Wo bleibt das Gedicht zur Koreakrise?

Von Gerald Beyrodt · 04.04.2013
Es ist genau ein Jahr her, dass Günter Grass sein Israelgedicht in der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlichte. Damals hatte er, gelinde gesagt, viel Echo, und das könnte er wieder haben, wenn, ja wenn er sich eines anderen Problems annähme - findet zumindest Gerald Beyrodt.
Er mahnt nicht. Er ruft nicht. Er leitartikelt nicht. Günter Grass schweigt, obwohl Nordkorea mit der Atombombe droht. Wenn er uns nur aufrütteln würde, wie er es vor genau einem Jahr tat, als es um Israel und den Iran ging. Denn ein Problem wird erst dann ein Problem, wenn Günter Grass es benennt. Vor einem Jahr hob er an:

"Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen geübt wurde, an deren Ende wir allenfalls Fußnoten sind"."

Gute Frage: Warum schweigt Grass, wo wir seiner Hilfe doch so dingend bedürfen wie vor einem Jahr?

Vorher wusste kein Mensch, welche politische Kraft Lyrik hat. Dann hat uns der weise Greis die Augen geöffnet – mit "letzter Tinte", wie er damals notierte. Ist die Tinte inzwischen ganz versiegt? Hat ihn jetzt wirklich Schreibhemmung gepackt? Das kann vorkommen, wäre aber nicht schlimm, denn die ersten Zeilen für ein Korea-Gedicht sind schon mal da: "Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen …" etcetera pp. Das kann man doch alles nehmen. Auch die Überschrift "Was gesagt werden muss" ist prima und der Rest sowieso.

Ganz nebenbei könnte Grass einen Vorwurf aus der Welt räumen, der ihn seither gefuchst hat: Er könnte zeigen, dass Formulierungen wie "Überlebende", oder "als Wiedergutmachung getarnte U-Boote" mit Korea genauso viel zu tun haben wie mit Israel, dass also sein Mahnen und Rufen in Sachen Nahost nichts, aber auch gar nichts mit deutscher Geschichte zu tun habe. Endlich würde klar: Das war doch alles Blödsinn mit dem Antisemitismus-Vorwurf damals – oder würde ihm jetzt jemand etwa Antikoreanismus vorwerfen wollen?

Irgendwann würde auch Jakob Augstein zur Blechtrommel greifen, würde mutig Nord- oder Südkorea als Lager bezeichnen. Kurz darauf wäre der Weltfrieden gesichert.

Vermutlich hat Grass längst erkannt, wie gut er sein Gedicht vom letzten Jahr wiederverwenden kann. Trotzdem schweigt er bislang. Eine lyrische Klippe muss er nämlich noch nehmen. Soll er das Wort "Israel" durch Nordkorea oder Südkorea ersetzen? Oder doch lieber durch Amerika? Wir werden bald von ihm hören.
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