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Fazit | Beitrag vom 08.08.2018

Wohnen in Ikonen: Can Comis in BarcelonaAntoni Bonets rationalistisches Meisterwerk

Von Julia Macher

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Außenansicht Gartenpavillon Can Gomis (Julia Macher)
Außenansicht: Gartenpavillon Can Gomis (Julia Macher)

Der katalanische Jugendstil hat Barcelona seinen Stempel aufgedrückt. Andere Baustile wie der Rationalismus geraten aus dem Blick. Der Corbusier-Schüler Antonio Bonet hat der Industriellenfamilie Gomis Bertrand ein ikonisches Wochenendhaus gebaut.

Donnerten die Flugzeuge nicht im Minutentakt über die Can Gomis, könnte man die Lage idyllisch nennen: Ein weitläufiger Pinienhain am Delta des Flusses Llobregat, ein paar Kilometer südlich von Barcelona. Wer den Schleichweg vom Strand nimmt, sieht zunächst die sanft geschwungenen Bögen der vier Hauptpavillons, steht dann ziemlich unmittelbar vor dem langgestreckten Wochenendhaus. Die breiten Glasfronten sind von Keramikjalousien vor der Sonne geschützt.

Ikone des Rationalismus

Als Ikone des Rationalismus feiern Architekturzeitschriften den Bau. Marita Gomis, die zweitjüngste Tochter des Bauherren, findet nüchternere Worte: "Bei diesem Projekt trafen einfach ein perfektionistischer Ingenieur und ein perfektionistischer Architekt aufeinander." Der perfektionistische Ingenieur war ihr Vater Ricardo Gomis.
Er beauftragte 1949 den Corbusier-Schüler Antonio Bonet mit einem Wochenendhaus für die Großfamilie – mit einem Ess- und Wohnbereich, in dem sich die musikbegeisterte Familie mit Freunden zu Konzerten treffen konnte, eigenständigen Pavillons für Eltern und Kinder. Die Planung des maßgeschneiderten Prestigeprojekts bestimmte ein gutes Jahrzehnt das gesamte Familienleben. Erst 1963 war das Haus bezugsfertig.

Außenansicht Wohn- und Essbereich Can Gomis (Julia Macher)Außenansicht: Wohn- und Essbereich Can Gomis (Julia Macher)
Über die Detailverliebtheit und die fast obsessiven Zahlenspielereien von Bauherren und Architekten staunt Marita Gomis noch heute: "Mein Vater hat immer gesagt: In diesem Haus ist alles ein Vielfaches oder ein Bruchteil von irgendetwas. Als Teenager habe ich dem nie Beachtung geschenkt, aber mit der Zeit entdeckt man diese Zahlenverhältnisse wirklich in allem: Der Steintisch im Garten entspricht genau vier Bodenkacheln des Wohnzimmers, ebenso wie der Kaminblock. Die Schranktüren sind genauso breit wie die Fliesen, die Eintrittstür ist doppelt so groß und so weiter und so fort."

Gomis führt durch den Wohnpavillon, in dem sich in den 60er-Jahren Joan Miró, Antoni Tàpies und andere Künstler und Intellektuelle zu endlosen Tertulias trafen – ein Lichtblick im grauen Alltag der Franco-Diktatur. Die Bezüge der Sofas sind etwas schäbig geworden, der Teppich hat Druckstellen – aber alles steht genau an der vom Architekten vorgesehen Stelle, seit Jahrzehnten unverrückt: Der von Bonet entworfene Spieltisch mit ausklappbarer Ablage für Whiskey-Glas und Aschenbecher neben dem Kamin.

Nie das Gefühl, durch ein Museum zu spazieren

Der berühmte Butterfly-Sessel – eine nie patentierte und daher millionenfach kopierte Design-Ikone aus dem Bonet-Studio – wird im Foyer effektvoll von einem Oberlicht in Szene gesetzt. Trotzdem hat man nie das Gefühl, durch ein Museum zu spazieren. In diesem Haus hat es sich schon immer einfach gelebt, sagt Marita Gomis: Jeder hatte genügend Raum - drinnen und draußen, im riesigen Garten. Verhaltensnormen erübrigen sich, weil sie sich schon ganz natürlich aus der durchdachten Organisation des Raums ergeben. 
 
"Der riesige Salon ist eigentlich organisiert wie eine Stadt: Die Gebäude sind die Teppiche, die Fliesen die Straßen. Das definiert nicht nur den Raum, sondern bestimmt auch die Bewegungen. Wir kreuzen den Raum zum Beispiel nie diagonal, sondern gehen automatisch um die Wohninseln herum."

Designliebe des Vaters und Gestaltungslust der Kinder

Auch im - heute an den Wochenenden von der Enkelgeneration bewohnten – Schlafpavillon haben Bonet und Gomis praktischen Sinn bewiesen. Die Zimmer können nur von innen verriegelt werden und garantierten so den heranwachsenden Teenagern einen Hauch Intimität. Durch eine verschiebbare Wand kann bei Bedarf ein Extra-Platz für Besucher oder ein Büroraum abgezwackt werden. Zugleich ermöglichten die mit Kork verkleideten Trennwände einen Kompromiss zwischen der Designliebe des Vaters und Gestaltungslust der Kinder.

Außenansicht der Can Gomis (Julia Macher)Außenansicht der Can Gomis (Julia Macher)
"Wir hatten schon unsere Freiheiten. Als wir hier einzogen, sagte mein Vater: Der Kork gehört euch, die Wände gehören mir. An die Wände durften wir nicht, aber hier konnten wir uns mit unseren plastischen Kreationen, mit Postern und allem Möglichen, ausleben."

Im Elternpavillon war der Hausherr weniger konziliant. Damit kein Schlüsselloch die glatten Schreibtischflächen stört, ist das Geldfach nur von unten verschließbar. Ziemlich umständlich für die großgewachsene Hausherrin, die die Schublade der Bequemlichkeit halber unverschlossen ließ. Schon viele Hundert Male hat Marita Gomis diese Anekdote erzählt. Fast jede Woche führt sie architektur- und designinteressierte Besucher durchs Haus. Seit einigen Jahren wächst das Interesse am Rationalismus - auch in Katalonien. Keine Selbstverständlichkeit, sagt Gomis.

"Der Rationalismus ist eine Art zu denken"

"Der Rationalismus ist eine Art zu denken, die eben nicht mit einem bestimmten Landstrich, einer lokalen Kultur in Verbindung steht. Bonet war immer sehr weltoffen und hat international gedacht. Der Modernismus dagegen wird ganz stark mit dem Aufstieg des katalanischen Bürgertums identifiziert. Da wurde ein Idealbild gezeichnet, das andere Strömungen übertönt."

Die Can Gomis ist inzwischen zwar denkmalgeschützt, finanziell nutzt das den Erben wenig. Die Instandhaltung eines Unikats ist teuer. Wegen eines Konstruktionsfehlers musste das undichte Dach aufwändig renoviert werden. Dazu kommt das Meer, das sich langsam ins Landesinnere frisst und der nahe Flughafen. Gerade lässt ein startendes Flugzeug wieder die Scheiben vibrieren.

Natürlich liebe sie die Can Gomis, aber das Ferienhaus ihrer Familie sei ein schwieriges Erbe.

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