Seit 18:30 Uhr Hörspiel

Sonntag, 17.02.2019
 
Seit 18:30 Uhr Hörspiel

Fazit | Beitrag vom 10.11.2018

"Wonkel Anja - Die Show!" in DüsseldorfTschechows Welt in einem Fernseh-Quiz

Von Peter Claus

Beitrag hören Podcast abonnieren
Szene im Theaterstück "Wonkel Anja - Die Show!". (D'Haus / Matthias Horn)
Der russische Schriftsteller Anton Pawlowitsch Tschechow. Am Schauspielhaus Düsseldorf werden seine Figuren in die Szenerie eines TV-Quiz' versetzt. (D'Haus / Matthias Horn)

Das Regieduo Barbara Bürk und Clemens Sienknecht ist bekannt für seine schrägen Ideen, garniert mit noch schrägeren musikalischen Einfällen. Jetzt präsentiert es am Düsseldorfer Schauspielhaus in Anlehnung an Anton Tschechow: "Wonkel Anja - Die Show!".

Schräge Ideen, garniert mit noch schrägeren musikalischen Einfällen, sind das Markenzeichen des Regie-Duos Barbara Bürk und Clemens Sienknecht. Mit "Effie Briest" und "Anna Karenina" am Hamburger Schauspielhaus und mit "Madame Bovary" in Hannover haben sie ihre "Serie zu Seitensprüngen der Weltliteratur mit anderem Text und auch anderer Melodie" überaus erfolgreich etabliert. Eigentlich sollte diese Serie zu Ende sein – doch am Samstag haben die beiden eine weitere Uraufführung im Düsseldorfer Schauspielhaus vorgestellt, unter dem herrlichen Titel: "Wonkel Anja - Die Show! – nach Anton Tchechow".

Der Abend führt das Publikum in die Rolle der Zuschauergemeinde bei der Aufzeichnung eines Fernsehquiz' namens "Wonkel Anja". Und das hat erstaunlich viel mit Anton Tschechows berühmtem Stück "Onkel Wanja" zu tun. Denn die Welt der TV-Quiz-Show und die Welt Tschechows haben vieles gemeinsam. Vor allem dies: Im Zentrum stehen Menschen, die mehr wollen, als sie können, die oft sinnlos aktiv sind, ohne wirklich Wichtiges für sich oder andere zu erreichen.

Emotionsreicher als traditionelle Inszenierungen

Die Bühne zeigt die Dekoration einer Fernseh-Show à la "Wetten, dass... ?" oder "Einer wird gewinnen". Und hier wird Tschechows Geschichte überraschend dicht erzählt. Denn die fünf Kandidatinnen und Kandidaten müssen sie auf oft sinnlose Stichworte hin nachspielen, zumindest entscheidende Teile davon. Tschechows Geschichte ist dabei vom Regie-Duo klug gebündelt und gekürzt worden - und kommt so stark, so emotionsreich, so gehaltvoll rüber, wie es das in traditionellen Inszenierungen oft nicht gelingt. Zwischendurch gilt es auch mal, Werbung zu machen, etwa für "Nudeln Stroganoff", oder zu singen, Schlager, Pop-Balladen, Chansons. Die - das ist oft verblüffend - werden zu Kommentaren des Bühnengeschehens. Das hat weniger mit dem Theater eines Marthaler zu tun, als mit dem von Erik Gedeon, dessen Songdrama "Ewig jung" ja seit Jahren landauf, landauf ein Dauerbrenner an vielen Theatern ist.

Und, ganz sicher: "Wonkel Anja" wird das in Düsseldorf auch werden - denn das ist hochintelligente Unterhaltung voller Gehalt. Die Erzählung setzt auf Eindeutigkeit, weniger auf Geheimnisse, dies aber so, dass die Zuschauer nicht bevormundet werden, sondern sich selbst einbringen können, und das auch sollen. Oft ist das verhalten, einmal ganz vordergründig: Da spielt das Publikum nämlich das Rauschen im Walde. Großartig! Bei diesem Rauschen im Walde hat man nämlich auch den Sturm der Gegenwart gehört. Denn darum geht es ja auch an diesem Abend: um Anderssein, Ausgrenzung, Abgeschobenwerden aus der so genannten Mitte der Gesellschaft.

Unterhaltung und Hintersinnigkeit

Die Schauspielerinnen und Schauspieler brauchen ihr ganzes Können und setzen das ein. Die meisten haben ja sozusagen Doppelrollen, sie singen, tanzen, spielen, ziehen einerseits die Show-Welt durch den Kakao, ohne sie zu denunzieren, lassen andererseits die Komik Tschechows erblühen, die ja immer von Tragik bestimmt ist. Die Akteure entblößen Tschechows wunde Seelen und zielen damit auf eine wunde Gesellschaft, in der es dem Individuum oft unsagbar schwer gemacht wird, sich zu entfalten. Das gelingt ihnen mit einem Spiel, das anmutet, als ginge es tatsächlich um ihr Leben, so intensiv ist es, aber nicht vordergründig. Die gestischen und mimischen und die sprachlichen Mittel sind vom Feinsten, wie der ganze Abend, Inszenierung, Spiel, Ausstattung, Musik.

Geboten wird viel mehr als pure Unterhaltung, so sind denn Kalauer auch die Ausnahme. Hintersinnigkeit ist angesagt. Das Tragische wird nie von der Komik niedergetrampelt. Wenn da etwa Alexandras Song "Der Traum vom Fliegen" gesungen wird oder Joe Cockers "You Are So Beautiful", wird Tschechows Geist lebendig, ist sein Aufruf zu vernehmen zu Mitmenschlichkeit als wesentlichem Element der bürgerlichen Gesellschaft, ein Element, das heutigentags äußerst gefährdet ist.

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsGiftigkeit kennt keine Grenzen
Bildnummer: 53251652 Datum: 25.07.2009 Copyright: imago/imagebroker Gummi- und Kunststoffprodukte enthalten gesundheitsschädliche und geruchsaktive Substanzen (imago)

Giftigkeit - neudeutsch auch Toxizität genannt - in allen Facetten bestimmt den Wochenrückblick auf die Kulturseiten der Zeitungen. Die "Zeit" schreibt gar vom Gefühl der Selbstgiftigkeit. Die Berlinale war auch Thema.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 11Von Vielfalt und Verstärkung
Ein Darsteller des Musicals "Miss Saigon" mit einem angeklebten kleinen Stirnmikrofon steht am 25.01.2019 in Köln bei einem Fototermin auf der Bühne. (imago / Horst Galuschka)

Wer spricht wie auf deutschen Bühnen? Es gibt zwar immer mehr Schauspieler*innen mit angeklebten Mikrofonen, aber noch zu wenige aus benachteiligten Gruppen. Um Diversity und Mikroports geht es in Folge #11 des Theaterpodcasts.Mehr

Folge 10Wachgerüttelt, durchgeschüttelt
Eine Frau hat sich einen #MeToo-Schriftzug auf den Unterarm geschrieben. (imago stock&people)

Was bleibt im Rückblick auf die Debatten dieses Theaterjahres? #MeToo, ganz klar. Über Gleichstellung sprechen Susanne Burkhardt und Elena Philipp mit France-Elena Damian vom Verein Pro Quote Bühne und diskutieren darüber, ob Theatermacher mit rechten Ideologen reden sollten.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur