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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.05.2015

Yoram Loewensteins "Performing Arts Studio"Eine Theaterschule in Tel Aviv

Von Sigrid Brinkmann

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Israelische Schauspielschüler des Performing Arts Studio (Deutschlandradio / Sigrid Brinkmann)
Israelische Schauspielschüler des Performing Arts Studio beim gemeinsamen Trommeln. (Deutschlandradio / Sigrid Brinkmann)

Tel Aviv ist das israelische Pendant zum kulturell experimentierfreudigen Berlin. Auch deshalb bieten das Performing Arts Studio von Yoram Loewenstein und die Ernst-Busch-Hochschule für Schauspielkunst gemeinsam Workshops an.

Yoram Loewensteins Theaterschule liegt in HaTikva, einem der ärmsten Viertel von Tel Aviv. Einwanderer aus dem Sudan, Äthiopien und Eritrea, russisch sprechende Frauen und alte Männer mit ausgefransten Einkaufstaschen schlendern über den Markt, den man längs durchqueren muss, wenn man zur Schule gelangen will.

Yoram Loewenstein steht im Innenhof des unscheinbaren Gebäudes und freut sich über die Schokoladentorte, die seine Schüler für die Gäste aus Berlin gebacken haben. Applaus für das erste angeschnittene Stück. Eine Flasche Wein wird entkorkt, man hebt die kleinen Plastikbecher, Le Chaim - Aufs Leben -, und schon geht es hinauf in den zweiten Stock. 25 junge Israelis und vier deutsche Studenten setzen sich auf den Boden und stellen einander vor.

Sari hat schon eine Ausbildung als Gymnastiklehrerin und drei Jahre Arbeit im Zirkus hinter sich, Hadas Feder kommt aus Jerusalem, Ron aus einem Kibuz im Süden und Shadi Mar’i aus einem Dorf bei Nazareth. Shadi hatte 2013 eine Hauptrolle in dem Oscar-nominierten Politthriller „Bethlehem - Wenn dein Feind dein bester Freund ist“ und Asaf Hanaan, neben ihm sitzend, bewies großen Mut, als er sich für die Kunst entschied. Asaf ist in einer ultraorthodoxen Gemeinde aufgewachsen und hat sich mit seiner Berufswahl. für immer aus der frommen Welt hinaus katapultiert. Und dann ist Florian an der Reihe.

"Ich bin seit fünf Jahren in Berlin, komme aber aus Halle, eine kleine Stadt im Osten, spiele Cello und habe früher ganz lange Basketball gespielt."

Ausgelassene Stimmung in der Theaterschule

Robert Schuster, der den Workshop leitet, lässt die in der großen Runde knienden Rhythmen klopfen. Wer Signale falsch abnimmt, fliegt raus. Die Stimmung wird immer ausgelassener. Erste Szenen werden improvisiert und Unterschiede sichtbar. Ofir brüllt aus dem Fenster hinaus auf die Gasse.

Noam Bursilovsky, der im vierten Jahr Regie an der Ernst-Busch-Hochschule studiert, ist unentwegt am Übersetzen.

"In Israel redet man miteinander gleichzeitig, und in Deutschland wartet man auf die Frage einer Person und die Antwort. Im Gegensatz zu den Deutschen, sie haben keine Hemmungen beim Spielen. Sie sind bereit, alles auf der Bühne zu machen. Sie fragen nicht, verletze ich oder sieht es blöd aus, sie machen erstmal."

Und in der Pause gehen die Israelis schnell auf die Berliner Regie-Studenten zu. Sie rauchen unterm Baum, plaudern auf Englisch. Sari und Hadas erzählen von einer Szene, die sie spielen wollen: Wie könnte das Leben in Tel Aviv im Jahr 2020 aussehen? Sari glaubt, dass die soziale Schere noch weiter auseinandergehen wird, Hadas träumt davon, dass Juden, Christen und Muslime zusammen Strandpartys feiern und Tel Aviv eine arabische Bürgermeisterin bekommt.

Snir Irgarkin erkrankte mit acht Jahren an Krebs. Eine Kindertheatergruppe half ihm, sich nach den Behandlungen abzulenken. Seit dieser Zeit liebt er die Bühne.

"Since then it is my agenda for life, you know. Bring joy, happiness, feelings to people that sometimes forget about their existence."

Talent und Bereitschaft, sich den Sorgen zu stellen

Snir und alle anderen Schauspielschüler wurden im Performing Arts Studio aufgenommen, weil sie Talent haben und bereit sind, sich den drängenden Sorgen der Einwohner von HaTikva zu stellen. Es gibt ethnische Konflikte, häusliche Gewalt, bedürftige alte Menschen und Drogenhandel. Yoram Loewenstein ist selber Kind von Einwanderern, denen es nicht gelang, nach zehn Jahren im englischen Exil auch noch die hebräische Sprache gründlich zu lernen. So wuchs er mit Deutsch auf.

Er schickt seine Studenten regelmäßig hinaus auf den Markt, wo sie Szenen improvisieren und auf Leute treffen, die sie nicht verstehen. Als er erzählt, wie er zum Theater kam, versteht man unmittelbar, warum sein 1988 gegründetes Performing Arts Studio die begehrteste Schule für Schauspielkunst ist und warum die zurückhaltenden deutschen Studenten schon nach wenigen Stunden mitten im Kreis stehen und mit den Israelis lachen.

"Ah, ich war schon 27 und wusste nicht, was zu machen mit meinem Leben. Ich habe studiert Chinesisch und Philosophie und Psychologie und gelernt Historie und Anthroposophie. Alles hab’ ich gelernt. Hab’ ich gesagt, Schauspiel hab’ ich noch nicht gelernt, da werde ich das versuchen. Die großen Schulen haben mich eingeladen zu unterrichten, und dann haben die mich alle weggeworfen (Lachen), die haben mich nicht verstanden. Dann habe ich gesagt: Warum suche ich soweit? Ich habe alle meine Energie in meine Workshops (gesteckt), und jetzt bin ich die beste Theaterschule in Israel. Das Leben ist komisch. Ich sage immer meinen Schülern, du bekommst ein Nein, irgendwo ist ein Ja. Du musst es nur sehen. Und geh mit dem Ja. Es ist Part vom Leben auch zu bekommen ein Nein."

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