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Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.10.2016

Yael Ronens "Point Of No Return" in MünchenRaus aus der Angstfalle

Von Christoph Leibold

Die in Berlin lebende österreichisch-israelische Regisseurin Yael Ronen, aufgenommen am 15.05.2016 in Berlin während der Verleihung des Theaterpreises. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
Die in Berlin lebende österreichisch-israelische Regisseurin Yael Ronen, aufgenommen am 15.05.2016 in Berlin während der Verleihung des Theaterpreises. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)

Ein viertel Jahr nach dem Münchner Amoklauf macht sich die Regisseurin Yael Ronen nun spielerisch darüber her. Ronen ermöglicht dem Zuschauer in "Point Of No Return" an den Münchner Kammerspielen nicht weniger als eine Katharsis - und das mit den Mitteln der Komödie.

Es ist eine Seilschaft der Sorgenvollen, die die steil nach hinten ansteigende Schräge des spiegelverglasten Guckkastens erklimmt, verbunden durch eine Kletterschnur ebenso wie durch ein gemeinsames Angstgefühl. Sie haben Angst vor der falschen Ernährung. Angst, bei einem Verstoß gegen die Political Correctness ertappt oder beim Einkauf im Textil-Discounter erwischt zu werden. Angst vor dem Tod. Und vor dem Terror, der im Juli in München angekommen schien, als ein junger Mann vor einem Einkaufszentrum Amok lief.

In sich überschlagenden Erzählungen wetteifern die fünf Darsteller in "Point Of No Return" an den Münchner Kammerspielen, wer mit dem erschütterndsten Erfahrungsbericht vom Amok-Abend aufwarten kann. Die Eitelkeit, mit der hier die eigene Erregung gegen andere ausgespielt wird, ist natürlich deshalb besonders groß, weil hier Schauspieler am Werk sind, also Experten darin, sich emotional zu exponieren.

Ronen spürt akute Schmerzpunkte unserer Gegenwart auf

"Point Of No Return" fragt danach, was das Theater für ein seltsamer Ort ist, an dem Gefühle gefakt werden, um Empathie-Effekte zu erzielen. So stellt sie das Theater auch in Frage, stellt zugleich aber auf wunderbare Weise dessen Stärke unter Beweis. Das hat sicher etwas mit der Unverfrorenheit zu tun, mit der sie akute Schmerzpunkte unserer Gegenwart aufspürt.

Während wir als Zuschauer in einer soliden Shakespeare-Inszenierung die Leichen auf der Bühne oft nur noch routiniert bis regungslos zur Kenntnis nehmen, können wir uns bei Yael Ronen durchaus aufregen, ob das angehen kann: dass sie sich ein Viertel Jahr nach dem Münchner Amoklauf spielerisch darüber hermacht. Um dann festzustellen, wie befreiend das Gelächter ist, das Ronen dabei auslöst. So kann uns das Theater aus der Verstrickung der Angst lösen. Früher nannte man das mal "Katharsis". Nur dass dafür die Tragödie zuständig war. Bei Yael Ronen leistet es eine Komödie.

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