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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.05.2016

"Wunschkinder" am Schauspiel BochumJugendliche als Projektionsfläche der Eltern

Von Elske Brault

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Sarah Grunert (Selma), Matthias Redlhammer (Gerd), Katharina Lindner (Bettine) stehen in "Wunschkinder" von Lutz Hübner und Sarah Nemitz am Schauspielhaus Bochum auf der Bühne. (Thomas Aurin)
Sarah Grunert (Selma), Matthias Redlhammer (Gerd), Katharina Lindner (Bettine) in "Wunschkinder" von Lutz Hübner und Sarah Nemitz am Schauspielhaus Bochum (Thomas Aurin)

Nach dem Erfolg von "Frau Müller muss weg", führt Lutz Hübner, einer der meistgespielten deutschsprachigen Autoren, auch in "Wunschkinder" elterliche Nöte vor. Diesmal geht es um den Abnabelungsprozess zweier 19-Jähriger. Die Inszenierung von Anselm Weber in Bochum entwickelt Sog - hat aber auch Defizite.

Eine leere schwarze Bühne, sechs schwarze Plastikschalenstühle im Hintergrund, das ist das abstrakte Setting für das neue Familienstück von Lutz Hübner. Reiches Muttersöhnchen verliebt sich in selbstbewusstes Mädel aus einfachen Verhältnissen, scheint für einen Moment durch diese Beziehung eine eigene Lebensperspektive zu entwickeln, aber letztlich erweist sich die Bindung an die überfürsorglichen Eltern als stärker.

Wie viele Eltern im Publikum kennen das aus eigener Anschauung: Der Nachwuchs hat mit Ach und Krach Abitur gemacht, hängt seitdem zu Hause rum, geht abends aus und kann sich im Übrigen zu nichts aufraffen. Vater Gerd (Matthias Redlhammer) kann entsprechend viele Lacher einheimsen, wenn er seinem 19-jährigen Sohn Marc vorwirft, er könne ihn am ehesten treffen, indem er nachmittags um halb vier vorm Kühlschrank in Wartestellung gehe. Mutter Bettine fesselt unbewusst ihr einziges Kind ans Elternhaus und die Bequemlichkeiten der Rundumversorgung, weil sie keine andere Lebensaufgabe hat. Weder Mutter noch Vater hören Marc ernsthaft zu oder vertrauen seinen eigenen Kräften, er ist Projektionsfläche für ihre Selbstverwirklichungsansprüche. Kein Wunder, dass Marc sich eher seiner Tante Katrin öffnet.

Doch auch Katrin wird zur Verräterin, als Marcs neue Freundin Selma schwanger wird. Noch bevor beide sich miteinander verständigen können, überschütten Selmas Mutter und Marcs Eltern die beiden 19-Jährigen mit Unterstützungsangeboten für oder gegen eine Abtreibung, bis das Ungeborene als Spielball dieses Gefühlstennis von selbst abgeht. Und so driftet jeder wieder in seine eigene Welt, Marc in ein komplett abgesichertes Studium mit späterer Erfolgsperspektive, Selma in ihre Mühle aus Abendschule, schlecht bezahlten Jobs und Fürsorge für die depressive Mutter.

"Wunschkinder" schreit nach einer Verfilmung

Regisseur Anselm Weber hat dieses "Well-Made Play" mit Lutz Hübner gemeinsam entwickelt: das arg reduzierte Bühnenbild, das Spiel weitgehend ohne Kostümwechel. Requisiten oder stumme Szenen waren also von Anfang an nicht geplant, und das ist womöglich auch der Nachteil. So sehr die Dialoge nämlich einen Sog entwickeln und der Druck auf die Heranwachsenden immer stärker spürbar wird - man könnte sich an diesem Skelett einer Inszenierung noch mehr Fleisch vorstellen: Die Verdeutlichung der sozialen Unterschiede, des jeweiligen Habitus in kleinen stummen Tischszenen oder der Art, wie eine Figur die Wohnung der jeweiligen Schwiegereltern als fremde, seltsame Welt betritt. Sarah Grunert spielt Selma herausragend als Emo-Schleuder, die ihre Unsicherheiten mit körperlicher Hyperaktivität übertüncht, doch man könnte sich diese Rolle auch schüchterner und leiser vorstellen.

"Wunschkinder" schreit nach der Verfilmung, wie das bereits mit "Frau Müller muss weg" gut gelungen ist. Die würde all die Bilder liefern, die in Anselm Webers Textpräsentation fehlen. Aber dann würde womöglich nicht mehr die ganze Familie, würden nicht mehr Töchter mit ihren Vätern zu der Veranstaltung gehen. Das war hier der Fall, und auf der Premierenfeier wurde entsprechend kontrovers diskutiert. Das ist sicher mehr wert als jedes Kritikerlob.

Mehr zur Inszenierung von "Wunschkinder" am Schauspielhaus Bochum

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