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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 22.07.2014

XXXL im Land der Surfer Besser essen in Australien

Übergewicht ist zum Gesundheitsproblem Nummer eins geworden

Von Margarete Blümel

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Übergewichtiger Teenager, Australien (ture-alliance / dpa)
Übergewichtiger Teenager, Australien (ture-alliance / dpa)

Etwa ein Drittel der Australier ist viel zu dick. Damit sind nicht nur Australiens Krankenpfleger stark gefordert. Die Gewichtigkeit vieler Australier drückt auch auf die Staatskasse.

Bathurst, im Landesinneren des Bundesstaates New South Wales, etwa 200 Kilometer entfernt von Sydney. Im größten Einkaufszentrum der Stadt herrscht an diesem Spätnachmittag dichtes Gedränge. Kinder in Schuluniformen, alte Damen mit Gehstock, Hut und leuchtendrot geschminkten Lippen. Vater, Mutter, Sohn und Tochter und viel zu junge Mütter mit einem Baby auf dem Arm und einem Kleinkind an der Hand versuchen sich in dem Gewühl zu behaupten.  Was den Großteil dieser Kunden und Flanierer eint, ist ihr Gewicht: Die meisten sind eindeutig zu dick.

Immer wieder fädelt sich jemand aus der Menschenmenge aus, um eines der Fast-Food-Lokale anzusteuern, vor deren Theken die Kunden Schlange stehen. Andere bahnen sich ihren Weg zu einem der auffallend vielen Bekleidungsgeschäfte für Übergewichtige, die "Big is Beautiful" und "Plus-Size-Fashion" heißen. Kleidung für Übergewichtige gebe es in Australien im Überfluss, sagt die Krankenschwester Bronwyn Laing. Kein Wunder – die meisten ihrer Landsleute äßen zu viel und zu fett - und sie bewegten sich kaum.

 "Es ist diese Kombination aus sehr fettreichem Essen, Fast Food und der Tatsache, dass viele praktisch überallhin mit dem Auto fahren statt sich mal zu bewegen! Und die Fast-Food-Ketten machen es den Leuten besonders leicht – man fährt rein, nimmt das Essen in Empfang und dann geht’s nach Hause."

Fettleibigkeit gilt als Gesundheitsproblem Nummer eins

14 der etwa 23 Millionen Australier sind übergewichtig. Fettleibigkeit gilt in Australien mittlerweile als Gesundheitsproblem Nummer eins, als Hauptursache für vorzeitigen Tod und für eine Vielzahl ernstzunehmender Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck und Herzschwäche. Dies, sagt Bronwyn Laing, halte aber nur wenige ihrer Landsleute davon ab, mit ihren ungesunden Essgewohnheiten zu brechen. Viele Patienten wollten einfach nicht wahrhaben, dass sie ihres zu hohen Gewichtes wegen früher sterben müssen. Außerdem, so der allgemeine Tenor, seien die in Frage stehenden Krankheiten doch behandelbar.

"Die Regierung hat über einen längeren Zeitraum hinweg diverse Gesundheitsprogramme aufgelegt – Sportangebote für Schulkinder, Fitnesskurse für Erwachsene und Ernährungsberatung. Das Ganze ging immer wieder durch die Medien, wurde also hinlänglich beworben. Nur – einen durchschlagenden Effekt auf das Verhalten der Betroffenen gab es nicht."

Nach wie vor stießen Ärzte und Krankenschwestern auf Ablehnung, wenn sie die Patienten dazu ermunterten, zu Fuß zum Supermarkt zu gehen oder mit dem Rad zur Arbeit zu fahren.

"Die schlechte Infrastruktur hierzulande ist natürlich ein Problem. Aber man könnte doch zumindest mal ans Fahrradfahren denken. Weit gefehlt! Denn aus unerfindlichen Gründen finden die meisten Australier es merkwürdig, ja, fast schon unnormal, sich mit dem Fahrrad fortzubewegen."

Die Fettleibigkeit vieler Australier kommt die Krankenkassen und den Staat teuer zu stehen. Während die Kassen für die Behandlung der  Folgeerkrankungen einstehen müssen, ist die Regierung in der Pflicht, vorzeitig aus dem Berufsleben ausscheidenden Arbeitnehmern zumindest eine Grundversorgung zu gewährleisten.

Konsum von Süßigkeiten und Softdrinks verdoppelt

Rosemary Korda von der Australian National University beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Themenkreis Gesundheit und Übergewicht in Australien.

"In den letzten 20 Jahren hat sich unser Konsum von Süßigkeiten und Soft Drinks verdoppelt. Hinzukommt, dass die Portionen, die viele von uns vertilgen, deutlich größer geworden sind. Und Australien ist unter den Spitzenreitern, wenn es um den Verzehr von fett- und kalorienreichem Essen geht."

Zumindest in den Schulkantinen ist es inzwischen aber so, dass die Kinder ausschließlich fettarme, ballaststoffreiche Mahlzeiten serviert bekommen. Gemüse steht auf dem Speiseplan ganz oben und zum Nachtisch gibt es keinen süßen Snack, sondern Früchte.

In dieser Ganztagsschule in Canberra tun die Lehrer noch ein Übriges hinzu. Sie versuchen, die Schüler und Schülerinnen in den Pausen zu Ballspielen oder zu einem kurzen Sprint über den Schulhof zu animieren. Da das Ganze freiwillig ist, beteiligen sich daran allerdings nur die ohnehin agilen und durchweg schlanken Kinder an den Sportübungen.

Zwei sehr dicke Jungen schauen ganz kurz von ihren iPods hoch und widmen sich gleich wieder ihren Emails und Videospielen. Eine junge Lehrerin versucht, ein paar Schülerinnen zu einem Tischtennismatch herauszufordern. Die Mädchen stecken die Köpfe zusammen und zupfen die Röcke ihrer stramm sitzenden Schuluniform zurecht, um dann höflich lächelnd abzulehnen.

Die vom Gesundheitsministerium auf den Weg gebrachte Initiative "Gesunde Schulmahlzeiten" sei definitiv ein Schritt in die richtige Richtung, sagt Rosemary Korda. Leider aber werde dieser Vorstoß nicht von weiteren Maßnahmen flankiert. Sportunterricht zum Beispiel – dieses Wort müsste in Australiens Schulen endlich wieder groß geschrieben werden.

"In den öffentlichen Schulen steht Sport nicht mehr auf dem Stundenplan. Sportliche Betätigung ist damit weitgehend aufs Wochenende reduziert. Fußball oder Basketball zu spielen, kostet aber Geld. Und da tut sich dann der Graben auf – wenn die Eltern sich das erlauben können, ist ihr Kind dabei. Oder eben nicht."

"Sportunterricht muss wieder eingeführt werden"

Hier sei der Staat in der Pflicht, sagt Rosemary Korda. Der Sportunterricht in den Schulen müsse wieder eingeführt und sportliche Freizeitaktivitäten müssten subventioniert werden. Außerdem gehöre ein weiterer Missstand ausgeräumt – die Tatsache, dass hochkalorische Fertigprodukte wesentlich preisgünstiger seien als gesunde Nahrungsmittel.

"Durch die Massenproduktion ist kalorienreiches Essen billiger geworden als je zuvor. Die Preise für diese nährstoffarmen Nahrungsmittel sind gesunken, Naturprodukte wie Gemüse - also gesunde Lebensmittel - werden dagegen immer teurer."

Ein Teil der Nahrungsmittelindustrie hat scheinbar besonders gute Beziehungen zur Regierung. Vorstöße zu einer eindeutigen Kennzeichnung von Lebensmitteln, wie Krankenkassen und die mit Studien zur Fettsucht betrauten Institutionen sie fordern, sind bis dato stets ins Leere gelaufen.

"Es wäre sehr wichtig, unsere Lebensmittel endlich richtig auszuweisen. Die Debatte darüber ist nicht neu – es wird schon seit längerem darum gerungen, eine Art Ampelsystem einzuführen, damit die Kunden sehen können, welches Produkt gut oder schlecht für sie ist. Aber die Nahrungsmittelindustrie weigert sich bis heute standhaft gegen diese Art von Kennzeichnung."

Verschiedene Studien zum Thema Fettleibigkeit in Australien machen den Staat und seine Bürger gleichermaßen verantwortlich. Viele Australier, heißt es in einigen der Untersuchungen, pflegten den berühmt-berüchtigten "Aussie-Lebensstil": lässig - entspannt, so oft wie möglich in der Sonne und am Strand abhängen, Grillparties, endlose Abende im Pub, viel Bier, wenig Bewegung.

Rosemary Korda sagt dazu nicht Nein, aber sie möchte diese Aussage doch relativieren. Man dürfe schließlich nicht vergessen, dass Bürgersteige oder Fahrradwege in australischen Städten bisher rar seien.

"Anders als in vielen Teilen Europas haben wir in den meisten australischen Städten eine Infrastruktur, die nicht gerade dazu einlädt, mal eben zu Fuß zur Arbeit oder in die Schule zu gehen. Deshalb sind wir nun einmal sehr aufs Auto angewiesen."

Fitnessstudio für Übergewichtige

Auch Brian Johnstones Kunden sind in der Mehrzahl mit dem Auto gekommen. Aber den angeblich typischen, lässig-entspannten "Aussie-Lifestyle" kann man ihnen dennoch nicht vorwerfen.

"I 'm in it" - "Ich bin dabei!" steht auf der Vorderseite des XXL-T-Shirts, das der Mann im Fitnesscenter der Kleinstadt Katoomba zu seiner Jogginghose trägt. Keine Sekunde lässt der 60-Jährige seinen Trainer aus den Augen, während Brian Johnstone dem Kunden vorführt, wie er das Rudergerät benutzen soll. Immer wieder zieht er die Rudergriffe in einer mühelos wirkenden Bewegung vor die Brust, streckt die Füße vor und wieder zurück und erklärt, dass durch die Übungen eine Vielzahl von Muskeln aktiviert und Herz und Kreislauf gestärkt werden.

In einem persönlichen Gespräch nach der Übungsstunde wird Brian Johnstone mit seinem neuen Klienten den Gesamtplan festlegen. Dabei wird es auch um die gewünschte Gewichtsreduktion gehen. Das Erstgespräch sei häufig heikel. Die meisten Kunden wüssten sehr wohl, dass sie dringend abnehmen müssten, wollten sich aber natürlich keine Blöße geben.

"Viele unserer Helden und Vorbilder aus dem Fernsehen zum Beispiel sind übergewichtig. Nehmen wir Homer Simpson aus der Zeichentrickfilm-Serie – der liebt Hamburger über alles. Und er ist und war immer ein richtiges Schwergewicht. So werden die Kinder schon früh indoktriniert. Es ist sozusagen normal, dick zu sein. Während Leute wie, sagen wir, meine Mutter noch schlank waren und selbst bei der Hausarbeit so aussahen, als seien sie gerade vom Friseur und von der Maniküre wieder nach Hause gekommen. Heutzutage dagegen sehen Sie in vielen unserer Fernsehprogramme Protagonisten, die richtiggehend schlampig sind. Und einige meiner Landsleute scheinen zu denken 'Na, wenn der oder die so aussieht, dann kann ich das auch!'"

Dass Brian Johnstones Fitnessstudio gut läuft, hat verschiedene Gründe. Einer davon ist, dass Katoomba in den Blue Mountains liegt, einer bergigen Region, in der es kühler und regnerischer ist als in den vielen heißen Regionen des Landes. Außerdem hat Brian Johnstone vor drei Jahren Nägel mit Köpfen gemacht. Als die Wellen wieder einmal hochschlugen und das Problem im Parlament und in den Medien heftig diskutiert wurde,  startete Brian Johnston eine fulminante Werbeaktion – mit einem humorvollen Appell an die Personengruppe,  Gratisgutscheinen und der Aussicht auf einen stark reduzierten Mitgliedsbeitrag für die nächsten sechs Monate.

"Unser derzeit dickstes Mitglied wiegt 160 Kilo. Als nächste folgen zwei Männer aus der 130-Kilo- Gewichtsklasse und eine ganze Reihe anderer, die so um die 100 bis 110 Kilo auf die Waage bringen. Unser Grundprogramm für diese Klientel besteht aus den entsprechenden Übungen und aus Diätvorschlägen. Eingeschlossen ist auch das Gespräch mit einem Ernährungsberater, den unsere Kunden alles rund ums Essen fragen können. Da stellt sich dann oft genug heraus, dass viele Leute nicht einmal den Unterschied zwischen Eiweiß und Kohlehydrat kennen.”

Kunden fühlen sich aufgehoben

Bei einigen der Übungen können die meisten von Anfang an mithalten. Die"PunchingClass” etwa ist sehr beliebt. Im Übungsraum stehen an die 30 Mitglieder einander in Zweiergruppen gegenüber. Alle tragen eine Art Boxhandschuhe. Während der eine der beiden Übungspartner ganz, als wolle er sich ergeben, seine Hände hochhält, schlägt ihm sein Gegenüber auf die Handflächen. Andere bearbeiten Sandsäcke. Ein sehr großer, schwergewichtiger Mittvierziger tänzelt wie ein Sumoringer um seinen Sandsack herum und versetzt dem reglosen "Gegner” immer wieder gutplatzierte Hiebe.

Die Kombination von Bewegung, Muskelaufbau, Ernährungslehre und Diätberatung zahlt sich aus. Viele der Kunden haben abgenommen und arbeiten entweder daran, ihr Gewicht zu halten oder es allmählich weiter zu reduzieren. Seine Kunden, sagt Brian Johnston, fühlten sich nicht nur wohler in ihrer Haut, sondern auch gut aufgehoben und akzeptiert.

"Leute in Leotards, in hautengen, beinfreien Gymnastikanzügen, werden Sie hier nicht sehen. Unsere Kunden sind leger gekleidet. Sie tragen das, was für sie am Bequemsten ist. Für Menschen, die eindeutig zu dick sind, ist es ohnehin schon traumatisch, ein Fitnesscenter zu betreten. Umso mehr wenn – was allerdings hier nicht der Fall ist – es von schlanken, durch die Halle tänzelnden 18-Jährigen nur so wimmelt. Die meisten unserer Kunden erinnern viel eher an Mitglieder eines Bowling-Clubs.”

Im Vergleich zu diesem gediegenen, harmonischen Ambiente ist das Szenario an Sydneys Kingsford Smith Airport ein Kriegsschauplatz. Vor dem Schalter der nationalen Fluggesellschaft ist die Abfertigung vollends zum Erliegen gekommen. Nach langen, lauten Debatten mit den beiden Angestellten warten an Schalter drei und vier etwa 20 Aborigines mit versteinerten Mienen auf den Manager.

Aborigines haben Veranlagung zum dick werden

Die Betroffenen sind allesamt wesentlich zu dick - und eben darum geht es: Mehrere  Aborigines sind dazu aufgefordert worden, ein zweites Ticket zu kaufen, weil sie so viel Raum einnehmen, dass niemand einigermaßen bequem neben ihnen Platz fände.

Aborigines sind häufig übergewichtig, oft genug sogar sehr massiv. Und das, obwohl die früheren Jäger und Sammler eigentlich fast immer sehnig und schlank waren. Genau deshalb aber, meinen einige Forscher, hätten die australischen Ureinwohner eine Art genetischen Code in sich, der sie besonders rasch extrem dick werden ließe, wenn sie ausreichend Nahrung und nicht allzu viel Bewegung hätten. Die meisten Aborigines aber haben keinen Job und leben von Sozialhilfe. Außerdem wohnen viele von ihnen in entlegenen, oft auch trockenen Regionen, in denen frische Nahrungsmittel selten und sehr teuer sind.

Der Fett-Tsunami, als den die Medien Australiens gewichtiges Problem bezeichnen, wird also von allen Seiten gespeist und rollt ungehindert weiter durchs Land. Das inkonsequente Vorgehen der Regierung, eine aufs Auto abgestimmte Infrastruktur, Bequemlichkeit und eine verzerrte Wahrnehmung, die selbst extremes Übergewicht akzeptabel erscheinen lässt. Brian Johnstone ist daher nicht sonderlich optimistisch. Wenn die Betroffenen keinerlei Motivation zeigten, wenn sie die Angebote, die es allenthalben gebe, ignorierten, sagt er, dann helfe vielleicht wirklich nur, die Leute zur Kasse zu bitten.

"Möglicherweise ändert sich etwas, wenn diese Mitglieder der Kassen dazu verpflichtet werden, erhöhte Beiträge zu zahlen. Den Versicherern sind ja die Hände gebunden, weil sie übergewichtige Kunden nicht diskriminieren dürfen. Daher müssen, beim jetzigen Stand der Dinge, die Steuerzahler dafür aufkommen.”

Diesem Ansatz stimmt auch Rosemary Korda zu. Außerdem aber, betont sie nochmals, müsse die Nahrungsmittelindustrie aktiv miteinbezogen werden.

"Wir müssen unter anderem erreichen, dass der Fett-, Salz- und Zuckergehalt in unserer Nahrung reduziert wird. Dazu bedarf es einer starken Regierung, die sich von der sehr einflussreichen Nahrungsmittelindustrie nicht einschüchtern lässt. Denn deren Vertreter wollen, wenn überhaupt, freiwillige Beschränkungen – und keine verbindlichen gesetzlichen Vorschriften.”

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