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Zeitfragen | Beitrag vom 14.01.2020

Wohnungslose Arbeitsmigranten in München900 Euro für ein schimmliges Kellerloch

Von Tobias Krone

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Obdachlose gehen am 14.12.2017 über das Gelände der Bayernkaserne in München (Bayern) in Richtung der Nachtunterkunft für Obdachlose. (picture alliance / Amelie Geiger/dpa)
In der Bayernkaserne finden Wohnungslose immerhin einen Unterschlupf für die Nacht. (picture alliance / Amelie Geiger/dpa)

Tausende Rumänen und Bulgaren schlagen sich in München durch. Für einen Hungerlohn arbeiten sie meist schwarz auf dem Bau oder putzen. Viele sind wohnungslos - oder werden von skrupellosen Vermietern ausgebeutet.

Es ist Freitag – und im Infozentrum der Arbeiterwohlfahrt am Rand des Münchner Bahnhofsviertel ist Frühstückszeit. Zwei Dutzend Männer und einige wenige Frauen sitzen im Beratungscafé, tunken beherzt Fladenbrotfetzen in Konserven mit öligem Brathering – sie trinken dazu starken Kaffee. Sie haben kein Dach über dem Kopf – aber meist eine Arbeit, zumindest zeitweise. Liliana, Jogginghose, Haar-Dutt, sucht gerade wieder. Einen Reinigungsjob.

"Mir ist es egal. Ob Toilette, ob Dusche, ist mir scheißegal, was ist", sagt sie. "Aber wegen diesen vielen Sachen habe ich immer wieder meine Arbeit verloren."

Liliana deutet auf zwei große Reisetaschen und einen Einkaufstrolley, zum Bersten voll mit ihrem gesamten Hab und Gut. Seit 21 Jahren lebt Liliana in München. Die Bulgarin ist 41. Seit Jahren lebt sie auf der Straße. Sie schläft in diesen Nächten in der Winterunterkunft der Stadt in der ehemaligen Bayernkaserne. Da müssen um 9 Uhr früh alle raus. Ihren Hausstand könne sie nirgendwo einschließen, also habe sie ihn immer zu ihren Reinigungsjobs mitgenommen – und sei deshalb gekündigt worden. Davor sei ihr Leben erträglich gewesen.

"1000, 1200, 1300, bis 1500 kannst du nehmen. Wenn du Samstag, Sonntag arbeitest, mit Zuschlag und so, kriegst du das Geld – bis 1500 kriegst du… Aber wegen dieser Tasche, wegen meiner vielen Sachen habe ich meine Arbeit verloren."

Ohne Arbeitsvertrag sind sie chancenlos

Liliana ist eine der wenigen, die hier Deutsch spricht. Sie ist eine von Tausenden, die sich in München durchschlagen, weil sie in Bulgarien oder Rumänien keine Jobperspektiven haben. Sie arbeiten – meist schwarz – in Küchen, lösen Haushalte auf, putzen, arbeiten auf dem Bau. Und können sich keine Wohnung leisten. Dabei würde ihr ein Schrank schon genügen oder ein Doppelzimmer, beteuert Liliana und nickt ihrer Freundin am Tisch zu:

"Hundert, zweihundert, dreihundert Euro zu zweit – das können wir schon zahlen..."

Die von Schimmel befallene Wand einer Wohnung. (picture-alliance/ dpa / Felix Heyder)Manche Vermieter nutzen die Not der Arbeitsmigranten schamlos aus. (picture-alliance/ dpa / Felix Heyder)

Aber eben nicht mehr. Ein Zimmer zum Wohnen zu finden, das ist besonders schwer für diejenigen, die keine oder nur befristete Arbeitsverträge haben.

"Wenn man nicht weiß, wieviele Überstunden mache ich diesen Monat, wie viel verdiene ich nächsten Monat, arbeite ich überhaupt nächsten Monat noch da – wenn all das so unsicher ist, dann ist man bereit, ganz viele Kompromisse zu machen", sagt Andreea Garlonta, die Leiterin des Kälteschutzprogramms in München. Zu ihr kommen die Wohnungslosen, die ein Bett in der Bayernkaserne suchen, weil sie anderswo keine bezahlbare Wohnung finden.

Manche Vermieter nutzen die Not der Menschen aus

Manche Vermieter in München schlagen aus den prekären Existenzen noch zusätzlichen Profit, sagt sie:

"Ein Beispiel, vor kurzer Zeit bei uns in der Beratung: 900 Euro für ein Zimmer mit eigener Küche, eigenem Bad in einer Art Keller, also man hat schon ein kleines Fensterchen, wodurch man die Füße von den Passanten gesehen. Und dafür hat man 900 Euro im Monat bezahlt, Schimmel an den Wänden gehabt – und er hat gesagt: Dieses Zimmer habe ich mit Mietvertrag, und für mich ist es auf jeden Fall besser als die Bayernkaserne, wo ich um 9 Uhr in der Früh meine Sachen packen, mitnehmen und raus in die Kälte muss."

Andreea Garlonta und ihre Kolleginnnen können Rumänisch, die Sprache, die neben Bulgarisch viele sprechen. Schiller 25 heißt das Büro in der Schillerstraße, einen Block neben dem Arbeiterstrich. Es ist meist der erste Anlaufpunkt für Leute aus Südosteuropa, die nicht mehr weiterwissen. Viele von ihnen sprechen kaum Deutsch, und diese Situation wird von den Subunternehmen, bei denen sie anheuern, gerne ausgenutzt.

"Eine Reinigungsfirma als Subunternehmen in der Hotelierbranche, sagen wir mal, hat einen Objektleiter, der ist Bulgare. Er stellt dann Bulgaren ein. Genau. Und die Bulgaren, die eingestellt werden, diejenigen, die die Zimmer putzen, können sich nur mit dem Objektleiter verständigen. Und wenn der Objektleiter sagt: Du musst heute 50 Zimmer putzen, sonst fliegst du raus. Dann hat der Arbeitnehmer überhaupt nicht die Möglichkeit, sich irgendwo zu beschweren oder zu sagen, hey, das ist überhaupt nicht machbar."

In solchen Fällen würde Andreea Garlonta einen Gang vors Arbeitsgericht empfehlen, doch viele ihrer Klienten haben dafür gar keine Zeit. Ihnen geht es darum, Geld für sich und die Familie daheim zu verdienen.

Sieben Euro pro Stunde - oder gar nichts

Zurück im Infozentrum der Arbeiterwohlfahrt. Der Mann mit den roten, müden Augen, der im Café sitzt und seinen Namen nicht preisgeben will, ist 45 und hat eine komplizierte Migrationsgeschichte. Aus Jordanien kam er nach Bulgarien, dort bekam er seine Asylpapiere. Er ist illegal in Deutschland.

"Wir haben keine Arbeit, wir haben gar nix. Wir wollen arbeiten, aber es gibt keine."
"Wie lange sind Sie schon in München?"
"Schon ein Jahr."
"Wo haben Sie schon gearbeitet?"
"Ich habe auf der Baustelle, bei Umzügen gearbeitet, so was."

Menschen wie er bekommen keine Arbeitsverträge. Entsprechend niedrig sind die Tarife für einen wie ihn auf dem Schwarzmarkt:

"Sieben Euro in der Stunde. Das ist nicht gut in Deutschland."

Wenn er überhaupt bezahlt wird. Einmal habe er einen halben Monat gearbeitet – und der Vorarbeiter bezahlte ihm nichts dafür. Auch von diesem Phänomen können hier viele Leute erzählen:

"Was kannst du machen? Kannst du gar nichts machen. Machst du Schlägerei, kannst du ins Gefängnis gehen – mit ihm. Musst du warten. Und immer wieder anrufen: Kannst du mir 50 Euro geben im Monat. Langsam, langsam."

München hat sein Kälteschutzprogramm ausgedehnt

So kämpfen viele, die Münchens Immobilienboom, Münchens Bauboom, Münchens Übernachtungsboom am Laufen halten, selbst ums Überleben.

"Aber es ist schon ein bisschen einfacher, wenn man alles auf den Schreibtisch des Sozialarbeiters gelegt hat und wenn man schaut, was wäre überhaupt machbar? Jetzt bin ich in so einer Krisensituation, dass ich nicht mehr weiterkomme. Und in solchen Fällen die Sozialarbeiter zusammen mit den Hilfesuchenden schon immer wieder kleine Lösungen finden."

Andreea Garlonta vom Kälteschutzprogramm sieht, dass die Stadt München diese vielen Probleme über die vergangenen Jahre immerhin anerkannt hat. In diesem Jahr wird das Kälteschutzprogramm auf das ganze Jahr ausgedehnt, sodass auch in wärmeren Monaten zumindest theoretisch niemand auf der Straße schlafen muss.

  

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