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Tonart | Beitrag vom 06.06.2016

"You & I" von Ala.NiEine absolut bemerkenswerte Stimme

Von Thorsten Bednarz

Die britische Sängerin Ala.ni beim dem Rock- und Pop-Festival "Le Printemps de Bourges" im französischen Bourges; Aufnahme vom April 2016 (GUILLAUME SOUVANT / AFP)
Die britische Sängerin Ala.ni beim dem Rock- und Pop-Festival "Le Printemps de Bourges" im französischen Bourges; Aufnahme vom April 2016 (GUILLAUME SOUVANT / AFP)

Alten Jazz, Musical-Anklänge und ganz viel Persönlichkeit findet man darin. "You & I" ist eines der ungewöhnlichsten Alben des Jahres. Aufgenommen hat es die Sängerin Ala.Ni.

Ala.Ni. Allein der Name klingt schon ein wenig nach Aladin und die Wunderlampe. Jedenfalls war das meine erste Assoziation. Und das passt auch zu diesen scheinbar ganz einfachen Songs, die sich meist auf die Stimme der Sängerin und eine Gitarre beschränken.

Wer dabei gleich an die unzähligen Singer/Songwriter denkt, die Neuerdings wieder die Radioprogramme bevölkern, liegt aber völlig falsch. Ala.Ni entzieht sich mit ihren Songs allen Kategorisierungsversuchen. Ein wenig alter Jazz, die Tradition der Cabarèts der Jahrhundertwende und ganz viel Persönlichkeit der Sängerin machen diese Musik aus.

"Es war so etwas wie Masturbationsmusik"

Kein Masterplan der Marketingstrategen einer Plattenfirma steht dahinter, nicht einmal eine Erfolgsabsicht der Sängerin selbst. Denn dann, so sagt Ala.Ni, würden die Lieder wohl anders klingen:

"Ich habe sie einfach aufgenommen. Ich kann sie nicht analysieren. Ich habe auch nicht an irgendein Publikum gedacht. Ich wusste nur, dass ich nach Paris und mich ganz der Platte widmen wollte. Aber für wen das sein sollte, das konnte ich nicht sagen. Es war so etwas wie Masturbationsmusik für mich. Ich habe mich um nichts gekümmert, habe es mir nur mit mir gut gehen lassen. Und ich hoffte, dass würde sich auch auf andere übertragen."

Und es war auch das gewisse Pariser Flair, welches schon Woody Allen in seinen Filmen immer wieder suchte, welches die Platte von Ala.Ni ebenso ausmachte wie die Musik selbst. Die dunkle Seite der Stadt an der Seine, die düsteren Gassen und die alten Häuser haben es ihr angetan, so dass die Londonerin vor einigen Jahren ganz nach Paris umzog. Denn ihre eigene Heimatstadt wird für sie immer mehr zu einer Hochglanzfassade ohne Gesicht und ohne eine Geschichte.

"Du kannst Soho nicht aus London verbannen. London wäre nicht London ohne den Dreck und die Prostitution von Soho. Auch das macht eine Stadt aus! Du kannst den Sex und die Plattenläden nicht einfach wegnehmen."

"Als ich die Songs schrieb, hatte ich einen Film im Kopf. Ich bin sehr visuell. Er spielte in den 1850er-Jahren in den USA während des Bürgerkrieges. Der Sohn aus gutem Hause und eines der schwarzen Dienstmädchen. Sie wuchsen zusammen auf, er ging in den Krieg um für ihre Freiheit zu kämpfen und als er zurückkam, da verliebten sie sich ineinander. Aber sie konnten nicht zusammen sein, das Gesetz war dagegen…"

Aufgewachsen in der heilen Welt des Familienfernsehens

Seine Fortsetzung findet der Film dann im Harlem der 20er-Jahre, einer der Geburtsstätten des Jazz. Wobei Jazz für Ala.Ni ein sehr weit gefasster Begriff ist. Sie, die jahrelang als Kinderstar in Fernsehserien und Werbespots auftrat, liebt die Freiheit des Ausdrucks, dieses nicht beschränkt sein müssen auf eine bestimmte Art zu musizieren. Und auch das findet sie eher in Paris als in London.

"England hat nicht diese Jazzkultur. Womit ich nicht sagen will, ich spiele Jazz. Aber wenn ich meine Musik beschreiben müsste, dann kämen wohl Folk und Jazz ihr am Nähesten."

Aufgewachsen ist Ala.Ni in der heilen Welt des Familienfernsehens. Sie besuchte die gleiche Theaterschule wie Amy Whinehouse, arbeitete schon als kleines Mädchen für verschiedene Fernsehserien und trat in Werbespots auf oder sang in Musicals.

Kein Wunder also, wenn in ihrer Stimme ständig diese "gute alte Zeit" mitschwingt. In der heutigen Musik gehe es doch nur darum, wer es mit wem auf welcher Toilette treibt, sagt sie. Das interessiere sie nicht, das mache sie hinter verschlossenen Türen. Da seien ihr die alten Lieder einer Marlene Dietrich viel näher als das, was sich derzeit in den Hitparaden tummelt.

Es geht nicht ums Verkaufen

"Ich singe diese Songs seit ich fünf Jahre alt war. Auf der Schauspielschule habe ich sie gelernt. Ich habe sie alle noch immer im Kopf und kann sie jederzeit vor holen, auch wenn ich nicht einmal weiß, woher ich die Texte noch kenne. Das fließt natürlich auch in meine Songs ein. Vielleicht bin ich auch sehr romantisch veranlagt. Und ich liebe diese alten Schwarz-Weiß-Filme. Wenn ich die Zeit habe, schaue ich mindestens einen oder zwei pro Woche. Die Geschichten sind so schön einfach: Mann, Frau, Kuss, Liebe. Mann, Frau, Kuss, Liebe…"

Und als wäre das an sich nicht schon genug, hat sie ihre erste Single auch in einer kleinen Auflage auf einem Wachszylinder veröffentlicht. Abspielen kann den zwar so gut wie niemand, aber es ist doch ein Statement. Es geht nicht ums Verkaufen. Es geht einfach nur um die Lieder und ihre Geschichten. Nicht mehr und nicht weniger.

Tonart

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Anfang der 90er galt Linda Perry als Popstar, war Frontfrau der 4 Non Blondes. Doch statt den Höhenflug fortzusetzen, verlegte sie sich auf die Arbeit hinter den Kulissen und ist als Produzentin noch erfolgreicher.Mehr

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