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Interview | Beitrag vom 03.06.2020

Wirtschaftspsychologe zur Deutschen Bahn"Die Mehrheit möchte nicht geduzt werden"

Uwe Kanning im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Ein Schaffner beobachtet die Abfahrt einer Regionalbahn auf dem Nürnberger Hauptbahnhof. (Picture Alliance / Geisler-Fotopress / Christoph Hardt)
Ab sofort duzt die Deutsche Bahn ihre Kunden auf Twitter - doch nicht alle freuen sich über diese Anrede. (Picture Alliance / Geisler-Fotopress / Christoph Hardt)

Die Bahnkunden werden auf Twitter nun freundlich geduzt. Damit wolle sich das Unternehmen ein modernes Image geben, meint der Wirtschaftspsychologe Uwe Kanning. Doch im Alltag berge das für beide Seiten Probleme.

Die Deutsche Bahn duzt ab sofort ihre Fahrgäste – zumindest ihre mehr als 110.000 Follower im Kurznachrichtendienst Twitter. Zunächst gilt das Ganze für eine dreimonatige Testphase.

Solche Veränderungen im Umgang mit Kunden seien für Unternehmen eine Imagefrage, sagt Uwe Kanning von der Universität Osnabrück. Allerdings verändere man damit nicht die Realitäten, so der Wirtschaftspsychologe.

"Wenn ich weiter einen Servicemitarbeiter habe, der nicht verständig ist, der nicht gut kommunizieren kann, der die Kunden eher als nervig betrachtet, der wird das genauso weiterhin tun, auch wenn ich ihn jetzt dazu verdonnere, dass er die Kunden duzen muss."

Mehrheit möchte gesiezt werden

Kanning finde das Duzen von Erwachsenen problematisch: "In unseren Studien sehen wir, dass die Mehrheit nicht geduzt werden möchte." Diese Kunden stoße man mit dem Du vor den Kopf.

Für Bahnmitarbeiter könne das Duzen von Kunden ebenfalls unangenehm sein, meint der Wirtschaftspsychologe. "Auch als Schaffner möchten Sie ernst genommen werden."

Es gebe in Studien "eine ganz kleine Tendenz", dass jüngere Menschen das Duzen etwas besser finden als ältere Menschen. Allerdings würden auch Auszubildende lieber gesiezt.

Einer duzt, der andere nicht?

Von Studierenden, die in Stellenanzeigen geduzt wurden, habe er wiederum gehört, dass man diesen Vorwürfe machte, wenn sie in ihren Bewerbungsanschreiben ebenfalls duzten.

Grundsätzlich sollten die Menschen selbst entscheiden, wie sie miteinander sprechen, sagt Kanning. "Zukunftsgewandt wäre es, wenn man den Menschen das selbst überlassen würde, ob sie duzen oder siezen." Er glaube nicht an einen Siegeszug des Duzens.

(huc)

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