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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.03.2010

"Wir wissen bis heute nicht, was wo liegt"

Kölner Kulturdezernent: Sichtung des eingelagerten Stadtarchiv-Materials wird noch Jahre dauern

Georg Quander im Gespräch mit Susanne Führer

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Rosen hängen an der Einsturzstelle des Kölner Stadtarchivs zum Jahrestag des Unglücks. (AP)
Rosen hängen an der Einsturzstelle des Kölner Stadtarchivs zum Jahrestag des Unglücks. (AP)

Der Kulturdezenent der Stadt Köln, Georg Quander, räumt ein, dass es auch ein Jahr nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs kaum Erkenntnisse über das Schicksal der dort eingelagerten Bestände gibt. Momentan sei völlig unklar, welche Dokumente gerettet worden seien.

Susanne Führer: Es war um 13:58 Uhr heute vor einem Jahr, als in Köln das sechsstöckige Historische Stadtarchiv in sich zusammenfiel und in die Baugrube der U-Bahn stürzte. Die benachbarten Wohnhäuser wurden mit in die Tiefe gerissen, zwei Menschen starben bei dieser Katastrophe. Und die Bestände des Archivs, insgesamt 30 Regalkilometer, versanken in Schutt und Wasser. Von einem Unglück nationalen Ausmaßes spricht der Kulturdezernent der Stadt Köln, Georg Quander, jetzt bei uns am Telefon! Guten Tag, Herr Quander!

Georg Quander: Guten Tag, Frau Führer!

Führer: Bei diesem Unglück wurden ja Zigtausende Urkunden, Fotos, Karten, Pläne, Handschriften und Nachlässe zerstört, darunter auch der Nachlass Heinrich Bölls. Und heute Morgen hatten wir den Künstler und Sohn Heinrich Bölls, René Böll, zum Gespräch ins "Radiofeuilleton" gebeten, und er sagte uns, dass er bis heute nicht wisse, was vom Nachlass seines Vaters gefunden worden sei. Wörtlich sagte er: "Wir wissen gar nichts. Ich habe keinerlei Ahnung." Wie kann das sein?

Quander: Ja, da steht er nicht alleine, wir wissen es leider auch nicht. Herr Böll macht sich wie viele andere Nachlassgeber die Dimension dieser Katastrophe nicht klar, das ist auch verständlich, weil es nicht seine Materie ist. Es sind nicht ein paar Tausend, es sind Millionen von Dokumenten, die dort zusammengestürzt sind, unter Trümmern begraben sind, zerrissen sind. Wir haben in ungeheurer kurzer Zeit ungefähr 85 Prozent der Bestände aus dem Einbruchtrichter und aus dem Trümmerhaufen geborgen, aber es war keine Zeit, bei dieser Bergung die einzelnen Stücke zu identifizieren, sondern sie wurden nur nach verschiedenen Schadensklassen eingeteilt. Sind sie nass, müssen sie gefroren werden, um nicht zu zerfallen, oder können sie… waren sie nur leicht feucht, wurden sie luftgetrocknet und grob gereinigt, und dann sind die auf 19 sogenannte Asylarchive, also Archive, die uns Gastrecht gewährt haben, über die gesamte Bundesrepublik von Schleswig bis Freiburg im Breisgau verteilt. Und wir wissen bis heute nicht, was wo liegt, weil die Bestände komplett auseinandergerissen sind. Unsere Archivmitarbeiter sind jetzt seit drei Monaten unterwegs in drei dieser Archive und sichten dort, was dort liegt. Und wir haben erstaunlicherweise 80.000 Stücke bereits identifiziert und erfasst in dieser kurzen Zeit, aber bis wir wissen, was in allen diesen Archiven liegt – und ein Teil liegt ja auch immer noch im Trichter drin –, also was in diesen anderen Archiven liegt, wird etwa drei Jahre in Anspruch nehmen, bis wir wirklich sagen können, was wir gerettet haben und was endgültig verloren ist. Und sobald wir das wissen, werden wir selbstverständlich auch alle Depositare und Nachlassgeber informieren. Bloß im Moment können wir diese Frage selber nicht beantworten.

Führer: Herr Quander, ich sollte fairerweise anfügen, dass Herr Böll auch gesagt hat, dass er nicht glaubt, dass das eine Schuld des Archivs sei, die hätten wohl selbst keinen Überblick, hat er heute Morgen gesagt. Trotzdem haben wir uns hier gefragt, ob es nicht doch zum guten Ton gehört, dass man mit den Nachlassgebern zumindest regelmäßig Kontakt hält.

Quander: Also wir haben Kontakt gehalten, es hat auch eine Veranstaltung mit den Nachlassgebern gegeben, es ist jetzt zu einer zweiten Veranstaltung eingeladen seitens des Oberbürgermeisters. Bloß was das Unbefriedigende an der Situation ist, ist einfach, dass wie gesagt wir keine verbindlichen Auskünfte geben können. Wir haben auch allen Nachlassgebern den Kontakt zu der zuständigen Sachbearbeiterin, also Wissenschaftlerin, die die Nachlässe verwaltet, gegeben. Sie können dort jederzeit nachfragen. Aber die ist natürlich auch wie gesagt nicht viel auskunftsfähiger. Also das, was wir an Nachlässen oder Vorlässen haben, ist ein verhältnismäßig kleiner Teil zu den Massen von Dokumenten, die wir an städtischen Dokumenten haben. Und wie gesagt, das ist alles durcheinandergewirbelt worden und durcheinandergefallen und teilweise in so kleine Papierfetzen zerfetzt worden, dass es möglicherweise auch Jahre dauern wird, um die zu identifizieren. Da ist keine Signatur mehr drauf, und wie gesagt, die stehen auch nicht mehr in Zusammenhängen.

Führer: Was ich noch nicht verstehe, Herr Quander, ist, wie kann man denn sagen, soundso viel Prozent wurden gerettet oder zumindest geborgen, wenn man das angeben kann, dass das 80, 85 …

Quander: Einfach vom Volumen her. Sie haben ja selber vorhin 30 Kilometer, Regalkilometer erwähnt, und von diesen 30 Kilometern sind 85 Prozent etwa geborgen.

Führer: René Böll hat heute Morgen außerdem beklagt, dass bis heute – also ein Jahr nach dem Einsturz – keiner die Verantwortung übernommen hat, also da füge ich hinzu, zumindest eine Teilverantwortung. Beklagen Sie das auch?

Quander: Ja, das sind ja immer die zwei Dinge: Das eine ist sozusagen die Frage einer politischen Verantwortung, das ist in der Tat richtig, da hat sich bislang keiner wirklich zuständig gefühlt. Und das andere ist die Frage der tatsächlichen Verantwortung, das heißt … und dafür muss die Unfallursache aufgeklärt werden. Die ist ja bislang immer noch nicht aufgeklärt abschließend. Es gibt verschiedene Deutungsvarianten, was Auslöser des Unfalls gewesen sein könnte, aber dieses wird man erst definitiv feststellen können, wenn wir jetzt im Laufe diesen Jahres ein sogenanntes Bergungsbauwerk errichten. Wir müssen also – der Trichter geht ja bis auf 40 Meter unter der Oberfläche – wir müssen also bis unten sozusagen absichern, um dann ausheben zu können, um die restlichen Archivalien sichern zu können und dann auch unten an das Bauwerk heran zu können, wo vermutet wird, dass es ein Leck gegeben hat, um das verifizieren zu können, und dann vor allen Dingen verifizieren zu können, war das Schlamperei, war das eine nicht beherrschbare geologische Ursache. Es gab ja mal diese Theorie vom hydraulischen Grundbruch, im Moment scheint das eher nicht der Fall zu sein, alles spricht eher auf Schlamperei beim Bau. Aber auch die Staatsanwaltschaft sagt, sie kann dazu im Moment keinerlei irgendwie verlässliche Aussagen machen.

Führer: Und Schlamperei vor allen Dingen ja auch bei der Aufsicht, also so viel steht ja bisher doch immerhin fest. Sie haben gerade davon gesprochen, Herr Quander, dass keiner bisher die politische Verantwortung übernommen hat, also man könnte auch von einem allgemeinen Klima der Verantwortungslosigkeit sprechen. Ist das vielleicht typisch für Köln, so nach dem Motto: Ach, bisher haben wir uns doch auch noch immer irgendwie durchgewurstelt?

Quander: Nein, also die hoheitliche Aufsichtspflicht hat die Bezirksregierung in Düsseldorf, die technische Aufsichtsbehörde. Die hat ihre Funktionen delegiert auf den Bauherrn, sprich auf die Stadt Köln, und von dort auf die KVB. Und dort sind ganz offenkundig, so scheint es zumindestens, wenn man sieht, dass dort gefälschte Protokolle vorgelegt wurden, ist dieses offensichtlich nicht genügend und ausreichend geprüft worden. Das ist der Eindruck, den ich im Moment habe. Aber wie gesagt, es steht mir nicht zu, da irgendwelche Schuldzuweisungen vorzunehmen, weil ich in der Materie auch nicht so drin bin, wie es die Staatsanwaltschaft ja offenkundig jetzt auch nach den jüngsten Vernehmungen und Erkenntnissen ist.

Führer: Georg Quander, der Kulturdezernent der Stadt Köln, ein Jahr nach dem Einsturz des Historischen Stadtarchivs. Herr Quander, Sie selbst haben ein echtes und tiefes Umdenken in der Stadt gefordert. Haben Sie den Eindruck, dass der Einsturz des Stadtarchivs das vielleicht befördert hat, also nicht nur, was die Einhaltung von Vorschriften angeht, zum Beispiel die Bauaufsicht, als auch, was – ja, wie soll man sagen – das Bewusstsein für die kulturellen Schätze der Stadt angeht?

Quander: Also dieser Einsturz des Archivs ist ein ganz deutliches Zeichen gewesen und hat auch wirklich eine tiefe Erschütterung selbst bei Menschen ausgelöst, die a priori mal nicht so kulturnah sind wie wir oder wie meine Mitarbeiter als Kulturschaffende oder als unmittelbare Kulturkonsumenten, weil jedem dann plötzlich offenkundig wurde, welche historisch bedeutenden Schätze in diesem Haus gelegen haben und dass man damit nicht leichtfertig umgehen kann. Also ich muss auch erinnern, dass in Jahren zurück, vor langer Zeit, das Archiv auch seitens der Stadt, aber auch der Stadtöffentlichkeit sehr stiefmütterlich behandelt wurde und mit erheb… – das hat jetzt nichts mit dem Unglück zu tun, dass es eingestürzt ist, und mit dem U-Bahn-Bau –, aber man hat nicht die Sorgfalt aufgewendet, die man eigentlich solchen historisch bedeutsamen Zeugnissen zuwenden müsste. Und das gilt im Übrigen nicht nur für Köln, das gilt auch für viele andere Städte. Also die Archivlandschaft insgesamt ist durch diesen Unfall aufgerüttelt worden, und überall denkt man jetzt darüber nach, was für Szenarien man für welche Katastrophenfälle auch aufbauen muss und dass man mit historischer Überlieferung, also mit unserer eigenen Vergangenheit, sorgfältiger umgehen muss und hier mehr investieren muss, als man es in der Vergangenheit vielfach getan hat.

Führer: Stiefmütterlich umgegangen mit dem Archiv, haben Sie gerade gesagt, Herr Quander. In der "Süddeutschen Zeitung" ist heute zu lesen, dass zwar eine Elite, zu der Sie ja zweifelsohne gehören, den Verlust dieser Schätze beklagt, aber von einem kollektiven Bewusstsein es in der Stadt nichts zu spüren wäre, und im Jahre 2008 hätte es nur 6000 Benutzungen gegeben. Meinen Sie das mit dem stiefmütterlich behandeln?

Quander: Das ist ein Teilaspekt davon. Ein historisches Archiv ist natürlich keine Massenveranstaltung wie eine große Konzerthalle oder eine Arena, in der große Veranstaltungen stattfinden, sondern es ist …

Führer: Natürlich, aber man kann es doch mehr für die Bürger der Stadt öffnen.

Quander: Richtig. Und diesen Weg ist unsere neue Archivleiterin, die ich 2005 eingestellt habe, Frau Dr. Schmidt-Czaia gegangen, es als Bürgerarchiv auszurichten, mit großen attraktiven Ausstellungen, mit der Gründung eines Fördervereins – also es hat sich Einiges getan dabei. Aber in der Vergangenheit – und das spiegelt sich in diesen 6000 wider – ist es ein Archiv gewesen, was eben vorwiegend der wissenschaftlichen Forschung auch gedient hat. Und das ist die andere Tragödie in der Geschichte: Viele, viele Studenten und Akademiker, die an großen Arbeiten gesessen haben, mit Materialien des Archivs, können nicht weiterarbeiten, weil ihre Arbeitsgrundlagen verschwunden sind. Also das ist natürlich immer ein wie gesagt wesentlich kleinerer Teil, wobei unter diesen 6000 natürlich auch viele Menschen sind, die mehr als einmal das Haus betreten haben, weil sie wochenlang dort gesessen haben.

Führer: Sie sagen also, es hat einen Bewusstseinswandel gegeben, aber wie passt denn dazu – René Böll sagte, dass der Kulturetat der Stadt trotzdem weiter zusammengestrichen wird.

Quander: Also bislang ist es mir gelungen in den letzten drei Jahren, dass wir den Kulturetat um 25 Prozent gesteigert haben. Ich weiß keine deutsche Stadt, wo das in ähnlichem Umfange stattgefunden hat. Aktuell ist noch nichts entschieden, aber aktuell ist natürlich das Problem, was alle deutschen Kommunen haben in der Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise, dass die Gewerbesteuereinnahmen massiv eingebrochen sind. Nur mal eine Zahl zu nennen: Wir haben in Köln im Moment für das Haushaltsjahr 2010 eine Deckungslücke von rund ungefähr 540 Millionen Mindereinnahmen. Alles, was wir an freiwilligen Ausgaben – und da zählt der gesamte kulturelle Bereich dazu – in der Stadt ausgeben, sind 200 Millionen. Das heißt also, hier muss grundsätzlich etwas an der Gemeindefinanzierung verändert werden. Diese extreme Abhängigkeit von der konjunkturellen Entwicklung, die ja die anderen staatlichen Ebenen – Länder und Bund – nicht haben, weil sie stabilere Steuereinnahmen haben, Stichwort Mehrwertsteuer zum Beispiel, die nie so starken Schwankungen unterworfen ist, da muss etwas korrigiert werden, da ist ein Systemfehler.

Führer: Georg Quander war das, der Kulturdezernent der Stadt Köln. Ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch, Herr Quander!

Quander: Danke, Frau Führer!

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