorkommnisse mehr auftauchen.

Und wenn sie auftauchen, kommen sie sofort in die Zeitung, zu Recht, denn das darf einfach nicht sein. Eltern müssen sich verlassen können, dass Kinder in katholischen Einrichtungen sicher sind - das ist ja so, Sie sehen ja, das katholische Schulen wieder großen Zulauf haben und dass die Kirche aufgeräumt hat mit solchen Vorgängen. Dazu gehört aber Transparenz und auch Mut und auch Klarheit in der inneren Kommunikation.

Wuttke: Aber sie räumt doch nicht auf, die Öffentlichkeitsarbeit, von der Sie sprechen, ist doch jetzt geendet in einer Forderung nach schonungsloser Offenheit. Und Sie sagen, als Auftraggeber muss man die Vereinbarung und den Rahmen setzen, in dem etwas öffentlich wird. Das kann doch nicht sein.

Vesper: Doch, ich meine, das ist ja klar, dass, wer eine Studie in Auftrag gibt, zunächst einmal die Studie dann empfängt und dann daraus Konsequenzen zieht. Das macht ja jedes Industrieunternehmen so, das eine Untersuchung macht, das ist ja klar. Nur, wir haben in der Tat in der katholischen Kirche in Deutschland zwei Dinge, die wir verbessern müssen: Das eine ist, wir müssen eine stärkere Zusammenarbeit noch der Diözesen haben. Die Bischofskonferenz ist ja der Zusammenschluss von 27 Diözesen, die im Grunde eigenständig sind.

Wir sind aber in Deutschland, leben wir in einer Öffentlichkeit. Was in dem einen Bistum passiert, führt dazu, dass Menschen in einem anderen Bistum das sehen und austreten aus der katholischen Kirche. Wir haben auch in der Bischofskonferenz noch nicht eine wirkliche, klare gemeinsame Überzeugung, dass das ein einziger öffentlicher Raum ist, man denkt immer noch in 27 Öffentlichkeiten in Deutschland, und das ist eben falsch.

Und das Zweite ist, wir müssen eine größere Akzeptanz haben, dass wir in einer Informations- und Mediengesellschaft leben, die in allen Fragen Transparenz und Öffentlichkeit haben will, Debatte, Austausch von Argumenten, auch mal eine Korrektur von Meinungen gehört, auch in der Kirche, dazu, gelegentlicher Streit muss sein. Es schadet nicht, manche denken immer noch, es schadet, wenn man innerhalb der Kirche unterschiedliche Meinungen hat, und auch Austausch, auch von Bischöfen unterschiedliche Meinungen austauscht.

Das ist eben nicht so, wir müssen in dieser Welt, in dieser Öffentlichkeit leben und bestehen, und dazu gehört Transparenz und miteinander reden, Argumente austauschen und zeigen, dass man debattieren kann. Deswegen sind unsere, vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken, unsere Vollversammlungen öffentlich, da sieht die Öffentlichkeit, dass der Katholizismus diskutiert und miteinander ringt, unterschiedliche Meinungen hat, und das ist nicht schlecht, sondern das ist richtig.

Wuttke: Sagt Stefan Vesper, der Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, im Interview der "Ortszeit" von Deutschlandradio Kultur. Vielen Dank, Herr Vesper!

Vesper: Bitteschön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
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