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Zeitfragen | Beitrag vom 15.11.2019

Wohnen und SchreibenWie wir leben wollen

Von Katharina Teutsch

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Zelte stehen auf einem kleinen Grünstreifen vor einer Häuserwand. Das Grafitti verweist auf die steigenden Mietpreise in Berlin. (AFP/ David Gannon)
Die steigenden Mieten verlangen nach alternativen Konzepten und Fragen. (AFP/ David Gannon)

Früher ließen steigende Brotpreise Gesellschaften auseinanderbrechen. Heute sind es Mieten. Sie steigen nicht nur in Szenevierteln und nicht nur für Reiche, sondern überall. Wie wollen wir leben?, fragen sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller.

Jan Peter Bremer wurde 2011 schlagartig mit einem Roman berühmt. Denn Bremer, der seit den achtziger Jahren in West-Berlin lebt, griff mit "Der amerikanische Investor" ein Thema auf, das viele Leser elektrisierte: Er schrieb über die existenzbedrohende Situation auf dem Berliner Mietwohnungsmarkt. Ein Investor hat das Haus des Ich-Erzählers gekauft. Er will die Wohnungen sanieren und die Miete stark erhöhen. Für den Familienvater ist das eine Katastrophe. Er beschließt, dem fernen nordamerikanischen Investor einen flammenden Brief zu schreiben. Die drohende Obdachlosigkeit wird darin surrealistisch verfremdet. Der Erzähler phantasiert gegen die Ohnmacht an und gewinnt so Distanz zu seinem Leben: Schreiben als Entlastung und Befreiungsschlag.

Godfather der Gentrifizierungsliteratur

"Der amerikanische Investor" steht in einer langen Tradition. Die Literatur über das Wohnen füllt Bibliotheken. Aber seit der letzten Jahrtausendwende geht es nicht mehr um menschenunwürdige Zustände, wie sie Friedrich Engels beschrieb und Heinrich Zille in einem berühmt gewordenen Vergleich beklagte: "Man kann einen Menschen mit einer Wohnung erschlagen wie mit einer Axt." Jan Peter Bremer beschreibt die Auswirkungen kapitalistischer Verwertungslogik auf die Verfügbarkeit eines Gutes, das wie Luft, Wasser, Brot lebensnotwendig ist. Manchen gilt der Schriftsteller daher als Godfather der Gentrifizierungsliteratur.

Der Begriff Gentrifizierung war 2011 noch relativ neu. Danach erlebte der Begriff für die ökonomische Aufwertung eines Stadtteils und die Verdrängung der bisherigen durch wohlhabendere Einwohner eine steile Konjunktur. Sie neigt sich allerdings dem Ende zu, seit die Mieten (und die Immobilienpreise) überall steigen und auch besser betuchte Bürger stöhnen lassen. Mietpreisbremse und Mietendeckel sollen Einwohner schützen, wo auch immer ihre Wohnung liegt. 

Katharina Teutsch hat Bücher von Jan Peter Bremer, Anke Stelling, Jan Brandt und Lola Randl gelesen und sich mit ihnen unterhalten. Die Wohngeschichten und sozialen Befunde sind so unterschiedlich wie ihre Verfasser. Aber alle Autoren stellen eine gemeinsame Frage: Wie wollen wir leben?

(pla)

Das Manuskript zur Sendung finden Sie hier.

Sprecher: Anika Mauer, Julia Brabandt und Martin Engler
Ton: Alexander Brennecke
Regie: Stefanie Lazai
Redaktion: Jörg Plath

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