Witz als Überlebensstrategie

Der US-amerikanische Regisseur Woody Allen, aufgenommen in Barcelona © AP
Moderation: Susanne Führer · 01.12.2010
Der Filmregisseur Woody Allen wird von Todesangst und Hypochondrien geplagt. Diese sublimiert er in Kunst, sagt die Filmkritikerin Katja Nicodemus. Die "einzige Möglichkeit, das Leben zu ertragen, besteht dann für ihn darin, die Schrecklichkeit des Lebens durch den Witz ins Extrem zu treiben".
Susanne Führer: Eine ganze Generation ist mit Filmen von Woody Allen groß geworden, älter geworden. Mit dem "Stadtneurotiker" fing es an, dann kamen "Manhattan", "Hannah und ihre Schwestern", "Bullets over Broadway" , "Matchpoint", "Vicky Christina Barcelona" – ich hör mal auf, der Mann hat ja fast unendlich viele Filme gemacht. Und trotzdem mag man es nicht glauben, dass Woody Allen heute 75 Jahre alt wird. Katja Nicodemus, Sie haben Woody Allen mehrmals getrofffen und interviewt. Wir wirkte er denn auf Sie bei diesen Begegnungen: Hat er sich verändert durch das Alter, oder gibt es so einen ewigen, unerschütterlichen, zeitlosen Woody-Allen-Kern, so ein Woody-Allen-Wesen?

Katja Nicodemus: Ja, wenn man Woody Allen begegnet, dann ist es ja erst mal eigentlich ein Kinoeffekt. Er ist uns ja von der Leinwand so vertraut, dass man denkt, man ist jetzt in einem Woody-Allen-Film, wenn man ihm gegenübersitzt. Und natürlich gibt es da dieses ewige Jungenhafte, immer gleichbleibende Spätpubertäre, dann natürlich diese fast schon ikonischen Details, die dicke Brille, die ewige gleiche Cordhose, die er seit einem halben Jahrhundert eigentlich zu tragen scheint.

Und ich glaube, man sollte aber nicht unterschätzen, dass er sich eigentlich immer wieder auch in seinen Filmen selbst erfunden hat, denn es gibt ja gar nicht einen Woody-Allen-Stil, sondern es gibt wirklich Filme, die so in konzentrischen Kreisen um sein Wesen, um seine Gedankenwelt sich drehen, und die eigentlich ihre Energie immer aus neuen Orten und Schauspielern bekommen. Und es gab ja zum Beispiel auch mal eine relativ uninteressante Spätphase seines Werks, so ungefähr vor zehn Jahren, das waren Filme wie "Anything Else", wie "Melinda and Melinda", "Hollywood Ending" – das waren eher so klamaukige Komödien, und da schien so dieser sarkastische Allen-Witz eigentlich nur noch so hin und wieder aufzublitzen.

Und dann kam aber 2005 plötzlich ein Film wie "Matchpoint", also ein ganz glasklarer, sarkastischer, harter Film über einen jungen skrupellosen Aufsteiger im heutigen London. Und ich finde schon, dass es noch mal so ein ganz neuer Schritt war für ihn, und Woody Allen findet übrigens selbst auch, dass er sich als Filmemacher immer wieder selbst erfunden hat, übrigens auch zu Recht.

Woody Allen: "Ich finde schon, dass ich mich verändert habe. Wenn man sich die Filme anschaut, die ich so um 1968 herum gemacht habe, 'Take the Money and Run', 'Woody, der Unglücksrabe' oder 'Bananas', dann sieht man schon, dass sich meine Arbeit in ganz verschiedene Richtungen entwickelt hat. Es entstanden ganz andere, reifere Filme, wie zum Beispiel 'Der Stadtneurotiker' und 'Manhattan'. Ich habe Komödien wie 'Ehemänner und Ehefrauen' gemacht, Filme, die komisch und zugleich ernst sind. Ich finde durchaus, dass ich der Versuchung widerstanden habe, eine Sache, die mir vielleicht mal ganz gut gelungen ist, immer wieder auszubeuten und eine Masche daraus zu machen. So hätte ich mich nicht weiterentwickeln können."

Nicodemus: Und da gehörte natürlich auch seine Neugier auf immer neue Schauspieler, eben zum Beispiel jetzt Naomi Watts im neuen Film. Er hat da wirklich ein Händchen für, immer die Leute, die gerade up to date und auch gut sind, zu casten.

Führer: Woody Allen hat sich ja anfangs in seinen Filmen immer selbst gespielt, also beziehungsweise seine alter Egos, in den letzten Jahren hat er nun andere spielen lassen. Aber es blieb irgendwie doch immer bei diesem neurotischen, sensiblen, pessimistischen, ja, sarkastischen Allen-Typ. Wirkt er denn auch im wirklichen Leben so pessimistisch?

Nicodemus: Ja, einerseits schon, aber es ist natürlich ein Pessimismus, der sich dann durch Übersteigerung selbst überwindet, also genauso wie jetzt der reale, eben von Neurosen, Todesängsten und Hypochondrien geplagte Woody Allen sozusagen diese Ängste wieder durch seine Kunst sublimiert und diese Haltung – das ist ja sozusagen eine pessimistische Flucht nach vorn.

Die durchdringt ja auch seine Drehbücher, die findet sich ja sogar in der Mikrostruktur seiner Dialoge, also diese berühmten Sätze, die man sich eigentlich am liebsten übers Bett hängen würde – wie zum Beispiel "Ich würde nie einem Club beitreten, der mich als Mitglied aufnimmt" oder: "Nichts gegen Masturbation, es ist wenigstens Sex mit jemandem, den ich mag" –, also diese einzige Möglichkeit, das Leben zu ertragen, besteht ja dann für ihn wirklich darin, die Schrecklichkeit des Lebens durch den Witz ins Extrem zu treiben, durch diese Flucht nach vorn. Und ich glaube, dieser, ja, von einer zutiefst auch jüdischen Humortradition geprägte Witz, der ist ja für ihn eigentlich so eine Art Überlebensstrategie.

Woody Allen: "Ja, das Leben besteht aus Strategien, die uns helfen sollen, mit dem Leben klarzukommen. Das Leben ist ein sehr, sehr kompliziertes, schwieriges Unterfangen, und wir entwickeln unsere kleinen Strategien dafür. Die meisten Menschen kommen mit dem Leben besser klar, wenn sie sich mit einem anderen Menschen zusammentun. Das gilt nicht für jeden, manche kommen besser alleine zurecht. Aber jeder versucht auf seine Weise, sich von der Schwierigkeit des Lebens abzulenken, der eine durch die Kunst, der andere durch Orgasmen, ein anderer durch die Politik, der nächste durch die Psychoanalyse. Aber alle versuchen, sich von dieser schrecklichen Wirklichkeit abzulenken, die uns alle so sehr erschreckt."

Führer: Das Leben als Ablenkung von der schrecklichen Wirklichkeit – Katja Nicodemus, wie kommt es eigentlich, dass jemand mit diesem Weltbild immer wieder Filme über Paare und über die Liebe dreht?

Nicodemus: Na ja, er ist ja wirklich ein leidenschaftlicher Liebesforscher und Glückssucher auch, und man muss sagen, sein erstes Meisterwerk, "Annie Hall", ja, "Der Stadtneurotiker" 1977, war ja prompt ein Film, der untersucht das Scheitern einer Beziehung, damals er und Diane Keaton, auch im wirklichen Leben ein Liebespaar. Und auch sein jüngster Film "Ich sehe den Mann deiner Träume"ist ja wieder ein Sittengemälde der Liebe, also ein Panorama von Beziehungsgeflechten im modernen London von heute.

Und letztlich stellt Allen eigentlich immer wieder die gleichen großen Fragen: Was bringt die Menschen zusammen, was treibt sie auseinander? Warum verlieben wir uns in den einen, nicht in den anderen? Wie entstehen Gefühle und warum verflüchtigen sie sich plötzlich? Das treibt ihn um, auch als Privatmensch. Aber letztlich ist natürlich auch die Liebe auch in seinem Universum wiederum nur so ein Punkt, eine Flucht vor dem großen Schrecken und vor dem großen Nichts.

Woody Allen: "Ja, denn eine sehr angenehme Strategie, der Wirklichkeit des Lebens zu entkommen, besteht darin, sich mit dem anderen Geschlecht einzulassen. Ablenkung durch physische Lust, durch Obsession funktioniert immer noch am besten. Ruft er mich an oder ruft er mich nicht an? Habe ich gestern Nacht auf der Party was Falsches zu ihm gesagt? Unsere Aufmerksamkeit wird von Banalitäten gefesselt. Gehe ich mit ihm aus, gehe ich mit ihm ins Bett oder nicht? Heute Abend ist es noch zu früh, lieber nächstes Mal. War es gut im Bett? Ja. Soll ich ihn heiraten? Ja. Sollen wir lieber eins oder zwei Kinder haben? Wollen wir lieber in der Stadt oder auf dem Land leben? So beschäftigen wir uns mit unseren kleinen Sorgen und nicht mit den echten Leiden."

Führer: Sagt Woody Allen, der heute 75 Jahre alt wird. Katja Nicodemus, man glaubt es ja irgendwie nicht wirklich, dass er 75 wird, obwohl er nun schon so viele Filme gemacht hat. Was glauben Sie, wird er diesen Geburtstag feiern? Ich kann mir das schwer vorstellen, Woody Allen vor 75 Kerzen im Kreis seiner Familie, happy birthday!

Nicodemus: Das kann man sich nicht so wirklich vorstellen, ich meine, er hat ja immer gesagt, wir werden geboren, um ausgelöscht zu werden, und jemand, der so was sagt, der wird sich jetzt wahrscheinlich nicht vor eine Torte mit 75 Kerzen setzen. Aber das Lustige an ihm ist ja trotzdem wieder typisch und bezeichnend, dass er auch seinen Hass auf Geburtstage so obsessiv formulieren kann, dass es schon wieder komisch ist.

Allen: "Alle haben mich umgehauen. An meinem 30. Geburtstag war ich traumatisiert, und an meinem 40. auch, und am 50. ebenfalls. Jeder einzelne dieser Geburtstage ruft bei mir tiefe Ängste hervor. Ich verfalle in Depressionen, fühle mich am Boden zerstört. Ich mag keinen dieser runden Geburtstage. Und die kleinen gemeinen, die dazwischen liegen, auch nicht."

Nicodemus: Ich meine, wir freuen uns natürlich, dass er 75 wird und man hofft, dass er auch noch 75 Filme schafft, ich glaube, es sind jetzt so um die 60.

Führer: Also, so sehr er da auch grantelt und so gerne man ihm dabei zuhört, trotzdem die Frage: Was gibt ihm eigentlich die Kraft? Also er muss ja auch Freude empfinden, die es auch braucht, um uns im Kino dann wiederum so zu beglücken. Was glauben Sie, was Woody Allen antreibt?

Nicodemus: Ich glaube, die Kehrseite dieses Lebenshasses ist dann wieder eine ganz große Lebensliebe, die er natürlich nicht so zugibt, aber die in den Filmen steckt, also das Wissen um die Kostbarkeit des Moments, das ist ja in ganz vielen seiner Filme, die Schönheit der Kunst, der Liebe, der Zärtlichkeit. Und das ist ja eine Haltung, die diese Filme durchdringt.

Und es gibt da für mich so eine Szene, in der das ganz wunderbar zum Tragen kommt, nämlich in "Stardust Memories" von 1980, das ist ja ein Film, der ist an Fellinis "8 1/2" angelehnt, Woody Allen spielt auch einen Regisseur in der Krise, wie damals Fellini, und in einer Szene, da betrachtet er seine Freundin, gespielt von Charlotte Rampling, in einem ganz versonnenen Moment: Sie blättert in einer Zeitung, das Licht fällt durchs Fenster und auf dem Plattenspieler läuft ein Lied von Louis Armstrong. Und Woody Allen als Regisseur versinkt in der Schönheit dieser Frau, wir versinken mit ihm in der Schönheit des Moments, und die Kostbarkeit und die Schönheit des Lebens wird so gefeiert in diesem Augenblick. Und ich glaube, darum geht es eben auch in seinen Filmen, und letztlich sind ja auch diese Filme für uns so was, was das Leben wieder kostbar macht.

Allen: "Wenn man an das Leben zurückdenkt, dann sind solche perfekten Momente oft ganz banal. Trotzdem sind sie wunderschön. Manchmal gehe ich einfach aus dem Haus und denke plötzlich an einen Augenblick, der 10, 20 oder sogar 50 Jahre zurückliegt, etwa an einen Tag, an dem ich ins Kino gehen wollte, und plötzlich die ersten Schneeflocken des Winters über New York schwebten, oder an den Moment, als ich das erste Mal ein Theater betrat, oder an den Tag, an dem ich mir meinen Pullover gekauft habe. Es sind ganz banale Gedanken."

Führer: Woody Allen, heute wird er 75 Jahre alt. Katja Nicodemus war im "Radiofeuilleton" und hat uns den großen Filmneurotiker noch mal vorgestellt.
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