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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.04.2010

Wissenschaftsgeschichte zum Anfassen

Philipp Felsch: "Wie August Petermann den Nordpol erfand", Luchterhand Literaturverlag, München 2010, 272 Seiten

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Um 1850/60 war der Nordpol eine Sphäre der Spekulation. (Deutschlandradio - Susanne von Schenck)
Um 1850/60 war der Nordpol eine Sphäre der Spekulation. (Deutschlandradio - Susanne von Schenck)

Der Wissenschaftshistoriker Philipp Felsch entzaubert August Petermann, den mit Denkmälern geehrten Patriarchen der deutschen Kartographie, als Hochstapler und Kartenfälscher.

"Erbittert verfluchten wir Petermann und all seine Werke, die uns in die Irre geführt haben." (Logbuch von Kapitän De Long, bevor er 1878 aufgrund einer falschen Karte von Petermann in der Wildnis verhungerte)

August Petermann (1822 bis 1878): Eine Straße trägt seinen Namen, ein Fjord, eine Halbinsel und auch ein Mondkrater. "Wikipedia" nennt ihn einen "der bekanntesten Geographen und Kartographen des 19. Jahrhunderts"; er avancierte zu Lebzeiten zum wichtigsten Herausgeber von Landkarten in Deutschland.

Außerhalb der Geographie ist der Name Petermann unbekannt. Diese Lücke zu schließen, hat sich jetzt der 1972 in Göttingen geborene Wissenschaftshistoriker Philipp Felsch zur Aufgabe gemacht. Philipp Felsch ist Dozent für die Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts – für die Zeit der "Söhne Humboldts" – an der Technischen Hochschule Zürich. Für Aufsehen sorgte 2007 Felschs erstes Buch "Laborlandschaften", nun sein neues: "Wie August Petermann den Nordpol erfand".

Schon der Titel verspricht ein kurioses wie spannendes Buch, und er hält sein Versprechen. Felsch inszeniert das 19. Jahrhundert und dessen Wissenschaftsgeschichte in Cinemascope-Breitwand: die Goldgräberstimmung der Wissenschaftler bei der Vermessung der Welt. Die Elektrizität wird entdeckt, das Dynamit, Darwins Abstammungslehre, kurz: die goldene Zeit neuer Wissenschaften, aber auch die goldene Zeit für Fantasten und Möchtegern-Wissenschaftler.

Um 1850/60 war der Nordpol eine Sphäre der Spekulation. Dort versperrte Eis den Weg. Einige wenige aber vermuteten, dass sich hinter der Eisbarriere aufgrund des Golfstroms ein eisfreier, milder Nordpol verbergen könne. Diese These vertrat auch August Petermann.

Er war nicht der einzige, aber der mit Abstand prominenteste und vehementeste, der, ob bei Bismarck oder beim österreichischen Kaiser Franz Joseph, in ganz Europa dafür warb, Expeditionen Richtung Nordpol zu schicken. Die fertigen, wenn auch frei erfundenen Karten, lieferte der gelernte Kartenzeichner Petermann gleich mit.

Felsch entzaubert Petermann, den mit Denkmälern geehrten Patriarchen der deutschen Kartographie, als Hochstapler und Kartenfälscher. "Erbittert verfluchten wir Petermann und all seine Werke, die uns in die Irre geführt haben": So der letzte Logbucheintrag von Kapitän De Long, bevor er 1878 aufgrund einer falschen Karte von Petermann in der Wildnis verhungerte.

Hut ab vor Philipp Felschs gigantischer Recherche-Leistung und seiner Fähigkeit, komplizierte Zusammenhänge leicht konsumierbar und spannend zu machen. Er schreibt so elegant wie prägnant: "Petermann ... die Spinne im Netz der deutschen Geographie", "Karl May, der demiurgische Enkel der deutschen Erdkunde", Preußen 1865 ein "Tigerstaat".

Felschs Stil erinnert an die Biografien des Schweizer Romanciers Alex Capus, die, wenn sie auch wahre Begebenheiten realistisch erzählen, dem Genre Literatur zugerechnet werden. "Wie August Petermann den Nordpol erfand" vermittelt ein luzides Bild der Verfassung der Wissenschaft im 19. Jahrhundert: Wissenschaftsgeschichte zum Anfassen, spannend, komisch, lehrreich und wunderbar zu lesen.

Besprochen Lutz Bunk

Philipp Felsch: Wie August Petermann den Nordpol erfand
Luchterhand Literaturverlag, München 2010
272 Seiten, 12,00 Euro

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