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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.10.2016

Wolf Biermanns AutobiografieRetter der Menschheit und Hobbytherapeut

Von Tobias Wenzel

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Der Liedermacher und Schriftsteller Wolf Biermann (picture alliance / dpa / Sophia Kembowski)
Der Liedermacher und Schriftsteller Wolf Biermann (picture alliance / dpa / Sophia Kembowski)

Eigentlich wollte der Liedermacher Wolf Biermann gar keine Autobiografie schreiben - aber seine Frau überredete ihn dazu. 1953 in die DDR zu gehen, war das Beste, was er in seinem ganzen Leben gemacht habe, schreibt er darin.

"Wenn wir uns wiedersehen – das wird nach meinem Geburtstag sein – wenn ich Ihnen das Nagelbeißen abgewöhne …"

Wolf Biermann redet und redet. Resigniert halte ich nur noch das Mikrofon hin. Gerade eben hat er mich genötigt, mit ihm in der winzigen Toilette seines Hamburger Hauses zu stehen, um ein Kunstwerk an der Wand über der Kloschüssel zu betrachten: abstrahierte Hände mit abgebissenen Fingernägeln sind darauf zu sehen. Es ist das Ende eines Interviews, in dem es eigentlich nur um die bemerkenswerte Autobiografie des Liedermachers gehen sollte, das aber zu einer Zwangstherapiesitzung beim Hobbypsychologen geworden ist:

"Wer sie liebt, wird sie auch mit abgebissenen Nägeln lieben. Das ist doch gar keine Frage. Wir haben alle unsere Schiefheiten. Nur wir tragen sie nicht so vor uns her."

Irrwitziges Leben als Spiegel deutscher Geschichte

Eine Stunde zuvor in seinem Wohnzimmer – auf einem Flügel liegt ein aufgeklappter Gitarrenkasten – beginnt Wolf Biermann damit, aus seinem irrwitzigen Leben zu erzählen, in dem sich die ganze Dramatik der deutschen Geschichte spiegelt. Als die Nazis seinen Vater, einen kommunistischen Widerstandskämpfer und Juden, in Auschwitz ermorden, ist Wolf gerade mal sechs. Kurz darauf entkommen er und seine Mutter nur knapp den Flammen im bombardierten Hamburg, was Biermann in seinem Buch eindrucksvoll schildert.

"Also wuchs ich auf mit dem Auftrag, die Menschheit zu retten, meinen Vater zu rächen und nebenbei den Kommunismus aufzubauen. Und weil ich meiner Mutter diesen kleinen Gefallen tun wollte, ging ich eben mit sechzehn Jahren 1953 nach Osten und wurde ein DDR-Bürger. Und das war das Beste, was ich in meinem ganzen Leben gemacht habe. Ich musste die Lektion lernen, im Vaterland aller Werktätigen, im Arbeiter- und Bauernparadies wirklich zu leben, und nicht nur als Revolutionstourist mal eben vorbeischnuppern. Und wenn ich das nicht gemacht hätte, wäre ich ja gar nicht der Biermann geworden. Ich wäre hier in Hamburg geblieben und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verblödet."

Stasiakte als Gedächtnisstütze

In Ost-Berlin wird er 1957, ohne Ahnung vom Theater zu haben, von Helene Weigel als Regieassistent am Berliner Ensemble eingestellt. Vier Jahre später entdeckt Hanns Eisler Biermanns Talent als Liedermacher. Aber schon bald verlässt das Glück das "Glückskind", wie Biermann sich selbst nennt. Die DDR erteilt ihm Auftritts- und Veröffentlichungsverbot. 1976 wird er ausgebürgert. Die Stasi observiert ihn, nach lückenloser Überwachung im Osten, nun auch im Westen. Als Gedächtnisstütze beim Schreiben seiner Autobiografie hat ihm neben den Tagebüchern deshalb seine Stasiakte gedient:

"Da besucht mich Allen Ginsberg aus New York, der Dichter der Beat Generation, und mich besucht Joan Baez, die Folklore-Sängerin, die ich so liebe – und alles das steht ja haarklein und genau in meinen Akten. Dass Sie hier heute sitzen und mir das Mikrofon unter die Nase halten und dass Sie ne Brille tragen und an Ihren Nägeln beißen, wie ich deutlich sehe, was mich stört … Aber das nur nebenbei … Also das steht da alles haarklein drin. Und das ist natürlich ein unglaublicher Service. ‚Kostenlos‘ würde ich das nicht nennen. Denn bezahlt haben wir alle mit Ängsten, mit Seelengeld, mit Tränen, mit Wut, mit Verbitterung."

Biermann fürchtet keine Unterlassungsklagen

Ein Freund, der Biermanns Tagebücher für ihn in der DDR erfolgreich versteckte, entpuppt sich als Inoffizieller Mitarbeiter, allerdings als einer, der der Stasi wohl nicht genutzt und Biermann nicht geschadet hat. Seinen ehemaligen Manager, den Linken-Politiker Diether Dehm, der ihn im Westen ausspioniert habe, nennt er in seiner Autobiografie eine "dummkluge Canaille". Unterlassungsklagen fürchtet Biermann aber nicht:

"Wenn es denn unvermeidbar ist, dann gilt der uralte Handwerkersatz ‚Der Kanalarbeiter Paul kann sich Berührungsangst vor Scheiße nicht leisten‘. Jetzt krabbeln Sie an Ihren Nägeln herum. Sie konzentrieren sich auf unser Gespräch. Aber 'Es' beißt hinter Ihrem eigenen Rücken die Nägel. Verstehen Sie? Wenn wir jetzt enge Freunde wären, würde ich Ihnen das abgewöhnen. Aber gut. Äh … Wo waren wir stehen geblieben?"

Ein Interview zur Autobiografie ist nicht mehr möglich. Wolf Biermann kann nur noch über Fingernägel reden. Unter anderem über den Vorteil von langen Nägeln beim Sex.

Draußen auf der Straße – als es überstanden ist – versuche ich die Stimme des Therapeuten aus dem Kopf zu bekommen, indem ich an die beeindruckende Autobiografie denke. An den Stasimitarbeiter, der beim Abhören eines Biermannlieds den Satz "Die Stasi ist mein Eckermann" falsch protokolliert, weil er die Anspielung auf Goethes Sekretär nicht versteht:

Zitat aus dem Buch:

"Ich stelle mir vor, wie der zuständige Stasioffizier den Text in seine Schreibmaschine tippt […] Was, verflucht, könnte das heißen? 'Die Stasi ist mein …'? Eine Lücke will der eifrige Genosse auch nicht stehenlassen, also erinnert er sich an die Standardfrage seines Deutschlehrers: ‚Was wollte der Dichter uns damit sagen?‘ Und plötzlich kommt ihm ein genialer Einfall, und so haut er es dann auch in die Tasten: 'Die Stasi ist mein Henkersmann!' Na also! Es geht doch, Genosse! Henkersmann!"

Wolf Biermann: Warte nicht auf bessre Zeiten. Die Autobiographie
Ullstein, Berlin 2016 (Erscheinungsdatum 14.10.2016)
ca. 500 Seiten, 28,00 Euro

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