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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 03.09.2018

Wohnungsnot in MünchenBiete Pflege gegen Wohnung

Von Tobias Krone

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Querschnitt durch ein Haus. Zwei Zimmer, Küche, Bad. (imago / Ikon Images)
Eine Wohnung für eine vierköpfige Familie? Fast aussichtslos. (imago / Ikon Images)

Isabell Wäß sucht für sich und ihre vierköpfige Familie eine neue Wohnung - und zwar in München. Doch weil bei ihrem Gehalt die Suche nahezu aussichtslos ist, hat die Krankenpflegerin die Idee zu einer besonderen Offerte.

Freitagabend. Kuschelstunde für den kleinen Ilia, der an der Hand seiner Mutter Isabell Wäß auf dem Wohnzimmerteppich herumtobt. Mit 69 Quadratmetern haben sie eigentlich eine schöne Wohnung, finden sie und ihr Mann. Aber langsam wird es eng.

"Wir sind mittlerweile eine vierköpfige Familie, meine große Tochter ist jetzt Anfang August drei geworden und mein kleiner ist jetzt eins geworden. Und mittlerweile reichen uns die zweieinhalb Zimmer nicht mehr aus. Und wir würden uns einfach gern verändern. Und wir möchten einfach ein Stückchen Garten haben."

Der legitime Wunsch einer ganz normalen, jungen Familie. Und doch ist es eher ein Wunschtraum. Denn die Stadt, in der Isabell Wäß und ihr Mann leben und arbeiten – sie heißt München. Nirgendwo in Deutschland sind die Mieten so hoch wie hier. Die Krankenschwester hat deshalb im Internet einen Brandbrief veröffentlicht. Darin schlägt sie einen ungewöhnlichen Deal vor: Pflegehilfe gegen bezahlbaren Wohnraum.

"Die Idee kam mir dadurch, dass wir unter uns eine fünfköpfige Familie mit drei kleinen Kindern wohnen haben, und mit denen auch befreundet sind – auch die Kinder. Und ich wurde immer mal wieder nach Rat gefragt, bei irgendwelchen medizinischen Sachen. Und ich helfe natürlich gerne und bin ein ganz offener Mensch – und von diesem Austausch her kam mir der Gedanke: Warum nicht jemandem helfen mit meiner Expertise, mit meinem Pflegeverständnis, meinem Know-how, der das vielleicht einfach auch schätzt? Zum Beispiel jemand, der einen Angehörigen pflegt oder jemand, der selber chronisch krank ist. Dass man einfach mal da ist als Ansprechpartner."

Zu teuer: 2000 Euro für vier Zimmer

Im Gegenzug würden Isabell Wäß, ihr Mann und ihre Kinder eine Wohnung beziehen. Zu einem Preis, der deutlich geringer ist, als die übliche Miete.

"Auf dem normalen Wohnungsmarkt, wenn man schaut … eine Vierzimmerwohnung, das wäre jetzt so das Angestrebte: Vier Zimmer, mit zwei Kinderzimmern, zukunftsperspektivisch: 1600 eher aufwärts. Also wir sind eigentlich bei 2000 Euro."

Das wäre fast so viel, wie die Intensivkrankenschwester, die nebenbei junge Pflegekräfte ausbildet, netto Vollzeit verdient. Und damit zu viel für die Familie, sagt sie.

"Denn es würde bedeuten für uns: Beide Elternteile müssten voll arbeiten. Ich teilweise im Schichtdienst und in der Schule als Pädagogin und mein Mann komplett im Schichtdienst. Das bedeutet für einen junge Familie einfach: zu viel Stress."

Das Mietproblem haben viele Krankenpfleger in München. Und das stellt die Stadt und ihre Krankenhäuser vor eine riesige Herausforderung.

"Das kriege ich auch immer wieder von Kollegen und von meiner Stationsleitung bestätigt, dass einfach viele Pflegende aus München weggehen, gerade wenn sie Familie haben, weil München zu teuer ist. Ich nenne jetzt einfach mal meine Station, das ist die kinderkardiologische Intensivstation in Großhadern. Wir haben einen chronischen Personalmangel mit 50 Prozent Bettenschließung. Und das seit Jahren, seit vielen Jahren, weil wir einfach nicht von den Personalzahlen nicht auf ein normales Niveau kommen und nicht alle Betten aufmachen können."

Pflegekräfte werden überall gesucht

Jedes zweite Bett kann nicht belegt werden. Und das in den renommierten Kliniken der Münchner Elite-Unis, die Medizintouristen vor allem vom arabischen Golf anziehen. Isabell Wäß fordert eine gerechte Bezahlung von Pflegekräften – und auf der anderen Seite, bezahlbaren Wohnraum.

"Wir haben zwei Berufe, Kinderkrankenschwester und Pflegepädagogin und Krankenpfleger – wir finden eigentlich überall einen Job. Das ist super in der Pflege – wir sind nicht von München als Arbeitgeber abhängig. Von daher überlegt man sich natürlich: Wie attraktiv ist München als Familie für uns noch?"

Und nicht nur Pflegekräfte können sich den Wohnort aussuchen. In der Jugendhilfe und bei Erziehern sieht es ähnlich aus. Wer in der Provinz eine bezahlbare Wohnung findet, findet dort meist auch einen Job. Und dies wäre auch der Plan B von Isabell Wäß.

"Wir würden uns zu einer kleinen Stadt orientieren. Es gibt eine Menge Kleinstädte, die froh sind, wenn sie Familienzuzug haben – und dort auch Kliniken."

Und das, findet Isabell Wäß, dürfte doch eigentliche ihre Verhandlungsmacht mit der Metropole stärken. Gut eine Woche nach ihrem offenen Brandbrief hat sich allerdings noch kein Vermieter gemeldet, der sich für Pflegeunterstützung gegen Mietminderung interessiert. Nur dies.

Münchens Basis wandert ab

"Es gab Jobangebote."

Die Stadt selbst will 8500 neue Wohnungen pro Jahr, doch bei 30.000 Neubürgern reicht das nicht. Geringverdiener werden als erstes verdrängt. Isabell Wäß möchte mit ihrem Brandbrief den Spieß umdrehen.

"Wir sind eigentlich das Kapital von München. Und wenn München das nicht irgendwann erkennt, dass so viele Familien einfach wegziehen in bestimmten Branchen, weil sie sich München nicht mehr leisten können – München, deine Basis bröckelt."

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