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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 31.10.2010

Wuchtiges Epos voller Schönheit und Grausamkeiten

John Vaillant: "Der Tiger - Auf der Spur eines Menschenjägers", Blessing Verlag, München 2010, 432 Seiten

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John Vaillant erzählt auch von den Menschen, die in der Taiga leben. (AP)
John Vaillant erzählt auch von den Menschen, die in der Taiga leben. (AP)

John Vaillant entführt uns in die verschneiten Wälder der russischen Region Primorje. Er begibt sich auf die Spuren von Juri Trusch, der die "Inspektion Tiger" leitet. Sie soll das Überleben der letzten Amur-Tiger sichern.

Schweigend und kalt liegt die Taiga vor dem Mann, der sich seinen Weg durch den hüfthohen Schnee bahnt. Die Luft ist frisch und so klar, dass jedes Schneekristall wie einzeln ausgeschnitten in der fahlen Sonne glitzert. Nichts regt sich bei diesen Minustemperaturen. Obwohl der Mann leise zu gehen versucht, kracht jede seiner Bewegungen wie ein Kanonenschuss durch die Einsamkeit. Der Mann umklammert sein Gewehr, hält inne. Er spürt etwas im Nacken, dreht sich rasch um. Wer beobachtet ihn?

"Der Tiger" lautet der schlichte Titel dieses erzählenden Sachbuchs, dahinter tut sich ein wuchtiges Epos voller Schönheit und Grausamkeiten auf. Der kanadische Journalist John Vaillant entführt uns in die verschneiten Wälder der Region Primorje am Japanischen Meer. Kein Ort in Russland liegt weiter östlich und südlich, wie ein Pfeil bohrt sich die gebirgige Landschaft tief in chinesisches Gebiet. Vor allem Russen leben hier und ein trauriger Rest der indigenen Urbevölkerung. Der Mann, auf dessen Spuren sich der Autor begibt, heißt Juri Trusch. Er leitet die "Inspektion Tiger", die das Überleben der letzten Amur-Tiger sichern soll, der größten Raubkatzen der Erde.

Ende der neunziger Jahre durchbrach eines der seltenen Tiere das Stillhalteabkommen zwischen Mensch und Riesenkatze und wurde zum Menschenfresser. John Vaillants Beschreibungen der blutigen Taten lassen an Thriller-Qualitäten nichts zu wünschen übrig. Er weiß den Sibirischen Tiger als wahrlich furchterregendes Muskelpaket zu schildern: Drei Meter lang, mit einem Kopf breiter als die Schultern eines starken Mannes und Pfoten, die Spuren von Topfdeckel-Größe in die Schneemassen drücken. Jeder Tiger, der es geschafft hat, erwachsen zu werden, überstand zahllose Kämpfe gegen Bären, Artgenossen und die Eiseskälte. Heute leben noch rund 400 von ehemals Tausenden Tigern in dieser Region.

John Vaillants Schreibstil erinnert an die Raubkatze, die er schildert, präzise und kraftvoll, konzentriert und sanft. Er spinnt Erzählfäden in tausend Richtungen und findet doch immer wieder zurück in die Wälder. Die Mörderkatze ist die Klammer, die diesen Sachbuchthriller zusammenhält. Auch von weit düsteren Zuständen möchte der Autor erzählen, denn für die Menschen in Primorje bedeutete die Perestroika mitten in den 1990er Jahren das Ende der Zivilisation.

Unerträglich ist das Elend, von dem der Autor erzählt: Der Bergbau wurde eingestellt, die staatlichen Holzunternehmen machten pleite, die Bevölkerung wurde aufgegeben, einfach vergessen. Wer nicht in eine der großen Städte fliehen konnte, harrt aus. Verfolgt vom langen Arm einer Bürokratie, die nur fürs Bestrafen noch funktioniert, sind die Menschen in ihren verfallenden Ortschaften zu hungernden Wilderern geworden. Und hier schließt sich der Kreis zum Schicksal der Tiger.

Naturschutz, Politik, Thriller, Biografien und vieles mehr hat John Vaillant in sein Buch gepackt. Ein Teil des Erlöses spendet er russischen Naturschutzprojekten - dem Amur-Tiger und den Menschen von Primorje zuliebe, die beide um ihr Überleben kämpfen.

Besprochen von Susanne Billig

John Vaillant: Der Tiger - Auf der Spur eines Menschenjägers
Aus dem Englischen von Dagmar Mallett
Blessing Verlag, München 2010
432 Seiten, 19,95 Euro

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