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Religionen / Archiv | Beitrag vom 18.06.2011

Wo Flüchtlinge trauern können

In Düsseldorf entsteht der bundesweit erste interkulturelle Trauerort

Von Bettina von Clausewitz

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Flüchtlinge müssen oft alleine trauern. In Düsseldorf soll sich das ändern. (AP)
Flüchtlinge müssen oft alleine trauern. In Düsseldorf soll sich das ändern. (AP)

Flüchtlinge lassen nicht nur ihr Hab und Gut zurück, sondern auch Orte, an denen sie verstorbener Angehöriger gedenken können. Das Psychosoziale Zentrum Düsseldorf sorgt jetzt dafür, dass sie einen solchen Ort bekommen.

Zeitweilig schützt noch ein klappernder Bauzaun den einladend begrünten Hinterhof der Düsseldorfer Bergerkirche vor Neugierigen aus der Fußgängerzone nebenan. Eine Baustelle, die einzigartig ist in Deutschland: Denn hier auf dem Gelände der evangelischen Diakoniekirche entsteht der erste Trauerort für Flüchtlinge - für Menschen, die vielfach Gewalt und Gefängnis erlitten haben. Der erste Bauabschnitt ist gerade fertig geworden, im November ist Einweihung.

Statt Baulärm soll dann Bambusrauschen zu hören sein, Vogelgezwitscher und Schritte auf den Wegen, die spiralförmig in eine stille Mitte führen, umgeben von Bambus und Bänken. Für die Düsseldorfer Künstlerin Anne Mommertz ist all das schon jetzt lebendig:

"Es gibt jetzt hier diese beiden Wege - von diesem Tor zu diesem Tor in der Nähe der Kirche. Und der Bambus, der läuft dann hier immer an der Mauer entlang und im großen Kreis um die Spirale herum."

Mommertz schlichter Entwurf bekam unter mehr als 50 Einsendungen den Zuschlag der Jury. Eine Ausschreibung, die viele Kriterien aufstellte: keine religiösen Symbole etwa, damit Menschen aller Religionen sich angenommen fühlen, keine Materialien wie Eisen, Beton oder Gitterstäbe, die Traumata wachrufen könnten.

Die 45-jährige Anne Mommertz mit dem wachen Blick und den wilden Pippi-Langstrumpfzöpfen beschäftigt sich seit Langem mit dem Thema Zuhause. Ihre Idee für den Trauerort begeisterte auch die Kongolesin Marthe Ngomba-Matanda aus der Projektgruppe:

"Ich persönlich, ich habe das auf den ersten Blick ausgewählt, ja!"

Marthe Ngomba kam vor sieben Jahren selbst als Flüchtling - aus dem Kongo. Heute arbeitet sie als Dolmetscherin im Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge in Düsseldorf, kurz PSZ genannt. Es bietet Beratung und Therapie für Überlebende von Folter, Krieg und Gewalt aus aller Welt. Hier entstand die Idee, einen Trauerort zu schaffen:

"Ich erinnere mich, dass es gab eine Zeit und Tage, wo ich sehr betroffen oder traurig war, da wo ich an meine Mutter gedacht habe oder an irgendwelche Personen oder an meine Schwester, die schon lange verstorben ist. Ich wollte irgendwo einen Ort haben, da wo ich hingehen kann und an sie denken konnte – aber das war immer ein Loch - wie eine Leere -, ich hatte keinen Ort, diese Trauer zu feiern."

Weinen, beten und gedenken - viele Flüchtlinge haben nicht nur ihre Heimat verloren, geliebte Menschen und Freunde, oft haben sie auch zerstörte Gräber zurückgelassen oder sie wissen nicht, ob und wo ihre Toten beerdigt wurden. Seelische Wunden, die schwer verheilen.

Annette Windgasse, die Leiterin des Psychosozialen Zentrums, arbeitet seit der Eröffnung 1987 in der Beratungsstelle. Jährlich werden hier mehr als 400 Menschen aus rund 40 Ländern betreut. Die Therapeutin und Sozialwissenschaftlerin hat schon viel gehört, doch auch für sie gibt es eine Schlüsselgeschichte:

"Bei mir war es ne Begegnung mit einer Klientin aus Äthiopien, die auf der Flucht vergewaltigt worden ist, dann davon schwanger wurde und dann, kurz nachdem sie in Deutschland war, diese Schwangerschaft abgebrochen hat. Sie hat dann hinterher in ihrer Ehe noch andere Kinder bekommen, aber die Trauer um dieses Kind, was nie auf die Welt kommen konnte, die hat die Frau unglaublich belastet. Und da hatten wir schon die Idee, es wäre gut so einen Ort zu haben."

Das Ziel: Ein Trauerort für Menschen aus allen Kulturen, die ihre Toten nicht vor Ort betrauern können. Die Aufgabe: Einen Ort voll Respekt schaffen, zu dem Menschen mit ihren kulturellen und religiösen Bedürfnissen und persönlichen Trauerbelastungen hingehen können. Die Herausforderung: Der Ort darf nicht religiös fixiert sein.

So heißt es in der Aufgabenbeschreibung, die sich die interkulturelle Projektgruppe Trauerort selbst gegeben hat: Gläubige und Nichtgläubige, Christen, Muslime und Angehörige anderer Religionen haben sich in einem mehrjährigen Prozess über unterschiedliche Rituale ausgetauscht. Das Ergebnis ist die jetzt entstehende kleine Parkanlage mitten in der pulsierenden Düsseldorfer Altstadt – Abschied und Trauern ist ein Menschheitsthema. Daher könnte der Ort weit mehr sein als ursprünglich geplant, meint die PSZ-Leiterin Annette Windgasse:

"Es ist für uns schön, dass wir als so eine kleine Flüchtlingseinrichtung, die immer auch in einer Nische der Gesellschaft arbeitet, eine Einladung aussprechen können an andere Zuwanderer auch und dann hier an die deutsche Gesellschaft.

Der Gedanke, dass es eine gemeinschaftliche Sache ist, ein Gefühl, das uns universell auch verbindet, das denke ich, trägt dann auch so einen Ort - dass aufseiten der Zuwanderer, der Flüchtlinge und der einheimischen Deutschen darüber auch eine Gemeinsamkeit entdeckt wird und vielleicht auch ein tieferes Verständnis füreinander."

Rund 80.000 Euro kostet das ambitionierte Projekt, das bisher von Kirche, Stadt, Land und Stiftungen finanziert wurde – für die jetzt laufende zweite Bauphase wird weiter um große und kleine Spenden geworben: Um 82 Euro für einen Bambus etwa, aber auch die Außenbeleuchtung für die Abendstunden fehlt noch. Im November soll der Trauerort eingeweiht werden, dann wird der Volkstrauertag vielleicht zum Völkertrauertag. Und Düsseldorf hat einen Ort mehr, der Menschen aus aller Welt willkommen heißt. Marthe Ntomba-Matanda wartet darauf:

"Und ich wünsche mir auch, dass ich eines Tages da hin gehen kann, um zu trauern, und dass ich nicht mehr in meinem Schlafzimmer allein trauern (muss), weil trauern eigentlich ist eine Gemeinsamkeit, eine Feierlichkeit, dann würde ich mich integriert in diesem Land fühlen."

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