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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 14.08.2020

Wohnungsmarkt und ImmobilienkonzerneGoldene Zeiten für den Neoliberalismus

Eine Betrachtung von Klaus Englert

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An einem Laternenmast hängt ein Aufkleber mit dem Schriftzug "Deutsche Wohnen Enteignen", im Hintergrund läuft ein älteres Ehepaar. (imago/Emmanuele Contini)
In den Städten formiert sich der Protest gegen die großen Immobilienkonzerne, beobachtet der Publizist Klaus Englert. (imago/Emmanuele Contini)

Trotz Corona: Den großen Immobilienkonzernen geht es prächtig. Ihr Geschäftsmodell: Rendite auch mit minderwertigen Wohnungen, sagt der Publizist Klaus Englert. Für ihn ist das alles "Neoliberalismus in Reinform".

Im DAX sind zwei Immobilienkonzerne vertreten: Nachdem vor fünf Jahren die Vonovia dazustieß, gehört jetzt auch die Deutsche Wohnen zu den 30 wertvollsten Unternehmen des Landes. Das Besondere der beiden Konzerne: Die Coronakrise konnte ihnen nichts anhaben. Ganz im Gegenteil.

Das Wohlergehen der beiden größten Wohnungskonzerne lässt auf eine große Wertschätzung der Aktionäre schließen. Die allgemeine Misere des Wohnungsmarktes schlägt sich in anderen Zahlen nieder. Denn allein in Frankfurt fehlen 28.000 Sozialwohnungen, in Berlin liegt der Fehlbedarf bei über 100.000, bundesweit bei 1,9 Millionen bezahlbaren Wohnungen.

Folglich: Die Nachfrage bleibt hoch, ebenso wie die Renditeerwartung der Konzerne.

Geldmachen mit minderwertigen Wohnungen

Angesichts des neuen Börsenhochstands verkündete Vonovia-Chef Rolf Buch: "Deshalb können wir unserer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden und viel für unsere Mieterinnen und Mieter tun."

Klingt nach Wohlfahrt und Nächstenliebe, aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Denn Mieterpolitik und Firmenaufkäufe von Vonovia unterliegen eher dem Diktat maximaler Rendite. Und die wird nicht genutzt, um die Lage der Mieter zu verbessern.

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Dass Deutsche Wohnen und Vonovia heute besser denn je dastehen, zeigt, wie erfolgreich sie in den letzten zwei Jahrzehnten ihre wirtschaftlichen Interessen durchgesetzt haben. Beides sind ja relativ junge Unternehmen. Sie fanden heraus, dass sich in Deutschland nicht mit billig gebauten Fertighäusern prächtig verdienen lässt, sondern auch mit minderwertigen Wohnungen. Selbst aus eintönigen Wohnkisten lassen sich steigende Mieteinnahmen, hohe Modernisierungs- und Nebenkosten generieren.

Auf diese Weise entstanden Wohnungskonzerne, die sich zu einem internationalen Firmengefüge vernetzten.

Neoliberalismus in Reinform

Voraussetzung für den Aufstieg war der Ausstieg der öffentlichen Hand aus der verantwortungsbewussten Wohnungspolitik – der Verkauf kommunaler Wohnungsbaugesellschaften und gemeinnütziger Wohnungsgesellschaften. Der Verkauf öffentlich finanzierter Wohnungen und zahlloser Werkswohnungen von Deutscher Bahn und Deutscher Post. ALLES kam nach der "Wende" auf den freien Markt. Jahr für Jahr würden circa 100.000 öffentlich geförderte Wohnungen privatisiert - Neoliberalismus in Reinform.

Zahlreiche Wohnungskonzerne entstanden in jener goldenen Zeit. Manche von Ihnen wurden inzwischen von Vonovia und Deutsche Wohnen geschluckt. Und die beiden dürften weiterwachsen. Der DAX-Aufstieg und die ungebrochen hohen Renditeaussichten erleichtern es ihnen, an reichlich sprudelnde Finanzquellen zu kommen.

So ist Deutsche Wohnen, gegründet von der Deutschen Bank, heute mit internationalen Fondsgesellschaften wie Blackrock verflochten. Auch die amerikanische Berkshire Hathaway oder der Staatsfonds "China Investment Corporation" mischen mittlerweile den lukrativen deutschen Wohnungsmarkt mit eigenen Firmenablegern auf.

Rekommunalisierung – ein Modell?

Die Krise im Wohnungsmarkt liegt in der zunehmenden Konzentration von Wohnungen in den Händen privater Konzerne. Tatsächlich verschärfen Deutsche Wohnen, Vonovia oder auch Ado Properties die sozialen Engpässe auf dem freien Markt. Dabei gehen die Gewinne vor allem an den sozial Schwachen vorbei.

Es gibt Gegenbewegungen. So hat sich der Berliner Senat in den letzten Jahren für die Strategie der "Rekommunalisierung" entschieden – und ehemals landeseigene Mietwohnungen von Deutsche Wohnen zurückgekauft. Dass das zum Modell wird, ist angesichts der zu erwartenden Haushaltsbelastungen durch Corona fraglich.

Erstmal also noch: Goldene Zeiten für die Deutsche Wohnen und Vonovia.

Klaus Englert steht im Freien vor grünen Bäumen und blickt in die Kamera. (Quelle: privat)Der Autor (Quelle: privat)Klaus Englert ist Journalist und Buchautor. Er schreibt für Zeitungen und den Hörfunk, vornehmlich über architektonische und philosophische Themen. Zudem ist er als Kurator für Architekturausstellungen tätig. 2019 ist bei Reclam sein aktuelles Buch erschienen: "Wie wir wohnen werden: Die Entwicklung der Wohnung und die Architektur von morgen".

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