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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 22.05.2014

WirtschaftWas macht eigentlich die Hanse?

Die Zukunft des einst mächtigen Handelsbundes

Von Dietrich Mohaupt

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Darsteller des "Hansevolk zu Lübeck" zeigen am 27.04.2014 in Lübeck (Schleswig-Holstein) ihre Fahne. (dpa / picture alliance / Carsten Rehder)
Auferstanden aus der Geschichte: Darsteller des "Hansevolk zu Lübeck" (dpa / picture alliance / Carsten Rehder)

Die Hanse gilt als eines der bedeutendsten Handelsbündnisse in der Geschichte Europas - bis zu ihrem Niedergang im 17. Jahrhundert. Jetzt aber feiert die Kaufmannsvereinigung ein überraschendes Comeback.

"Klar bei Fock. Lasst fallen Fock!"

Segel setzen auf der "Lisa von Lübeck" - der originalgetreue Nachbau eines stolzen Hanseschiffs aus dem 15. Jahrhundert repräsentiert heute wie kaum ein anderes Symbol die Macht und den Reichtum der Hanse im Mittelalter. Ein florierender Seehandel in Nordeuropa - das war sicher ein entscheidender Faktor, aber nicht der Ausgangspunkt für diese Erfolgsgeschichte. Die Wurzeln der Hanse liegen eben nicht an den Küsten von Nord- und Ostsee, betont Rolf Hammel-Kiesow vom Stadtarchiv Lübeck:

"Die ersten lagen zweifellos im Binnenland – nämlich in Westfalen und am Niederrhein. Die Kaufleute aus dieser Region zwischen Elbe und Rhein suchten ihre wertvollen Handelswaren im Ostseeraum zu bekommen. Die bekamen sie ursprünglich nur im dänischen Schleswig, im slawischen Alt-Lübeck oder wo auch immer, wo sie Gäste waren, also eine schlechte Rechtsstellung hatten."

Das änderte sich mit der Gründung Lübecks 1143 – ein Datum, das zwar nicht als Gründungsdatum der Hanse gelten kann, das aber ihre weitere Entwicklung entscheidend geprägt hat.

"Lübeck war die erste deutschrechtliche Stadt an der Ostseeküste, und seit der Gründung dieser Stadt konnten die niederdeutschen Kaufleute damals ihren Handel treiben, wann immer sie wollten. Sie waren also nicht mehr abhängig von der Gunst der Herrscher oder der Kaufleute der Siedlungen, wo sie vorher nur Gast waren. Damit ist eben die Bedeutung Lübecks als eine der Keimzellen festgelegt."

Als zweite Keimzelle der Hanse gilt Visby auf der schwedischen Insel Gotland – im späten 11. und im 12. Jahrhundert war die Stadt das Zentrum des gesamten Ostseehandels und auch erster Anlaufpunkt für deutsche Kaufleute. Von Visby aus ging es dann auch immer weiter nach Osten bis nach Nowgorod, erläutert Rolf Hammel-Kiesow:

"Nowgorod ist dann die nächste Keimzelle, weil wir dort zum ersten Mal definitiv nachweisen können, dass sich die Kaufleute aus unterschiedlichen niederdeutschen Städten zu einer Einung zusammenschlossen, indem sie einen gemeinsamen Ältermann wählten. Und das ist im Grunde genommen die zentrale Innovation der Hanse gewesen, die sie bis zu ihrem Ende im 17. Jahrhundert beibehielt – nämlich ein Zusammenschluss von rechtlich gleichgestellten Mitgliedern."

Zusammenschluss von gleichgestellten Mitgliedern

Als weitere zentrale Umschlagsplätze, oder Kontore, folgten Bergen, London, und Brügge – dazu unterhielt die Hanse von Russland bis nach Portugal über halb Europa verteilt noch zahlreiche kleinere Niederlassungen, die sogenannten Faktoreien. Und überall, wo der Handel blühte, da wuchsen auch das Selbstbewusstsein und die Macht der Städte.

"Dort entwickelte sich praktisch die Geldwirtschaft zu einer nie gekannten Größe im damaligen Europa. Das heißt: Die Fürsten waren im Grunde genommen abhängig von den Städten und bekamen von denen Kredit über Kredit - was sich die Städte wiederum in politischen Rechten verbriefen ließen."

In dieser Blütezeit im 13. Jahrhundert gehörten nahezu 200 See- und Binnenstädte der Hanse an – es war wohl ihre wirtschaftlich erfolgreichste Zeit, auch wenn dafür konkrete Zahlenbelege fehlen, meint Rolf Hammel-Kiesow. Aber es gibt andere Indizien für den Erfolg der Hanse:

"Im 13. Jahrhundert sind im mitteleuropäischen Raum ungefähr 3000 Städte gegründet worden – mehr als je zuvor, mehr als je hinterher. Die Wachstumsraten der Bevölkerung wurden erst wieder in der industriellen Revolution erreicht."

Mit dem Erfolg wuchs aber auch die Konkurrenz. Spätestens seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts versuchten die Hansestädte, eine festere Bündnisorganisation zur gegenseitigen Unterstützung zum Beispiel gegen adlige Herrschaftsansprüche zu schaffen. Außerdem drängten zunehmend englische, italienische und süddeutsche Kaufleute auf die Märkte. Holländische Frachtfahrer machten den Hanseschiffen überall Konkurrenz, und in den Zielländern des hansischen Handels begannen die Herrscher, die eigene Kaufmannschaft zu fördern – der Druck von außen auf die Hanse nahm ständig zu, die Städte begannen, näher zusammenzurücken und gründeten 1557 schließlich einen richtigen Städtebund.

"Das heißt, die bis dahin ganz lockere Organisation von niederdeutschen Städten und Kaufleuten gab sich einen Namen – 'de Stede van de dudeschen Hense' – um nach außen hin eben Gemeinsamkeit zu signalisieren und auch nach innen einen gewissen Druck zu erzeugen, was aber nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass alle Teilnahme an allen Unternehmungen der Hanse immer freiwillig war von den einzelnen Städten. Das heißt, das Bild was man früher von der Hanse hatte als hierarchisch geprägte Organisation mit Lübeck an der Spitze, das können wir absolut ad acta legen."

Von der Blütezeit im 13. Jahrhundert bis zum Niedergang

Die Entdeckung Amerikas und des direkten Seewegs nach Indien, der damit einhergehende Aufschwung des Überseehandels vor allem durch Spanien, Großbritannien und die Niederlande, dazu die wachsende Macht der Fürsten und die Entwicklung hin zu Territorialstaaten in Europa rüttelten in der Folgezeit immer heftiger an der Sonderstellung der Städte im Reich – der Niedergang der Hanse war nicht mehr zu stoppen.

"Die Hanse hat sich mächtig gewehrt, aber 1669 fand dann schon der letzte Hansetag statt, und dann haben im Grunde genommen Lübeck, Hamburg und Bremen so als Nachlassverwalter der Hanse noch die Kontorsgebäude, die sie in London und in Amsterdam ja noch hatten, noch weiter verwaltet, bis die im 19. Jahrhundert dann verkauft wurden. Und das definitive Ende der Hanse ist eigentlich erst 1920 eingetreten, als die gemeinsame Vertretung dieser drei Städte in Berlin aufgelöst wurde."

Heute lebt die Hanse wieder – nicht in ihrer historischen Form natürlich, aber als echter Städtebund "Die Hanse" mit offiziellen Organen wie Delegiertenversammlung und Präsidium. Diese "neue Hanse" wurde 1980 im niederländischen Zwolle gegründet, heute gehören ihr 182 Städte in 16 Ländern an. Ihr Präsident – Vormann genannt – ist traditionell der Bürgermeister von Lübeck, derzeit also Bernd Saxe. Ziel des Bündnisses ist es, den Geist der mittelalterlichen Hanse als Lebens- und Kulturgemeinschaft der Städte lebendig zu halten, erläutert er:

"Also – es ist Identität, es ist kulturelle Gemeinsamkeit, es ist auch ein gemeinsames Wertesystem von Weltoffenheit und Toleranz, das die Hanse über Jahrhunderte gelebt hat und das Hansestädte prägt. Und all dies wachzuhalten ist natürlich auch für das gesellschaftliche Leben in der einzelnen Stadt von großer Bedeutung."

Das hanseatische Selbstbewusstsein pflegen, Traditionen bewahren – dafür steht seit 1980 auch wieder der Hansetag, der einmal im Jahr an wechselnden Orten stattfindet. In diesem Jahr ist wieder einmal Lübeck als Königin der Hanse Gastgeberin. Der Hansetag soll so etwas wie eine Brücke sein zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart der Städte – und das tut er natürlich auch in Lübeck mit viel mittelalterlichem Markttreiben am Rathaus und dem mittelalterlichen Lager am Dom.

"Das Herzstück eines Hansetages ist der Hansemarkt, das heißt die Präsentation aller Städte, die teilnehmen – das sind voraussichtlich so 130 Städte. Die stellen sich dar mit ihren kulturellen Besonderheiten, mit ihren Spezialitäten, mit kulinarischen und flüssigen – und wenn ich als Vormann der Hanse dann die 130 Städte mindestens einmal alle besuche, dann muss ich hier ein Bier trinken und da ein Glas Wein und auch mal was Hochprozentiges – und dann gibt's hier eine Mettwurst und da ein Stück Schinken oder ein Stück Käse oder etwas gebackenes."

Lebendiges Mittelalter, Hanse zum anfassen und probieren – der Hansetag ist inzwischen auch zu einem Wirtschaftsfaktor geworden. Das bunte Treiben dient eben nicht nur der Besinnung auf Traditionen und Überlieferungen, betont Bernd Saxe.

"Das tun wir, um den Gedanken der Hanse wach zu halten, aber natürlich tun wir das – alle Hansestädte tun das – auch, weil es touristische Effekte gibt. Wir wissen heute, dass es Reiseveranstalter gibt, die haben sich spezialisiert auf Reisen durch Hansestädte, Rundreisen. Selbst Kreuzfahrten werden schon gemacht, um Hansestädte zu besuchen, und das ist für uns natürlich auch ein Wirtschaftsfaktor."

Die "neue Hanse": Identitätspflege und Wirtschaftskraft

Die Gäste sollen in Lübeck tatsächlich "Hanse pur" präsentiert bekommen – so authentisch und gleichzeitig unterhaltend wie möglich. Ein Baustein dieses Konzepts ist das "Hansevolk", ein Verein, der es sich seit gut zehn Jahren zur Aufgabe gemacht hat, das Leben der Lübecker Stadtbevölkerung im Mittelalter darzustellen. Klingt ein bisschen nach Disneyworld zum Thema "Hanse" – ist aber viel mehr, betont die Vereinsvorsitzende Gudrun Köhler.

"Als Hansevolk haben wir beim Hansetag jetzt das erste Mal die Möglichkeit, den Hansekaufmann darzustellen – und zwar in Geschichte einzutauchen und Geschichte zu erleben. Das hat wenig mit Disneyworld zu tun – es ist bei uns so, dass wir die Handelshäuser in Lübeck darstellen, die mit den Handelsniederlassungen im Ausland Handel getrieben haben und gearbeitet haben und ihr Geld verdient haben."

In großen Zelten sind diese Handelshäuser nachgebildet – da sitzt zum Beispiel der Kaufmann Severin Warendorp hinter seinem Tresen, um ihn herum sind Fässer und Ballen gestapelt mit Waren aus Handelsniederlassungen unter anderem in London und Nowgorod. Höflich und zuvorkommend kümmert er sich um eine Kundin – offenbar eine wohlhabende Bürgersfrau.

"Seid gegrüßt Herr Warendorp – Anna Lange, schön dass Ihr kommt. Ihr habt ja schon eine Bestellung aufgegeben und Ihr möchtet nun einen Hermelinpelz kaufen und einen Zinnbecher bei mir erwerben. Wir haben ja gesagt, dass Ihr für das Hermelinfell 36 Schillinge bezahlen müsst – ja, genau – und für den Zinnbecher werdet Ihr dann noch weitere acht Schillinge bezahlen müssen. Ja – leider, der Preis für Zinn aus England ist gestiegen – deshalb kann ich nicht günstiger werden."

Geld und Ware wechseln den Eigentümer – und Kaufmann Warendorp, dargestellt von Sören Gehrken, hat noch kurz Zeit für ein paar Erläuterungen zum Thema Zinn aus England. In seinem Warenlager hat er einen ganzen Stapel dünner Barren des Metalls liegen.

"Das sind Zinnbarren, die kommen aus England - also wir haben sie in London eingekauft und nach Lübeck gebracht. Sie kommen eigentlich aus Südengland, das war der Hauptplatz, wo Zinn hergebracht wurde. Und in dieser Form, in dieser Stangenform, wurde das Zinn gehandelt, um die Qualität zu prüfen. Denn wenn man Zinn biegt, dann hört man ein Knistern – wenn es reines Zinn ist. Wäre dieses Knistern nicht zu hören, wüsste ich, ich bin über den Tisch gezogen worden – da wäre Blei zum Beispiel drin."

In diesem Fall ist mit der Ware alles in Ordnung – das ist, deutlich hörbar, reines Zinn. Zu den typischen Handelswaren der historischen Hanse gehörten damals – neben Metallen – auch Pelze, Getreide und Gewürze, aber auch fertige Produkte wie Tuche, Waffen oder Holzbauprodukte. Dreh- und Angelpunkt für die Warenströme waren die Häfen - und auch heute ist der Lübecker Hafen immer noch die Schnittstelle für Handelsbeziehungen im gesamten Ostseeraum, meint Hafenkapitän Wolfram Kempin.

"Ich glaube schon, dass gerade heute auch Lübeck als Hansestadt eine der wichtigsten Rollen in der Ostsee spielt, größter deutscher Ostseehafen, und unsere heutigen Fährverbindungen sind ja sozusagen die … ja diejenigen, die die damaligen Handelsbeziehungen auch heute noch weiterführen. Also wir haben ja sehr enge Kontakte ins Baltikum, nach Russland, nach Finnland, nach Südschweden – und nach meinem Verständnis ist das die Fortsetzung der Hanse pur."

Und dem soll auch der Hansetag Rechnung tragen – mit einer maritimen Meile, die an die stolze Vergangenheit Lübecks als "Königin der Hanse" erinnern und gleichzeitig die zentrale Rolle des Hafens für das heutige Lübeck unterstreichen soll. Rund 40 Schiffe werden im Hafen zu Gast sein und am Traveufer für eine einzigartige Atmosphäre sorgen, verspricht Bürgermeister Bernd Saxe.

"Wir haben eine Menge historische Schiffe auch aus anderen Hansestädten – die treffen sich hier, da findet sogar eine nachgestellte Seeschlacht statt, da wollen wir zeigen, wie im Mittelalter mit den Schiffen auch kriegerische Auseinandersetzungen geführt wurden. Aber wir haben auch eine Menge von modernen Schiffen da, die zeigen, welche Rolle der Schiffbau heute spielt, wir haben Forschungsschiffe der Fraunhofer-Gesellschaft da, wir haben die 'Alexander von Humboldt 2' da und viele andere mehr – also, der Versuch ist schon, die Tradition und die Moderne miteinander zu verbinden und beides erlebbar zu machen."

Hansetag als Bühne für den Wissensaustausch

18 dieser Schiffe nehmen an einem ganz besonderen Projekt teil – unter dem Titel "Schiffe als Wissensorte" stehen sie als Bühne für den Wissensaustausch zur Verfügung. Hanse und Wissenschaft begegnen sich hier – schon immer brachten Schiffe Wissen mit in die Städte, und durch die Begegnung von Menschen und den Austausch von Waren sind Häfen auch heute und in Zukunft wichtige Umschlagsplätze von Wissen, betont Susanne Kasimir vom Wissenschaftsmanagement Lübeck:

"Lübeck ist Stadt der Wissenschaft – 2012 haben wir diesen Titel getragen und dieses wird beim Hansetag in besonderer Art und Weise sichtbar. Wissen ist die Ware der Zukunft. Natürlich findet auch Warenaustausch im klassischen Sinne statt, wir sind Hafenstadt, doch Wissen ist wichtig für die Zukunft, und darauf wird auch die Zukunftsfähigkeit der Hansestadt Lübeck aufgebaut werden."

Lübeck soll sich als moderne Hansestadt präsentieren, den Blick nach vorne gerichtet – und dabei spielen Wissen und Wissenschaft eine tragende Rolle. An Bord der 18 an dem Projekt beteiligten Schiffe sind Lesungen geplant, Ausstellungen und kurze Vorträge – das Themenspektrum ist dabei weit gespannt.

"Das kann sich um den Schiffbau handeln, um Navigation, Piraterie oder auch um die Grenzen Europas natürlich – die Bundespolizei wird sich dort einbringen, der Flüchtlingsbeauftragte des Landes Schleswig-Holstein, wir haben als Beispiel einen Vortrag mit dem Titel: Das Ur-Meer ist in uns, dann: Was haben Nebelhörner mit Blauwalen zu tun?"

Aber nicht nur mit dem Projekt "Schiffe als Wissensorte" versuchen die Verantwortlichen des Hansestages diese neue, aktuelle Dimension von Hanse darzustellen. Das Gesamtprogramm bietet von Kulturveranstaltungen über den historischen Hansemarkt bis hin zu Wirtschafts- und Wissenschaftsforen eine Mischung, die den Gästen neben Unterhaltung eben auch Bildung bieten soll. Für den früheren schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Björn Engholm trifft das den Kern – die neue Hanse handelt mit Wissen, ein ganz wichtiger Aspekt in den kommenden Tagen:

"Das ist die Idee dieser Hansetage. Es wird natürlich auch ein bisschen Zirkus da sein, es wird Volksbelustigung da sein, es sollen die Menschen ja auch direkt was sinnlich davon haben. Aber es gibt darin eingesprenkselt eine Reihe von fachlich interessanten Geschichten, insbesondere auch was Wissenschaft angeht, also Innovation durch Wissenschaft, Forschung, Hochschullehre. Das sind Faktoren, die – glaube ich – die Zukunft wesentlich bestimmen werden."

Bereits Ende der 1980er-Jahre hatte Björn Engholm die Debatte um eine "neue Hanse" angestoßen. Mit Michail Gorbatschow begann damals in der Sowjetunion der Wandel, die Zeit der Blöcke ging zu Ende.

"Die Polen lösten sich schon unter Walesas Führung langsam aus dem Ostblock, die Balten kriegten ihre Selbstständigkeit wieder, es gab Bestrebungen, in Kaliningrad, in Königsberg, eine Freihandelszone zu machen. Und da haben wir gesagt. Wir packen die Gelegenheit beim Schopf, reisen durch den ganzen Norden und den Nordosten und verbreiten die Idee einer neuen Hanse, einer neuen Kooperation auf einer regionalen Ebene – nicht mit Nationengedanken."

Wirtschaftsbündnis ohne Nationalgedanken

In den skandinavischen Ländern und im Baltikum kam diese Idee recht gut an. Warum nicht eine Ostseekooperation wieder beleben, nicht nach dem Muster oder Vorbild einer mittelalterlichen Handelsorganisation, aber orientiert an den Leitbildern der alten Hanse von grenzüberschreitendem, weltoffenem Handel? Eine ganze Region fühlte sich damals von Entwicklungen in Zentraleuropa abgekoppelt.

"Also – aller Blick ging weg vom baltischen Meer in Richtung Zentralen, und die lagen im Inland. Wir wollten sozusagen eine Magistrale machen rund um die Ostsee – eine regionale Magistrale – wo sich Menschen begegnen und wenn sie sich einmal eine Zeit lang begegnet haben, nie wieder auf die Idee kommen könnten, einander böse zu sein – gar Kriege zu führen. Das war der politische Überbau."

Und hinzu kam natürlich auch – ganz klar – ein wirtschaftlicher Gedanke, geprägt von einer ganz wesentlichen Frage.

"Die ganzen Länder rund um die Ostsee sind wesentlich bestimmt von mittelständischer Wirtschaft. Große Giganten haben wir weder in Mecklenburg noch an der Küste in Polen noch im Baltikum noch in Schleswig-Holstein, auch nicht in Dänemark und Schweden. Also, die Frage: Wie kann man den Mittelstand vernetzen, so vernetzen, dass daraus ein intaktes, wirklich Gewinne für alle Seiten abwerfendes Netzwerk der Zukunft wird?"

Eine "neue Hanse" eben, so wie sie sich in weiten Teilen auf dem Hansetag in Lübeck präsentiert. Gerade der Blick auf die kommenden Tage zeige, dass schon viel erreicht sei, meint Björn Engholm.

"Ich würde sagen, dass wir heute eine sehr intakte Kooperation und Kommunikation innerhalb der Staaten des Mare Balticum haben – das hätten wir uns vor 25 Jahren nicht vorstellen können. Es gibt 70, 80 Netzwerke, angefangen vom Netzwerk der Hochschulen über das der Industrie- und Handelskammern, der Gewerkschaften et cetera – solche Vernetzungen hat es in der Geschichte auch zu Zeiten der Hanse in dieser Form nie gegeben."

Und auch der Blick auf die Wirtschaftsbeziehungen in der Region stimmt den ehemaligen Regierungschef von Schleswig-Holstein optimistisch – immerhin liegt allein das Handelsvolumen der Bundesrepublik mit den skandinavischen und östlichen baltischen Staaten auf dem Niveau der Exporte Deutschlands in die USA und Japan. Kein Wunder, dass auch der schleswig-holsteinische Wirtschaftsminister Reinhard Meyer gern und häufig von Kooperation im Ostseeraum spricht - Angefangen bei gemeinsamen Verkehrsinfrastrukturprojekten mit Dänemark, wie zum Beispiel dem geplanten Bau des Tunnels unter dem Fehrmarn Belt, bis hin zu regelmäßigem Austausch auf verschiedenen Ebenen auch mit den Staaten des östlichen Baltikums.

"Wir sind jetzt beim 'Deutschen Frühling' in Estland als Schleswig-Holstein präsent mit unterschiedlichen Themen, ob das Zusammenarbeit im Tourismus ist – denken Sie an die vielen Kreuzfahrer, die in den unterschiedlichen Häfen unterwegs sind – wir merken ein hohes Interesse zum Beispiel in den baltischen Staaten am Thema 'Duale Ausbildung', und wir sind auch bei konkreten Projekten zum Beispiel mit St. Petersburg, wo wir versuchen, über die Zusammenarbeit von maritimen Clustern zu reden – was natürlich auf Grund der außenpolitischen Lage momentan nicht so ganz einfach ist."

Aber genau an diesen Stellen gilt es einzuhaken, beharrt Björn Engholm. Für die Idee einer "neuen Hanse" reicht es eben nicht, nur auf Wirtschaftsbeziehungen zu schauen.

"Die Hanse war innovativ im klassischen Bereich des Handels, der alleine trägt – wie wir heute wissen – die Zukunft nicht. Was sind die heutigen Innovationsfaktoren? Der wichtigste ist – glaube ich – die Wissenschaft, Wissenschaft und Forschung. Und da kommt es wesentlich drauf an, wie eng ist die Kooperation der deutschen Hochschulen etwa, die im Bereich dieses 'Mare-Balticum-Verbandes' drin sind, mit denen im Norden und im Osten Europas – da entwickelt sich inzwischen vieles."

Für die weitere Entwicklung in dieser Richtung könnte auch der Hansetag in Lübeck wichtige Impulse geben, glaubt Björn Engholm – wenn nicht Lübeck, wer sonst sollte dafür in Frage kommen, schließlich war der Focus schon einmal ganz auf die Stadt an der Trave gerichtet.

"Da wir nun einmal unbestreitbar 'Königin der Hanse' waren, ist es auch richtig, dass hier ein großes Event stattfindet. Wieviel man daraus Honig saugen kann für die Zukunft, ob sich daraus neue Netzwerke ergeben, die in ganz neuer, anderer, zeitgemäßer, innovativer Form die Hanse, den Spirit der Hanse, wiederbeleben, das werden wir am Ende der Hansetage sehen."

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