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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.09.2012

Wo die Gescheiterten wohnen

Daniel Odija: "Auf offener Straße", Paul Zsolnay Verlag, Wien 2012, 144 Seiten

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Mülltonne an einer Straße (Deutschlandradio - Daniela Kurz)
Mülltonne an einer Straße (Deutschlandradio - Daniela Kurz)

In seinem zweiten, nun ins Deutsche übersetzten Werk erzählt der polnische Autor Daniel Odija von den Schicksalen der Bewohner einer Straße in einer polnischen Stadt. Dabei wirft er den Fokus auf die düsteren Seiten der polnischen Gesellschaft.

Kanada ist ein typischer Bewohner der Langen Straße. Allein durch seine Bildung ragt er heraus. Kanada nennt man ihn, weil er als Student der Sozialwissenschaften Stipendiat in Amerika war. Bald allerdings kehrte er nach Polen zurück und verfiel dem Alkohol. Kanada lebt von kleinen Übersetzungsaufträgen, trinkt Brennspiritus und Benzin. Eine Zeitlang finden bei ihm die Gelage mit den Leuten aus der Nachbarschaft statt, dann zieht er das Trinken in der Einsamkeit vor. Als er einmal betrunken am Flussufer einschläft, schlägt ihm jemand den Schädel ein und stößt ihn ins Wasser. Kanada und seinen Nachbarn hat der Erzähler Daniel Odija einen Roman gewidmet, der in Polen bereits 2001 erschien und nun auch auf Deutsch vorliegt.

Die Lange Straße liegt in irgendeiner Kleinstadt nahe der polnischen Ostseeküste. Offiziell existiert sie gar nicht mehr, die Stadtentwickler haben sie bereits vor Jahren für den Abriss vorgesehen. In dieser Straße leben die Gescheiterten, für die das aufstrebende Polen der Nachwendezeit nur ein absurdes Heilversprechen darstellt. Die Cebulowa schickt ihre drei Töchter auf den Strich, nur im Kreise der Nachbarschaft und zum Niedrigtarif. Der Gelegenheitsarbeiter Chmara bepflanzt immerhin seinen schmuddligen Hof mit Gras und Blumen, wenn er mal einen lukrativen Auftrag ergattert hat. Hobbit erwirtschaftet durch geradezu professionelle Bettelei sogar ein Durchschnittseinkommen und träumt vom Kauf einer Eigentumswohnung andernorts. Ein paar ältere resignierte Männer sammeln Flaschen oder Abfall. Der junge Zaba organisiert Diebeszüge durch Deutschland und steigt dadurch zum regionalen Mafiaboss auf. Doch so recht nach oben kommt er auch nicht.

Odijas Buch enthält keine durchgehende Handlung. Es besteht aus Dutzenden nur lose miteinander verknüpften Alltagsszenen in der Langen Straße. Den düsteren Seiten der polnischen Gesellschaft in der Transformation hat der Autor bereits seinen 2006 auf Deutsch erschienenen Roman "Das Sägewerk" gewidmet - am Beispiel einer untergegangenen LPG.

Daniel Odija, 1974 im pommerschen Slupsk (auf Deutsch: Stolp) geboren, studierte polnische Literatur in Danzig. Heute arbeitet er in seiner Heimatstadt als Fernsehjournalist. Zugleich schreibt er sozialkritische Prosa - frei von allen publizistischen Thesen. Zwar bringt der Autor die Brutalität des Milieus eindrucksvoll zum Ausdruck. Doch vermeidet er laute, anklagende Töne bei seiner Schilderung der Verhältnisse und schenkt seinen Figuren nicht einmal ein besonderes Mitgefühl.

Odija erweist sich als kühler Beobachter einer Welt, die es eigentlich nicht geben sollte. Abseits jedweder politischer Absichten und allen sozialen Kitsches liest sich "Auf offener Straße" als spannender Gegenwartsroman.

Besprochen von Martin Sander

Daniel Odija: Auf offener Straße
Aus dem Polnischen von Martin Pollack
Paul Zsolnay Verlag Wien 2012
144 Seiten, 14,90 Euro


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