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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 22.03.2010

Wohin treibt die Linke?

Von Christian von Ditfurth

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Oskar Lafontaine kandidiert nicht mehr als Linken-Chef. (AP)
Oskar Lafontaine kandidiert nicht mehr als Linken-Chef. (AP)

Spätere Historiker werden herausfinden, dass diese Partei namens "Die Linke" nützlich gewesen ist: Sie hat nämlich wesentliche Teile der DDR-Eliten in die Demokratie integriert. Man stelle sich nur vor, es hätte sich im Osten stattdessen ein Block des Protests gebildet, der womöglich sogar nach Rechtsaußen hätte abdriften können.

Jenseits aller Stasivorwürfe ist die Linke längst in der Parteiendemokratie angekommen. So beteiligt sie sich seit Jahren ganz realpolitisch an Landesregierungen, Sozialabbau eingeschlossen, und in den ostdeutschen Kreisen und Kommunen geht nichts ohne die linke Volkspartei, die dort weniger links ist als pragmatisch.

War die PDS eher ein Heimatvertriebenenverband, in dem der Verlust des Sozialismus betrauert wurde, so hat die Vereinigung mit der Wahlalternative Arbeit soziale Gerechtigkeit (WASG), genauer gesagt: die Vereinigung mit Oskar Lafontaine, die ostdeutschen Genossen wenigstens in Teilen in die politische Wirklichkeit befördert. Erst durch den ehemaligen SPD-Vorsitzenden wurde aus den Vorläufern PDS und WASG eine gesamtdeutsche Partei.

Lafontaines überragende Bedeutung für die Linke zeigt sich am
deutlichsten, seit er den Rückzug auf Raten angetreten hat. Schon als bekannt wurde, dass er krebskrank war, begannen die innerparteilichen Zerwürfnisse.

Dabei kam der talentierteste Anwärter auf die Spitzenjobs, Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch, unter die Räder in einer der absurdesten Personalpossen der jüngeren deutschen Parteiengeschichte. Und was Gysi seinen Genossen mit Gesine Lötzsch und Klaus Ernst als Nachfolger in der Führung aufzwingen will, hat ein anhaltendes Beben ausgelöst.

Aber das Schlimmste kommt noch. Denn im für das Schicksal der Gesamtpartei ausschlaggebenden Westen ist die Linke nach wie vor ein Sammelsurium mit suizidalen Ambitionen. Da sind zum einen die Agenda-2010-geschädigten Gewerkschafter und ehemaligen Sozialdemokraten aus der WASG, die zwar aufgrund ihrer Biografien der SPD kritisch gegenüberstehen, sich aber der Politik nicht verweigern. Und dann sind da die ehemaligen West-PDSler, die in den meisten Analysen hinter Lafontaines WASG verschwunden sind, obwohl ihr Chaospotenzial groß genug ist, die Partei untergehen zu lassen.

Dank dieser ehemaligen DKPisten, Maoisten, Trotzkisten lebt die Linke
im Westen vielerorts noch im Exil. Die Sektierer aus der alten Bundesrepublik haben wegen des Risikos, realpolitisch befleckt zu werden, kaum jemals die Grenzen ihres selbst gewählten Ideologiegettos überschritten. Typisch für jede Emigration, auch die im eigenen Land, ist ein Reizklima, in dem Misstrauen und Rechthaberei herrschen. Aus taktischer Abweichung wird Verrat, aus Kritik Renegatentum. So lebt in der Linken fort, was Gysi dereinst als "Hamburger Krankheit" diagnostizierte und ihn zu der Einsicht zwang, dass die Westausdehnung der PDS ein Fehler gewesen sei. In den dortigen Landesverbänden geben immer noch die im politischen Dschungelcamp trainierten Sektierer den Ton an.

Allein Lafontaine war es möglich, das Westinferno halbwegs zu zügeln. Gysis nur auf den ersten Blick erstaunliche Bereitschaft, für Oskar sogar seinen Freund Bartsch zu deckeln, erklärt sich zuerst aus seiner Angst vor dem Chaos im Westen. Er weiß, was kommt, wenn Lafontaine abtritt und der Wahnsinn der Sektierer vollends ausbricht. Dann droht die Partei im Westen unterzugehen, und niemand, wirklich niemand, kann glauben, dass eine neue Verlegenheitsführung um Lötzsch und Ernst die Westgenossen vor dem Ertrinken retten wird.


Christian von Ditfurth, Jahrgang 1953, ist Historiker und lebt als freier Schriftsteller in der Nähe von Lübeck. In zahlreichen Publikationen hat er Aspekte der deutschen Zeitgeschichte analysiert. In den letzten Jahren wurde er auch als Autor von Kriminalromanen bekannt.

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