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Interview / Archiv | Beitrag vom 18.10.2018

Wirtschaftsethiker zu Handel und MoralDie deutsche Wirtschaft ist zu vorsichtig

Christoph Lütge im Gespräch mit Nicole Dittmer

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Jamal Khashoggi im Jahr 2014, damals Generalmanager eines neuen arabischen Nachrichtenkanals, spricht auf einer Pressekonferenz on Manama, Bahrain, Monday, Dec. 15, 2014.  (Hasan Jamali / AP / dpa / picture alliance)
Verschwundener Journalist Jamal Khashoggi (Hasan Jamali / AP / dpa / picture alliance)

Angesichts des Falls Khashoggi stellt sich einmal mehr die Frage, ob und wie Handelsbeziehungen und moralisches Handeln zusammengehen. Der Wirtschaftethiker Christoph Lütge plädiert dafür, den Trend als Maßstab zu nehmen – und Kritik ruhig zu äußern.

Die internationale Aufregung im Fall des verschwundenen Journalisten Jamal Kashoggi ist groß, und es ist längst kein Fall mehr, der nur die türkischen Behörden angeht. Vor allem die Rolle des saudischen Kronprinzen Mohammed Bin Salman interessiert inzwischen auch die internationale Wirtschaft, ist er es doch, der ausländische Investitionen nach Saudi-Arabien locken will.

Was, wenn er mit der Ermordung von Jamal Kashoggi, auf die sehr viele Zeichen hindeuten, zu tun hatte? Die Liste der Absagen der Vertreter, die für kommende Woche zu einer Wirtschaftskonferenz in Riad eingeladen waren, wird jedenfalls immer länger. Aus Frankreich, Großbritannien und der Schweiz kamen viele Absagen. Deutsche Wirtschaftsvertreter hingegen halten bisher an ihrer Teilnahme fest, darunter Siemens-Chef Joe Kaeser. Kann man das noch moralisch vertreten?

"Ich würde doch lieber absagen"

Darüber haben wir mit dem Wirtschaftsethiker Christoph Lütge gesprochen, den Inhaber des Peter-Löscher-Stiftungslehrstuhl für Wirtschaftsethik und Global Governance an der Technischen Universität München. 

Lütge sagte auf die Frage, ob er hinfahren würde, wenn er denn eingeladen wäre: "In diesem Punkt würde ich doch lieber absagen. Der Fall ist dazu zu frisch und die Details sind dafür zu erschreckend. Unabhängig von einer möglichen anderen generellen Bewertung aus der Distanz, würde ich in dieser Situation doch sagen: 'Hier sollten wir ein Zeichen setzen.'"

Lütge findet, die Frage sei generell nicht so leicht zu beantworten, ob man mit einem Mann wie Mohammed bin Salman noch Geschäfte machen solle. Es gebe eben leider viele autoritär regierte Staaten Regierungen in der Welt, in denen schreckliche Dinge vorkommen – und mit denen würden immer noch Geschäfte gemacht. Lütge sagt: "Aus meiner Sicht ist es wichtig zu sehen: Gibt es grundsätzlich in diesem Land eine positive Tendenz? Gibt es Verbesserungen?" 

In Saudi-Arabien scheine es so zu sein, dass manches besser werde, etwa was die Rechte von Frauen angehe, sagt Lütge. Auch gebe es Schritte weg von der absolutistischen Monarchie, auch wenn das schneller gehen sollte. "Das müsste man abwägen mit den erschreckenden Details dieses Einzelfalls. Das zu tun ist nicht ganz leicht."

Handelsbeziehungen und Kritik

Generell könnten Handelsbeziehungen in zwei verschiedene Richtungen wirken. "Es kann so sein, dass Handelsbeziehungen langfristig die Menschenrechtssituation verbessern", sagt Lütge. So argumentiert auch die deutsche Industrie. Es müsse aber nicht so wirken. "Wir haben auch andere Fälle, wo das Aufrechterhalten bestimmter Beziehungen, bestimmter Geschäfte, ein Regime auch gerade stabilisiert."

Lütge plädiert dafür, durchaus Zeichen zu setzen und Kritik zu äußern: "Gerade aus Sicht der deutschen Wirtschaft ist man da zu vorsichtig." Man solle nicht so tun, als ob bei Kritik immer gleich alle Wirtschaftsbeziehungen abgebrochen würden. "Ich glaube, da macht es sich mancher Industrievertreter zu einfach – zu sagen, 'wir dürfen überhaupt nichts Kritisches äußern'. Ich glaube, da ist man zu vorsichtig."

Der britische Unternehmer Richard Branson etwa äußere Kritik. "Und dann geht auch mal ein Geschäft verloren, das ist richtig. Aber auf die Dauer, glaube ich, nützt das einem Gesamt-Image, das man sich aufbaut."

Lütge argumentiert denn auch vehement dafür, dass erfolgreiches Wirtschaften und moralisches Handel zusammen gehen. Jedenfalls stimme das Gegenteil nicht, das zeigten ja auch die Affären und die Skandale der jüngsten Zeit: "Ohne ein integres Wirtschaften auf die Dauer kann man auch kein nachhaltiges Geschäft betreiben. Diese Sachen kommen raus und schlagen sich negativ nieder – im Geschäft des Unternehmens oder in Reputationsschäden."

(mf)

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