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Thema / Archiv | Beitrag vom 31.07.2007

Wird das die längste Nacht meines Lebens sein?

Kritische ARD-Dokumentation zeigt dramatische Besteigung des Mount Everest

Von Stefan Keim

Der Mount Everest (8.848 m) im Himalaya in Nepal (AP Archiv)
Der Mount Everest (8.848 m) im Himalaya in Nepal (AP Archiv)

Gerade weil der Deutsche Thomas W. kaum noch sehen kann, soll seine Besteigung des höchsten Berges der Welt eine Botschaft sein. Er hat Kameraleute mitgenommen, um das Heldenepos für die Ewigkeit zu bannen. Er stirbt kurz vor dem Gipfel. Der Dokumentarfilm "Mount Everest – Der Friedhof meiner Freunde" läuft am Dienstagabend in der ARD.

Aus dem Film: "Milan filmt mich gerade. Es ist nicht leicht für ihn und nicht leicht für mich. Aber wir sind beide professionelle Kameramänner, und das ist unser Job. Aber es geht hier um unsere Freunde. Auch wenn wir nicht wissen, was mit ihm ist, müssen wir doch weiter filmen. Deswegen sind wir ja mitgekommen."

Hilflosigkeit spiegelt sich im Gesicht des Kameramanns Kevin. Er und sein Kollege Milan sind im Lager auf 8300 Metern Höhe zurückgeblieben. Den Aufstieg zum Gipfel des Mount Everest haben sie nicht geschafft. Über ihr Funkgerät kommen erschreckende Meldungen. Thomas W. ist wahrscheinlich tot, der Mann, der den höchsten Berg der Welt bezwingen wollte. Obwohl er nach einer Tumoroperation kaum noch sehen konnte und mit zunehmendem Druck in großer Höhe fast vollständig blind war. Seine Expedition sollte eine Botschaft sein. Auch Behinderte können den Mount Everest besteigen. Das haben vor ihm schon einige geschafft, Beinamputierte und Blinde. Der holländische Bergführer Harry Kikstra erklärt:

Aus dem Film: "Ich weiß, dass das komisch klingt, aber das Sehvermögen ist nicht das Entscheidende bei einem Berg wie dem Mount Everest. Obwohl er der höchste Berg der Welt ist, ist er technisch nicht sehr anspruchsvoll. Der größte Teil ist einfach eine Wanderung."

Der Dokumentarfilm "Mount Everest – Der Friedhof meiner Freunde" beginnt mit dem tragischen Ende. Dann erzählt er die Geschichte der Expedition in einer Rückblende, vom Beginn an der Küste Hollands, drei Meter über dem Meeresspiegel, über das Treffen aller Beteiligten in Katmandu bis zum bitteren Ende. Auf dem Weg zum Gipfel klingt die Stimme von Thomas W. schon sehr erschöpft, aber er denkt nicht ans Aufgeben:

"Ich kann immer noch sehen, aber nicht sehr viel. Wird das die längste Nacht meines Lebens sein?"

Was Thomas W. dazu treibt, seine körperlichen Grenzen zu überschreiten, bleibt unklar. Harry Kikstra beschreibt ihn als verschlossenen Menschen:

"Er sagte, was die Leute hören wollten, und verbarg seine eigenen Gefühle, etwa wenn er wirklich sehr müde war."

Die leicht wackelige Handkamera fängt die Schönheit der Berglandschaft ein. Die Regisseure Victor Grandits und Jessica Krauß, die selbst nicht bei der Expedition waren, erzählen von den Mühen des Aufstiegs. Manchmal verschwimmen die Bilder und zeigen, was Thomas W. gesehen haben könnte.

"Mount Everest – Der Friedhof meiner Freunde" ist ein intensiver, sinnlicher Dokumentarfilm. Der am Schluss die Frage nach dem Sinn solcher Expeditionen stellt. Harry Kikstra will nie wieder auf den Gipfel. Er zählt mehrere Leichen auf, die im ewigen Eis des Mount Everest liegen, Menschen, mit denen er unterwegs war, seine Freunde. Nun ist ein weiterer dazu gekommen:

"Danach ist er ein wenig weiter gegangen. Und plötzlich sah er mich an und sagte: Ich sterbe."

Das Gespräch zum Thema mit der Filmemacherin Jessica Krauß können Sie mindestens bis zum 31.12.2007 in unserem Audio-on-Demand-Player als mp3-Audio hören.

Service:
"Mount Everest - Der Friedhof meiner Freunde" läuft am 31. Juli um 22.45 Uhr im Ersten. Buch und Regie: Victor Grandits und Jessica Krauß.

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