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Tonart | Beitrag vom 24.05.2019

Wonach klingt Europa?Mehr Regionalexpress als Trans Europa Express

Von Christoph Möller

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Mann mit Kopfhörern und Handy vor Zug (Uwe Umstätter / imago)
Europa kommt immer wieder in der Popmusik vor - und nicht immer gut weg (Uwe Umstätter / imago)

Auf der Suche nach einer passenden Pophymne für einen Kontinent in der Identitätskrise: Wie vertonen deutschsprachige Popmusiker ihre Idee von Europa?

"Nananananananananana / Europa", singt Falco in "Europa", einer kitschigen Pop-Hymne über den EU-Beitritt Österreichs. Wenn "die Dame Europa" endlich ins Alpenland kommt, wird das "Reaktionäre deklassiert als sekundär", glaubt Falco.

Doch so richtig überzeugt von Europa klingt Falco nicht. Eine neue Europa-Hymne, die bräuchte mehr Mut!

Was Ende der 90er-Jahre noch ein Wunsch war, ist heute Realität: "Die Dame Europa" ist da. Und wie! Gesetze aus Brüssel prägen unser Leben, es ist friedlich, alle können wohnen und arbeiten, wo sie wollen.

Aber ist das Reaktionäre wirklich verdrängt worden? 20 Jahre nach Falco, 2019, erinnert eine andere österreichische Band an die Vorteile von Europa: Bilderbuch. Ihr Stück "Europa 22" ist eine Hymne auf freie Grenzen.

EU-Pass von Bilderbuch

Sogar einen eigenen EU-Pass konnte man sich auf einer Internetseite von Bilderbuch anfertigen lassen. Mit Passfoto und Hanfblatt drauf.

"Ein Leben ohne Grenzen", das ist natürlich leicht gesagt. Zwar hört man bei Bilderbuch deutlich mehr Emphase für Europa als bei Falco, doch für ein echtes Europa-Lied fehlt es an konstruktiver Kritik am Gegenstand.

Die gibt's vom Brockdorff Klang Labor: "Festung Europa" heißt eins ihrer Stücke, das 2011 den Protestsong-Wettbewerb der Musikzeitschrift "Spex" gewonnen hat. Damals musste man für neue Protestsongs noch Wettbewerbe ausrufen. Heute sind sie überall. "Festung Europa" kritisiert die Abschottung und Hegemonie Europas. Eine ziemlich gute Anti-Europa-Hymne.

Europa, das Projekt der Privilegierten. Darum geht es auch bei der Twitter-Band The Screenshots: "Keiner darf rein, das liebe ich an Dir."

Europa als Technik-Geschichte?

"Keiner darf rein, das liebe ich an Dir". Das ist natürlich Ironie. Denn, meinen The Screenshots, von innen betrachtet ist Europa ja toll. Von außen sieht man aber doch eher eine Gemeinschaft, die sich abschottet. Der Song ist subversiv. Aber die Kritik zu eindimensional. Einfach nur das Wort "Europa" zu wiederholen, das wirkt eher nervig, soll es wohl auch.

Und repräsentiert ein Gitarren-Song Europa wirklich am besten? Europa als Technik-Geschichte? Als Vision einer besseren Zukunft? Müsste es nicht eher elektronische Musik sein?

"Europa Endlos" - kaum ein Musikstück fängt den Geist der europäischen Freiheit, aber auch die steife Bürokratie dahinter so gut ein wie dieses Stück von Kraftwerk aus dem Jahr 1977.

Europa ist hier ein romantisches, aber auch ein technisches Projekt, in dem Tradition und Moderne eins werden. Dazu das Titelstück des Albums: "Trans Europa Express", ein Plädoyer für länderübergreifenden Schienenpersonenverkehr.

Immer noch eine Traumvorstellung. Denn einen Zug, der im Express-Modus über Grenzen hinwegdüst, gibt es bis heute nicht. Im scheinbar grenzenlosen Europa ist immer noch der Regionalexpress das Symbol für Fortbewegung.

Austausch und Annäherung, ja, aber bitte nicht zu schnell, meinen zum Beispiel Die Türen in ihrem Song "Regionalexpress".

"Distanz als Form von Nähe"

Kraftwerks "Europa Endlos" wäre sicherlich ein Anwärter für eine neue Europa-Hymne.

Doch vielleicht ist es gar kein Stück, das sich direkt auf Europa bezieht, das die Idee der Gemeinschaft am besten vertont. Vielleicht ist es das Stück "Im Zwiespalt" von Die Heiterkeit. Mit dem wunderbaren Halbsatz "Distanz als Form von Nähe".

Das Oxymoron fängt doch gut ein, was Europa bedeutet und wie Demokratie funktioniert. So richtig nah dran an den Gesetzgebungsprozessen in Straßburg und Brüssel ist man nicht. Und doch strahlt die EU eine Nähe aus, eine Sicherheit, dass am Ende irgendwie alles gut wird.

Die Europäische Union – "Distanz als Form von Nähe", das wäre doch ein guter Werbeslogan.

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