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Interview / Archiv | Beitrag vom 20.01.2015

WissenschaftlerZeitverträge lebenslang?

Andreas Keller (GEW) im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Eine Studentin sucht am 07.11.2012 ein Buch in der Bibliothek der Universität Hildesheim. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Prekäres Arbeitsfeld Universität: kaum noch unbefristete Verträge für den Mittelbau (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Bis zu 90 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter an Universitäten hätten nur befristete Verträge, sagt der stellvertretende GEW-Chef Andreas Keller. Um diese prekären Verhältnisse zu ändern, müsse Bundesbildungsministerin Wanka die Vergabe von Geldern an bestimmte Auflagen knüpfen.

Seit langem kritisiert die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) prekäre Beschäftigungsverhältnisse an deutschen Hochschulen. So hätten 90 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen lediglich Zeitverträge, mehr als die Hälfte davon mit einer Laufzeit von weniger als einem Jahr, sagt der Vizevorsitzende der GEW, Andreas Keller.

Entsprechend begrüßt er die Ankündigung von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU), das Wissenschaftszeitvertragsgesetz zu ändern. Dafür habe die GEW konkrete Vorschläge vorgelegt, unter anderem eine Mindestvertragslaufzeit für befristet Beschäftigte. So sollten Doktorandenstellen wenigstens so lange Laufzeiten haben, dass die Betreffenden ihr Ziel erreichen könnten "und nicht mit einer halb fertigen Doktorarbeit auf der Straße sitzen", so der stellvertretende GEW-Vorsitzende. Auch sollten die  Hochschulen bei Drittmittelprojekten verpflichtet sein, "die Laufzeiten der Verträge so lange zu gestalten, dass das Drittmittelprojekt auch abgeschlossen werden kann und nicht alle ein, zwei Jahre die Leute ausgewechselt werden". 


 

Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Wer wissenschaftlicher Mitarbeiter oder Mitarbeiterin an einer deutschen Universität ist, der ist überwiegend, ja fast zu 90 Prozent nur befristet angestellt, und das quasi bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Denn die Chance, die es früher gab, dass aus so einer Befristung irgendwann mal eine feste Stelle wird, die wird nicht besser, sondern schlechter. Wie Forscherinnen da konzentriert arbeiten sollen, gar eine Familie gründen oder ernähren, das ist fraglich.

Deshalb fordert die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft für Daueraufgaben Dauerstellen zu schaffen. So steht es in einem Gesetzentwurf der GEW, also müsste das Wissenschaftszeitvertragsgesetz – schöner Titel, nicht? – angepasst werden. Nun hat die Bundesbildungsministerin Wanka auf diese Forderungen geantwortet. Und ob nun alles besser wird an den deutschen Universitäten, das wollen wir mit Andreas Keller besprechen. Er ist Vizevorsitzender der GEW. Schönen guten Morgen!

Andreas Keller: Schönen guten Morgen!

"Karrierewege an Hochschulen berechenbarer machen"

von Billerbeck: Die Ministerin, die Bundesbildungsministerin hat also verstanden – wird also alles gut?

Keller: Na, das wird man sehen. Zunächst mal ist es sehr erfreulich, dass die Ministerin den Handlungsbedarf erkannt hat, den die GEW seit vielen Jahren deutlich macht. Denn Sie haben ja gerade, Frau von Billerbeck, eine Zahl schon genannt: 90 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Universitäten haben einen Zeitvertrag. Und damit nicht genug: Über die Hälfte dieser Zeitverträge hat eine Laufzeit von unter einem Jahr. Das sind also Zahlen, amtliche Zahlen, die im Auftrag des Bundesbildungsministeriums erhoben worden sind. Und von daher müssen wir ganz dringend handeln und Karrierewege an Hochschulen berechenbarer machen und die Beschäftigung an den Hochschulen stabilisieren.

von Billerbeck: Nun ist das ja alles nichts Neues, diese befristeten Verträge. Und Sie haben es ja eben geschildert, manchmal also wirklich über ganz kurze Zeit befristete Verträge der wissenschaftlichen Mitarbeiter im akademischen Mittelbau an den Unis. Und man fragt sich, wieso das an den Unis so kompliziert ist, was in der Wirtschaft schlicht illegal wäre, dass also so viele, um die 90 Prozent der Mitarbeiter nur befristet beschäftigt sind. Die könnten sich ja einklagen. Warum ist das an der Uni möglich, und warum ist das nicht längst geändert?

Mehr Projektmittel, weniger Grundfinanzierung

Keller: Es gibt natürlich zum einen finanziellen, politischen Hintergrund. Wir beobachten, dass die Grundhaushalte der Hochschulen stagnieren, teilweise sogar gekürzt werden. Aber auf der anderen Seite geizen Bund und Länder nicht, wenn es darum geht, immer neue Projektgelder, etwa über die Exzellenzinitiative oder die Drittmittelforschung an die Hochschulen zu geben. Und diese Gelder, die werden für ein paar Jahre bewilligt, und dann fallen sie wieder weg.

Die Hochschulen, die machen es sich dann leicht, indem sie dieses Unsicherheit zu hundert Prozent an ihre Beschäftigten weitergeben. Und das können sie nur deswegen, weil es das Wissenschaftszeitvertragsgesetz gibt, ein Sonderarbeitsrecht, das an Hochschulen und Forschungseinrichtungen gilt, sonst nirgendwo. Und das ermöglicht den Hochschulen in sehr großem  Umfang, immer wieder neue Zeitverträge, Kettenarbeitsverträge zu begründen und dabei nicht einmal irgendwelche Mindeststandards einzuhalten.

von Billerbeck: Wie kann man das denn nun ändern? Sie sagen, es gibt – also letztlich, wenn ich Sie richtig verstanden habe, gibt es genug Geld, es wird nur in die berühmten Exzellenzcluster gegeben und nicht in die Dauerstellen, in das, was dauernd nötig ist an den Universitäten. Wie kann man denn nun eine Verschiebung dieser Gelder erwirken, ohne möglicherweise auch die Forschung zu beeinträchtigen, die ja auch in diesen Exzellenzclustern stattfindet?

Keller: Genug Geld gibt es auch nicht, wenn ich das vielleicht noch anmerken darf, weil die Hochschulen nicht mit dem Anstieg der Studierendenzahlen wirklich Schritt gehalten haben. Wir müssen also auch tatsächlich mehr Geld ins System geben. Aber in der Tat ist ein weiteres Problem, dass immer mehr Gelder flexibel, projektbezogen, befristet an die Hochschulen wandern.

Projektmittel des Bundes für die Hochschulen nur gegen Auflagen

Und hier ist der Bund gefragt, also Frau Wanka, über die wir schon sprachen. Sie könnte nun, nach der Lockerung des Kooperationsverbots, das Ende Dezember beschlossen worden ist, was also bisher Bund und Ländern ganz strikt untersagte, in der Bildungspolitik zusammenzuarbeiten, nun könnte sie dafür sorgen, dass die Hochschulen in der Fläche ausgebaut werden.

Und vor allem könnte sie dafür sorgen, dass sie den Hochschulen, wenn sie denn über Projekte ihnen Gelder gibt, dann auch bestimmte Auflagen macht. Dass sie nämlich sagt, wir möchten, dass ihr mit diesem Geld auch anständige Beschäftigungsbedingungen für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schafft, Mindestvertragslaufzeiten, Dauerstellen für Daueraufgaben, und damit eine Verantwortung dafür übernimmt, dass anständige Beschäftigungsbedingungen gelten. Denn das ist ja nicht nur wichtig für die betroffenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sondern auch für die Kontinuität und Qualität von Forschung und Lehre.

von Billerbeck: Eigentlich müssten Sie doch bei einer Frau wie Johanna Wanka, die ja aus dem Universitätsbereich kommt, da offene Türen einrennen. Nun sagen Sie aber, die Ministerin könnte dafür sorgen. Wird sie denn?

Keller: Ich bin etwas skeptisch. Und Sie haben natürlich recht – es ist schon verwunderlich, dass gerade eine Professorin, die die Nöte der Wissenschaft kennt, hier nicht schon früher gehandelt hat. Auf der anderen Seite will ich erst mal anerkennen, dass sie sich jetzt offensichtlich bewegt hat, drei Tage, nachdem wir als GEW am Freitag auf einem großen Kongress unsere Reformvorschläge vorgestellt haben. Und von daher setzen wir jetzt erst mal darauf, dass sie zumindest, das hat sie angekündigt, das Wissenschaftszeitvertragsgesetz ändert.

Mit einer halbfertigen Doktorarbeit auf der Straße

Dafür hat die GEW ganz konkrete Vorschläge vorgelegt, die etwa beinhalten, dass man für befristet Beschäftigte Mindestvertragslaufzeiten einhält, dass also zum Beispiel, wenn eine Doktorandin oder ein Doktorand eingestellt wird, dann der Vertrag wenigstens so lange läuft, dass diejenigen dann ihr Ziel erreichen können und nicht mit einer halb fertigen Doktorarbeit auf der Straße sitzen. Damit ist ja auch niemandem geholfen.

Oder, wenn es eben Drittmittel gibt, die von Bund und Ländern häufig kommen, dass dann die Hochschulen verpflichtet sind, die Laufzeiten der Verträge so lange zu gestalten, dass  das Drittmittelprojekt auch abgeschlossen werden kann und nicht alle ein, zwei Jahre die Leute ausgewechselt werden.

von Billerbeck: Nun weiß ich von Freunden, die an Universitäten arbeiten, dass das eben ein Thema ist, das sie schon seit langem beschäftigt. Woher nehmen Sie die Hoffnung, dass es jetzt klappen wird und dass Sie diese Forderung, Dauerstellen für Dauerarbeit et cetera umsetzen können.

Keller: Also wir haben ja als GEW seit fünf Jahren die Kampagne"Für den Traumjob Wissenschaft" unter dem Stichwort Templiner Manifest laufen. Und am Anfang wurden wir häufig noch belächelt und viele Politiker haben die Probleme geleugnet. Das hat sich schon grundlegend gewandelt. Dass Frau Wanka nun die Probleme anerkennt, ist ein Zeichen dafür. Wir haben auch einige Bundesländer, die Maßnahmen ergriffen haben. Und sogar die Hochschulen selber, die haben versprochen, dass sie sich selbst Leitlinien und Standards geben.

Viele Wissenschaftler arbeiten lieber im Ausland oder in der Industrie

Das heißt, die öffentliche Meinung, die hat sich gedreht. Und das liegt natürlich daran, dass die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst auch aufgewacht sind. Die merken einfach, sie machen eine gute Arbeit, sie haben auch Spaß daran, aber das möchten sie nicht länger zu Bedingungen machen, wo man anderswo keine qualifizierten Beschäftigten finden würde. Und auch im Hochschulbereich gibt es ja das Problem, dass viele qualifizierte Leute die besseren Perspektiven im Ausland oder in der Industrie dann einer unsicheren Hochschulkarriere vorziehen. Und dieser Druck ist es, der dazu führen wird – da bin ich wirklich sehr zuversichtlich –, dass wir die Verhältnisse gemeinsam mit den Beschäftigten an den Hochschulen ändern können.

von Billerbeck: Dauerstellen für Daueraufgaben, auch an den Universitäten. Forderungen der GEW, die in ein Gesetz einfließen und die Verhältnisse ändern sollen. Danke an Andreas Keller, den stellvertretenden Vorsitzenden der Gewerkschaft!

Keller: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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