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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 02.05.2009

Wunschkind aus dem Reagenzglas

Warum gibt es immer mehr künstliche Befruchtungen?

Zu Gast: Heribert Kentenich und Martin Spiewak

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Ein neugeborenes Mädchen im Auguste-Victoria-Klinikum in Berlin (AP)
Ein neugeborenes Mädchen im Auguste-Victoria-Klinikum in Berlin (AP)

Kinder zu bekommen, gilt als das Natürlichste und Einfachste der Welt. Für 1,4 Millionen Paare in Deutschland ist es ein Problem - sie sind ungewollt kinderlos. Viele von ihnen suchen Hilfe in den mehr als 120 Kinderwunschzentren, die es mittlerweile in Deutschland gibt, um mithilfe der Fortpflanzungsmedizin doch noch Eltern zu werden.

Ihre Zahl steigt ständig: Allein 2007 wurden in Deutschland 60.000 künstliche Befruchtungen vorgenommen, alle 80 Minuten kommt in Deutschland ein Baby zur Welt, das mit Hilfe der Fortpflanzungsmedizin gezeugt wurde.

Einer der bekanntesten Reproduktionsmediziner ist Prof. Dr. Heribert Kentenich, der Gynäkologe und Psychotherapeut leitet das Fertility Center an den DRK Kliniken Westend in Berlin. Einen der Gründe für die wachsende Zahl der ungewollt kinderlosen Frauen sieht er darin, dass sich die Paare zu spät für ein Kind entscheiden:

"Die beste Zeit, ein Kind zu bekommen, liegt bei Frauen zwischen 20 und 30 Jahren, ab 30 geht die natürliche Fruchtbarkeit bereits merklich nach unten und sie sinkt dann noch einmal deutlich zwischen 38 und 40 Jahren. Das durchschnittliche Alter aber, in dem Frauen hierzulande Kinder kriegen ist 30 Jahre und das ist zugleich das Alter, wo die Kurve runtergeht. Da stimmt was nicht."

Die meisten seiner Patientinnen sind zwischen 34 und 36 Jahre alt. "Ein noch größeres Problem sind inzwischen die Frauen über 40. Die haben im Job einiges erreicht und einen festen Partner, aber die fruchtbare Phase geht zu Ende, und die Chance zu einem Kind zu kommen liegt noch ungefähr bei fünf Prozent pro Versuch."

Der Zeitfaktor sei auch entscheidend, ob die Fortpflanzungsmedizin den Paaren helfen könne oder nicht. "Sie erwarten das Unmögliche von uns und sind furchtbar enttäuscht, wenn es unmöglich bleibt." Eine Frau habe bei drei Befruchtungsversuchen eine Wahrscheinlichkeit von sechzig bis siebzig Prozent, dass sie schwanger wird. "Das ist eine ganze Menge, aber das ist keine Garantie. Dabei kriegen wir nur 50 Prozent erfolgreich durch die Kinderwunschbehandlung. Wir müssen also immer parallel dazu diskutieren, dass eine Frau nicht schwanger wird, und das Leben weiter gehen muss."

Er erlebe jeden Tag Paare, die denken, es sei alles nur eine Frage des Willens und der Beharrlichkeit. "Dabei geht es hier um einen der komplexesten Vorgänge der Natur, etwas, worauf der Mensch nur begrenzt Einfluss hat."

Martin Spiewak weiß aus eigenem Erleben, welchen Druck es für Paare bedeutet, ein Kind über künstliche Befruchtung zu bekommen.

"20 Jahre lang hat man darauf geachtet, dass man nicht vorzeitig ein Kind bekommt und nun klappt es nicht. Dieser Schmerz, etwas nicht zu können, was angeblich so normal ist – das Natürlichste der Welt – ist eine große Belastung. Und wenn man sich dann auf eine Behandlung einlässt, ist der Erfolgsdruck enorm. Selbst, wenn man sich einredet, ´wir versuchen es und wenn es nicht klappt, ist es auch nicht schlimm`- wenn die Praxis anruft, ist der Druck enorm. Und es ist noch schwieriger, wenn es nicht geklappt hat. Der Abschied vom Kinderwunsch begleitet einen über Jahre."

Er und seine Frau hatten Glück – dank der Fortpflanzungsmedizin sind sie heute Eltern eines sechsjährigen Sohnes. Der Wissenschaftsredakteur der Wochenzeitschrift "Die Zeit" hat seine Erfahrungen und die vieler anderer Paare in einem eindrucksvollen Buch niedergeschrieben, der Titel: "Wie weit gehen wir für ein Kind? Im Labyrinth der Fortpflanzungsmedizin" (Eichborn-Verlag). Darin gibt er auch einen informativen Einblick in die medizinischen Möglichkeiten und die gesetzlichen Hürden, die mit dem Thema verbunden sind.

Und er zeigt, welche Auswüchse dieser Boombereich der Medizin mittlerweile angenommen hat. Da in Deutschland zum Beispiel die Eizellspende verboten ist, gingen viele deutsche Frauen ins Ausland: "Ausländische private Kliniken werben bewusst deutsche Patientinnen, sie haben deutschsprachiges Personal, in Spanien zum Beispiel und anderen europäischen Ländern. Man schickt seine Akte hin, verbindet es mit einem Urlaub, dass es niemand zu Hause merkt. Das ist seit mindestens 10 Jahren eingespielt."

Wunschkind aus dem Reagenzglas – Warum gibt es immer mehr künstliche Befruchtungen? Darüber diskutiert Gisela Steinhauer heute von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr mit dem Fortpflanzungsmediziner Heribert Kentenich und dem Wissenschaftsjournalist Martin Spiewak. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der kostenlosen Telefonnummer 00800/22542254 oder per E-Mail unter gespraech@dradio.de.

Informationen im Internet unter:
www.fertilitycenter-berlin.de
www.ungewolltekinderlosigkeit.de

Literaturhinweis:
Martin Spiewak: "Wie weit gehen wir für ein Kind? Im Labyrinth der Fortpflanzungsmedizin", Eichborn-Verlag

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