Workaholic mit Spraydose

Von Andre Zantow |
Seinen richtigen Namen kennt nur das Einwohnermeldeamt. Aber unter seinem Künstlernamen Deko156 ist der Graffitikünstler aus Berlin zu einiger Berühmtheit gelangt. Seine Graffitis hängen inzwischen in einigen Galerien Europas, jetzt bekommt er eine eigene Fernsehshow.
"Wichtig ist halt schön schütteln."

Routiniert hält Deko die Sprühdose in der rechten Hand. Wie mit einem Pinsel zieht er eine Linie nach der anderen. Seine Leinwand ist eine Betonmauer in einem Berliner Hinterhof. Hier übt Deko156, wie sein vollständiger Künstlername lautet. Das Anhängsel 156 ist dabei von großer Bedeutung. Es drückt seine Zugehörigkeit aus - zu einer berühmten amerikanischen Graffitigruppe.

"Irgendwann bin ich halt in diese New-Yorker Gruppe reingekommen, aus der 156. Straße. Die grenzt so zwischen Bronx und Spanish-Harlem. Und seit dem hab ich dieses 156 an Deko rangehangen. Und das ist so wie ein Stempel, wie ein Meisterstempel, wenn man den bekommt."

Heute sieht der 1,54 Meter große Mann nicht meisterlich aus. Er trägt eine graue Jogginghose, einen dunklen, fleckigen Pulli, nur das Base-Cap ist sorgfältig etwas schräg auf dem Kopf platziert. Trotz seiner 37 Jahre gehört dieses HipHop-Accessoire immer noch dazu. Genauso wie eine Goldkette, die er - wenn auch nicht sichtbar - trägt. HipHop, das ist seine Kultur.

"Das fing schon so in der 4. Klasse an. Also 3., 4. Klasse, da hab ich schon angefangen zu breaken, also Breakdance zu tanzen. Und irgendwie hat sich das so bei mir eingeprägt, dass ich so irgendwie Duran Duran oder A-ha nicht so richtig wahrgenommen habe. Ich hab davon mal was von 'ner Schulkameradin zum Geburtstag bekommen, aber das mich nicht so wirklich interessiert. Dann hab ich von einem anderen Schulkameraden Rock Steady Crew bekommen. Dieses 'Hey you - Rock Steady Crew' - das war damals der absolute Hit. Und das hat mich richtig geflasht."

1987 mit 15 Jahren fängt Deko an zu sprühen. Wie seine amerikanischen Vorbilder gründet auch er mit ein paar Freunden eine Graffitigang.

Sie nennen sich "Giants" - die Giganten und entwickeln sich schnell zu einem Magneten für Westberliner Jugendliche.

"Die hat sich zu einer der größten Gangs entwickelt, die Berlin überhaupt je gesehen hat. Also da waren, so glaub ich, zwei- bis dreitausend Straßenkids, die wirklich nur Stress gemacht haben, was eigentlich gar nicht unser Plan war, weil wir wollten eigentlich nur malen."

Die Gang entwickelt sich zum Albtraum. Der kleine Gigant verliert bald die Übersicht. Die Gruppe gerät außer Kontrolle. Genau wie Dekos Leben zu der Zeit.

Mit 18 bricht er erst die Schule ab, dann seine Kaufmannslehre. Auch will er Theatermaler am Berliner Schiller-Theater werden, aber das macht Pleite.

"Da hatte ich auch so einen kleinen Frust, weil ich dachte, wird das überhaupt was mit dem Malen? Es ist halt schwierig, wenn man nicht studiert oder kein reiches Elternhaus hat, die das finanzieren."

Dekos Eltern sind serbische Einwanderer. Sie kamen 1972 nach Westberlin, weil Verwandte hier schon Arbeit gefunden hatten. Damals war Deko - seinen richtigen Namen kennt nur das Einwohnermeldeamt - gerade drei Monate alt. Ein Kunststudium war für ihn nie drin. Heute bereut Deko das nicht. So konnte er über die Jahre seinen eigenen Stil auf der Straße entwickeln, und kam so auch in Kontakt mit den Pionieren der Graffitiszene in den USA.

1996 hat der sympathische Mann, der nicht lange rumsitzen kann, seine erste internationale Ausstellung.

"Hier war es ja immer Schmierer und alles. Und in Straßburg ist mir erst wirklich bewusst geworden, wo die gesagt haben Artist. Und da ist mir auch bewusst geworden, dass es kein zurück mehr gibt. Ich wäre schön blöd geworden, wenn ich damals aufgehört hätte, zu malen."

Heute ist Deko156 ein gefragter Maler. Seine Graffitis hängen in vielen europäischen Galerien. Er war zwei Jahre lang auf Europa-Tournee, um Turnschuhe mit Bildern zu besprühen und er hat in einer weltweit ausgestrahlten Fernsehserie mitgewirkt, die Autos tuned.

"Alles, was ich cool fand und wo ich immer gesagt hab, oh, das würde ich auch gern mal machen, ist alles eingetroffen. Und damals hab ich halt MTV geguckt und hab halt gedacht: Wow, das ist cool, aber die Fassade sieht echt mies aus, eigentlich müssten wir das machen. Und vier oder fünf Jahre später tauchen die dann auf einmal vor einem auf und sagen so, wow, wir möchten, dass du das machst. Und wenn man dann auch noch im eigenen Fernseher gesehen wird und die eigenen Kinder sagen 'Wow, da ist Papa', dann ist das schon cool."

Der 37-Jährige hat drei Kinder und ist seit acht Jahren verheiratet. Ohne seine Frau würde er das alles nicht schaffen, sagt er ehrlich. Das nächste große Projekt des Workaholics ist eine eigene Fernsehserie. Fast könnte man denken, Deko hat Angst, eine Pause einzulegen, weil er sonst aus seinem Traum aufwachen könnte.
"Ich hab ja seit vier Jahren keinen Urlaub mehr gehabt. Ich sag immer: Wenn die Leute noch was von einem wollen, dann sollte man es angehen. Denn irgendwann wollen sie nichts mehr von einem und dann ist es vorbei."