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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.04.2020

Wissenschaft und Politik"Zweifeln gehört zum Kerngeschäft der Wissenschaft"

Christian Kehrt im Gespräch mit Eckhard Roelcke

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Ein Eisbär sitzt auf einer kleinen Eisscholle (picture alliance / dpa / Hinrich Bäsemann)
Ist der Klimawandel menschengemacht oder nicht? Hier divergieren die Ansichten von Politik und Wissenschaft erheblich. (picture alliance / dpa / Hinrich Bäsemann)

Hinterfragen, revidieren, neu justieren - in der Wissenschaft geht es nicht ohne den Zweifel. Problematisch wird es, wenn er instrumentalisiert wird, wie bei der Leugnung des menschengemachten Klimawandels, sagt der Historiker Christian Kehrt.

Was ist richtig, was ist falsch? Diese beiden elementaren Fragen stellen wir uns alle jeden Tag - in allen möglichen Lebenslagen. Und oft gibt es keine klare Antwort. Wir müssen abwägen, wir müssen gewichten, und wir müssen vor allem auch ergebnisoffen an solche Fragen herangehen. Was bedeutet das in unserer heutigen Situation, da so viele Selbstverständlichkeiten plötzlich infrage stehen und wir Antworten erwarten, aber Zweifel bekommen?

"Das Zweifeln gehört mit zum Kerngeschäft der Wissenschaft", erklärt Christian Kehrt. Er ist Professor für Wissenschafts- und Technikgeschichte am Historischen Seminar der Technischen Universität in Braunschweig.

Hinterfragen, entdecken, neu justieren

"Zweifeln ist quasi der Eintritt in die Wissenschaft, also das, was vorher selbstverständlich oder gar nicht als problematisch erschien im Alltag, das Alltägliche wird hinterfragt und neu entdeckt, neu diskutiert, neu justiert, indem man wissenschaftlich geleitete Fragen stellt."

Hier unterscheidet sich die Wissenschaft stark von der Politik. Wissenschaftler benötigten vor allem Zeit für ihre Forschung und träten mit ihrer wissenschaftlichen Community in einen offenen Dialog, um ihre Hypothesen zu überprüfen, erklärt Kehrt. Doch in der Wissensgesellschaft, in der wir nun lebten, bedürften Politiker, um eben auch in diesem Alltag zu handeln, wissenschaftlicher Kenntnisse oder Beratung, um eben auch den Anforderungen dieser Wissensgesellschaft begegnen zu können.

Ist der Klimawandel menschengemacht?

"All das, was im Moment über Corona diskutiert wird, ist interessant. Es sind Wissenschaftler, die eigentlich im Feld der Politik und im Feld der Medien agieren und nicht in ihrem eigenen Feld, der Wissenschaft sozusagen. Und da wird es jetzt gefährlich, wenn wissenschaftliche Wahrheiten quasi angezweifelt werden durch pseudowissenschaftliche Argumente. Das gefährdet im Grunde auch Wissenschaft."

Bestes Beispiel für so eine Gefährdung der Wissenschaft ist die Skepsis am Klimawandel: Ist dieser nun menschengemacht oder nicht? Hier ist sich die Wissenschafts-Community weitgehend einig. Und die, von denen die Zweifel am menschengemachten Klimawandel kämen, seien Wissenschaftler, "die zwar ein hohes Renommée hatten in anderen Feldern der Wisssenschaft, aber nicht auf dem Gebiet der Klimawissenschaften." Das heißt, sie verfolgen bestimmte Interessen, erläutert Kehrt. Damit schaden sie der Wissenschaft.

(ckr)

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