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Buchkritik | Beitrag vom 08.11.2019

Yvonne Hofstetter: „Der unsichtbare Krieg“ Europas Ratlosigkeit gegenüber der digitalen Gefahr

Von Vera Linß

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Das Cover zeigte einen Strudel aus Punkten und nachziehenden, gleichfarbigen Lichtschweifen.  (Cover: Droemer)
Yvonne Hofstetter beschreibt, wie die Digitalisierung politische Macht und militärische Gewalt beeinflusst. Sie mahnt, die Antwort Europas darauf stehe noch aus. (Cover: Droemer)

Daten sind nie unpolitisch. IT-Expertin Yvonne Hofstetter warnt, die Digitalisierung werde die geostrategischen Machtverhältnisse fundamental verändern. Europa müsse eine eigene weltpolitische Vision für den Einsatz digitaler Technologien entwickeln.

IT-Systeme von Behörden werden hierzulande immer öfter lahm gelegt. Auch Hackerattacken auf Stromnetze häufen sich. Und die Zahl der in Deutschland entdeckten neuen Schadprogramme ist zuletzt innerhalb eines Jahres auf 114 Millionen gestiegen.

Die digitale Gefahr lauert offensichtlich permanent und überall. Doch wie viel Schaden können Hacker tatsächlich anrichten? Sehr viel, warnt Yvonne Hofstetter, und zwar mehr als "nur" eine kurzzeitige Störung ziviler Infrastrukturen. Digitale Technologie werde letztlich geostrategische Machtverhältnisse fundamental verändern, prophezeit die IT-Expertin.

Es toben längst "Surrogat-Kriege" 

Ihr Credo: Daten sind nie unpolitisch. Seit Jahren beschäftigt sich die studierte Juristin damit, wie die Digitalisierung politische Macht und militärische Gewalt beeinflusst. Und seit Jahren warnt sie davor, wie wenig die westliche Welt auf die digitale Disruption vorbereitet ist.

Dabei zeigt ihr neues Buch: Die zu lösenden Fragen sind enorm und bedürfen einer ausgefeilten Strategie: Etwa wenn es um eine der größten Bedrohungen, den Cyber-Krieg, geht. Die Herausforderung: Bisherige Kriterien, definiert durch den Militärtheoretiker Carl von Clausewitz, seien überholt.

An etlichen, teils bekannten Beispielen, wie etwa dem Computerwurm Stuxnet oder dem Angriff russischer Hacker auf das US-Wahlsystem, zeigt Yvonne Hofstetter, dass längst so genannte "Surrogat-Kriege" toben – Regierungen also Ersatzmittel nutzen, "mit denen sie unterhalb der Kriegserklärung ihre Konflikte austragen."

Sich als Staat dagegen zu wehren sei schwierig, denn das Völkerrecht habe keine Antwort auf die neue Situation. Die Folge: Selbst hoch entwickelte Nationen könnten erfolgreich angegriffen und dauerhaft in Unsicherheit versetzt werden.

Es fehlen klare Gesetze

Die gleiche Ratlosigkeit beschreibt die IT-Expertin, wenn es um den Einsatz von Drohnen und autonomen Waffen geht, ebenfalls ein Phänomen der Digitalisierung. Oder beim Umgang mit den Informationskriegen, die über das Internet geführt werden.

Dass sich daran so schnell nichts ändern wird, legen die vielen Fachleute nahe, die im Buch zu Wort kommen. "Das rechtliche Regime bei Cyber ist nicht ganz klar", so ein Völkerrechtler lapidar. Und auch die durchaus klugen Einschätzungen von Ex-Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen oder Wolfgang Ischinger, Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, hinterlassen den Eindruck, dass man lieber analysiert, als politische Strategien zu formulieren.

Umso wichtiger, dass Yvonne Hofstetter diese immer wieder anmahnt. Etwa wenn sie der Bundesregierung vorschlägt, defensive Konzepte zu entwickeln, anstatt – wie derzeit – mit Offensivtechnologien das digitale Wettrüsten selbst mit anzuheizen. Auch für ein Verbot von Killerwaffen macht sie sich stark.

Am meisten aber vermisst die IT-Expertin eine weltpolitische Vision von Europa, die die Entwicklung  digitaler Technologien mit einer geostrategischen Perspektive verknüpft. Ihr kluges Buch ist eine Mahnung, sich dem schnell zu widmen – bevor es zu spät ist.

Yvonne Hofstetter: "Der unsichtbare Krieg. Wie die Digitalisierung Sicherheit und Stabilität in der Welt bedroht"
Droemer Verlag, München 2019
304 Seiten, 22.99 EUR

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