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Religionen | Beitrag vom 05.07.2020

WuppertalEin religiöses Biotop

Von Michael Hollenbach

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Historische Zeichnung der Stadtkulisse von Wuppertal. (Imago / Arkivi)
Wuppertal und seine Kirchen, auf einer Zeichnung von 1935: Seit dem 19. Jahrhundert hat sich hier eine Vielzahl verschiedener Konfessionen angesiedelt. (Imago / Arkivi)

Im Tal der Wupper kamen schon im 18. Jahrhundert Menschen aus verschiedenen Regionen zusammen und brachten ihre Religionen und Konfessionen mit. Oder sie gründeten hier eine neue Gemeinschaft. Noch heute blüht an der Wupper die religiöse Vielfalt.

"Hier drüben sieht man ein Schaufenster, 50er-Jahre-Stil, große Fenster und dahinter steckt tatsächlich eine Kirche", erklärt Ulrich Christenn bei seiner Führung durch Wuppertal. Nicht weit entfernt von der Schwebebahn-Haltestelle an der viel befahrenen Tannenbergstraße trifft sich eine kleine junge Gemeinschaft, die sich Hauskirche nennt, in einem Ladenlokal.

Die Gruppe lässt sich keiner bestimmten Denomination zurechnen. Menschen mit und ohne Migrationshintergrund feiern hier sonntags Gottesdienst.

"Sie sagen wirklich: Wir zeigen unseren Glauben öffentlich in einem ganz säkularen Umfeld, nämlich in einem Schaufenster", erklärt der evangelische Theologe Christenn.

Lebendige Gemeinde mit Aufnahmestopp

Er hat einen "Atlas der christlichen Glaubensgemeinschaften in Wuppertal" geschrieben und bietet regelmäßig Stadtspaziergänge auf religiösen Spuren an. Nicht weit entfernt von der Schaufensterkirche stoßen wir auf zwei apostolische Gemeinden. Gegründet wurden ihre Mutterkirchen Mitte des 19. Jahrhunderts in England. Aber sie waren in Deutschland als allererstes in Wuppertal.

Nachdem vor rund 60 Jahren auch die letzten Nachfolger der Kirchengründer gestorben waren, hat die eine Gemeinde nun keine geistlichen Leiter mehr und nimmt auch keine neuen Mitglieder auf, weiß Christenn.

"Das Spannende ist: Man stellt sich jetzt vielleicht eher eine alte verschrobene Gemeinschaft vor. Nein, das ist eine sehr lebendige junge Gemeinde mit vielen Kindern und Familien. Aber in einem sehr kuriosen Stil. Sie lesen Predigten aus dem 19. Jahrhundert vor. Sie haben einen Kirchraum, der sieht aus, als wäre er 100 Jahre stehen geblieben. Sie sagen selber über sich: Wir sind in der Wüstenzeit, wir warten ab, bis der Herr wiederkommt."

Gleich daneben ist die "Alt-apostolische Kirche Deutschland", von der Christenn sagt: "Die hießen früher mal ganz kurios: Apostelamt Juda, Gemeinde des göttlichen Sozialismus."

Die Zeugen Jehovas gründeten hier ihr erstes deutsches Zentrum

Einen Straßenzug weiter befindet sich der ehemalige Königreichsaal der Zeugen Jehovas – mittlerweile verkauft an Gewerbetreibende. Entstanden ist die Gemeinschaft der frommen Bibelforscher vor mehr als 150 Jahren in den USA, dann gingen sie nach London. "Was war nach London die zweite Station? Elberfeld. Hier in Elberfeld war die erste Hauptzentrale der Zeugen Jehovas in Deutschland."

In diesem Stadtteil von Wuppertal treffen sich bis heute noch die "ernsten Bibelforscher", quasi die Urahnen der Zeugen Jehovas. Von dieser Gruppe habe sich aber kürzlich noch mal die Laien-Heim-Missionsbewegung abgespalten, erläutert Christenn. Seine Schilderungen vermitteln einem das Gefühl, man befinde sich mitten in einem Roman von Maarten ’t Hart, der so wunderbar die religiösen Kleinkriege unter holländischen Reformierten beschreibt.

Calvinisten waren untereinander zerstritten

Auch in Wuppertal waren die Calvinisten wesentlich stärker als die Lutheraner:

"Die Elberfelder Gemeinde war jahrhundertelang die größte reformierte Gemeinde in Europa", erklärt Ulrich Christenn. "Aber es gab daneben auch immer Lutheraner und katholische Gemeinden."

Ulrich Christenn steht vor niedrigen Rosensträuchern, zwischen welchen schlichte Grabplatten hervorlugen. (Michael Hollenbach)Stadtspaziergänge auf religiösen Spuren: der evangelische Theologe Ulrich Christenn auf dem Friedhof der niederländisch-reformierten Gemeinde (Michael Hollenbach)

Doch auch die Calvinisten waren sich untereinander nicht immer grün. Zum Beispiel anno 1741 als der Ort Ronsdorf entstand. Geplant war er als der Neue Zion, sagt Ulrich Christenn:

"Weil es einen frommen Mann gab, der Ideen entwickelt hat, ein Himmlisches Jerusalem zu gründen. In der Gemeinde Elberfeld kam es durch verschiedene Visionen und Diskussionen in der Gemeinde zum Konflikt; er ist dann mit seinen Anhängern aus der Gemeinde ausgezogen, auf den Berg hochgezogen und hat dort eine neue Gemeinschaft gegründet."

Hier predigte Elias Eller mit seiner zweiten Frau, der Prophetin Anna Catharina von Büchel, einen radikalen Pietismus. Bis heute hat sich diese reformierte Gemeinde gehalten, wenn auch nicht so radikal und visionär wie damals.

Lutheraner am Müllplatz, Katholiken außerhalb

In Elberfeld wie in Barmen, immer schon die beiden bedeutendsten Orte im Tal der Wupper, waren die Lutheraner zunächst nur geduldet, weiß Christenn: 

"Die Lutheraner durften zum Beispiel ihre erste Kirche am Platz am Kolk bauen; Kolk ist der Müllplatz, der Kohleplatz, der Verbrennungsplatz. Das sagt schon ein bisschen was aus. Die erste richtige katholische Kirche, die gebaut wurde, das ist die große Laurentiuskirche, die wurde außerhalb der Stadt gebaut, weil man in der Stadt keinen Platz hatte oder die Katholiken da nicht hinlassen wollte."

Friedrich Engels spottete über die Reformierten

Ein scharfer und bissiger Beobachter der religiösen Fehden war Friedrich Engels. Ulrich Christenn zitiert, wie der in Barmen geborene und in einer pietistischen Familie aufgewachsene kommunistische Revolutionär die Reformierte Gemeinde in Elberfeld beschreibt:

"Da werden komplette Ketzergerichte in der Versammlung gehalten: ‚Der oder der schien doch auch vor dem Herrn zu wandeln, aber vorgestern ist er tatsächlich im Konzert gesehen worden.‘ Und sie schlagen die Hände über den Kopf zusammen vor Schreck über diese gräusliche Sünde. Kommt nun gar einer, der die Prädestination nicht glaubt, so heißt es gleich: der ist beinahe so schlimm wie ein Lutheraner. Ein Lutheraner ist nicht viel besser als ein Katholik, und ein Katholik, ein Götzenanbeter, ist von Natur aus verdammt."

Konservative Gemeinden mit Geschlechtertrennung

Neben den vielen evangelischen Gemeinden gibt es in Wuppertal auch gleich zwei Bibelmuseen. Eines wird von Brüdergemeinden getragen, die auch 1855 die Elberfelder Bibelübersetzung herausgebracht haben. Noch heute findet man hier rund ein Dutzend dieser frommen Brüdergemeinden.  

"Bei vielen Brüdergemeinden wird – biblisch begründet – bei den Frauen zum Beispiel auf eine besondere Haartracht Wert gelegt, dass sie sich nicht die Haare schneiden: in der Regel lange Haare, die sie oft zu einem Dutt hochbinden. Gottesdienste werden in der Regel bei den geschlossenen Brüdern getrennt gefeiert, Frauen sitzen auf der einen Seite, Männer auf der anderen. Dann aber auch wieder, was mich total beindruckt hat: In solchen Gemeinden wird teilweise vierstimmig ohne musikalische Begleitung gesungen, wirklich fantastisch schöne Gesänge."

Frömmigkeit vom Grübeln am Webstuhl?

Bleibt die Frage zu klären, warum ausgerechnet das 1929 aus fünf verschiedenen Städten entstandene Wuppertal so fromm ist. Eine These: Das Wetter. Die Kinder würden hier mit Gesangbuch und Regenschirm auf die Welt kommen, wurde früher geulkt. Das Wetter erzeuge oft eine melancholische Stimmung, meint der gebürtige Wuppertaler Ulrich Christenn:

"Wuppertal, die Textilstadt, hat sehr viele Kleinhandwerker gehabt: Weber, die in Hinterhäusern in ihren Wohnungen zum Teil Webstühle hatten. Wer stundenlang über seinem Webstuhl sitzt, der kommt ins Grübeln, der kommt ins Nachsinnen. Das ist eine Theorie, warum die Leute in die Richtung kommen."

Religion als Mittel gegen das Elend der Industrialisierung

Dann gibt es noch die soziologische These. Wuppertal war im 19. Jahrhundert das "deutsche Manchester", hatte mehr Einwohner als Köln oder Düsseldorf.

"Das heißt, hier kam die Industrialisierung als erstes an, hier entstand Kinderarmut, Verelendung, Alkohol, Spielsucht und sonstige Probleme. Die Menschen haben nach Lösungen gesucht, dann hat man sich halt die Lösungen genommen, die man kannte. Nämlich religiöse Stärke, ethische, moralische Regeln."

Statt Branntwein die Bibel, statt Kartenspiel der Katechismus, statt sozialem Absturz geistlicher Aufstieg – so einer der Erklärungsversuche für das Entstehen des religiösen Biotops an der Wupper. Oder war es doch eher Wandel durch Handel? Die Antwort von Christenn:

"Menschen, die frei handeln, die auf einmal durch halb Europa fahren und neue Gedanken erleben, die lassen sich zu Hause nicht von ihren Pfarrern, von ihren Herrschern einfach sagen, was sie zu glauben haben, sondern der freie Geist, der mit der wirtschaftlichen Potenz kam, der wurde auch auf die Religion übertragen."

Jeder Stadtteil hat mehrere Friedhöfe

Wie dem auch sei, auch an Wuppertal ist die Säkularisierung nicht vorbeigegangen: Einige Gotteshäuser mussten verkauft werden. Doch nicht nur Kirchgebäude prägen diese hügelige Stadt mit ihren früher unabhängigen Stadtteilen, sagt Christenn:

"Fast in jedem Stadtteil gibt es einen reformierten Friedhof, einen lutherischen Friedhof und einen katholischen Friedhof und manchmal auch freikirchliche Friedhöfe."

Den schönsten Friedhof hat die niederländisch-reformierte Gemeinde. Sie entstand Mitte des 19. Jahrhunderts, als reiche Bürger sich gegen die Pläne des preußischen Königs wehrten, aus Calvinisten und Lutheranern eine unierte Kirche zu bilden. Christenn schwärmt:

"Der Friedhof ist eine große Rasenfläche mit ganz vielen Rosen. Pro Grab eine Rose, ein Rosenstock, dazu ein Sandstein-Grabstein, ganz schlicht und einfach mit den Namen durchnummeriert. Die theologische Aussage, die dahinter steckt: Im Tod sind alle Menschen gleich – egal ob Fabrikant oder Arbeiter, Mann oder Frau, reich oder arm. Vor Gott im Tod sind wir letztlich alle gleich."

Es sei denn – so die alte Wuppertaler Lesart – man gehörte zu Lebzeiten der falschen religiösen Gemeinschaft an.

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