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Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.11.2009

Worte der Wende: Gaucken

Von Thomas Brussig

Joachim Gauck, Ex-Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen (AP)
Joachim Gauck, Ex-Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen (AP)

Es handelt sich um ein Verb, wie gucken, nur mit einem A vor dem U. Und es ist eine echte Neuschöpfung, ein sogenannter Neologismus.

Die Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik wurde der Einfachheit halber nach ihrem ersten Leiter, dem Pfarrer Joachim Gauck, Gauck-Behörde genannt.

Sie sollte unter anderem Anfragen von Arbeitgebern beantworten, ob ihre Mitarbeiter für den Staatssicherheitsdienst gearbeitet haben. Wer bei denen mitgemacht hatte, durfte zum Beispiel nicht im öffentlichen Dienst arbeiten. Stellte sich nun heraus, daß jemand für die Stasi gearbeitet hatte, dann galt er als "gegauckt". Kam also ein Mitarbeiter aus dem Urlaub wieder und sah sich einem neuen Chef gegenüber hieß es: "Der Steinmann wurde gegauckt." Das war ein scharfes Urteil, das Wort rauschte runter wie ein Fallbeil. Etwa wie in den 80ern die Diagnose "HIV positiv". Wenn jemand gegauckt war, dann erübrigte sich jede Diskussion. Der konnte gehen.

Nach Joachim Gauck bekam die Behörde eine neue Chefin, Marianne Birthler – und seitdem ist das Wort gaucken aus dem Sprachgebrauch verschwunden und wurde auch nicht durch birthlern ersetzt.

Obwohl die Birthler-Behörde dasselbe macht wie die Gauck-Behörde, und jahrzehntealte Fälle einer Stasimitarbeit offen legt, wird heute niemand mehr gegauckt. Und dass man deshalb gehen muss – auch das ist vorbei. Na, was soll's – an AIDS stirbt hierzulande auch kaum noch jemand.

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