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Radiofeuilleton - Kino und Film / Archiv | Beitrag vom 31.03.2013

"Wir versuchen ja beim Kleinen Fernsehspiel ständig etwas zu ändern"

Sitcom "Lerchenberg" soll ältere und jüngere Zuschauer ansprechen

Claudia Tronnier im Gespräch mit Britta Bürger

Hehn spielt in "Lerchenberg" sich selbst. Die Serie nimmt das Innenleben des ZDF selbstironisch aufs Korn. (picture alliance / dpa / Nicolas Armer)
Hehn spielt in "Lerchenberg" sich selbst. Die Serie nimmt das Innenleben des ZDF selbstironisch aufs Korn. (picture alliance / dpa / Nicolas Armer)

Sie sehe gute Chancen, dass die Satire über das ZDF auch ein jüngeres Publikum ködere, sagt Claudia Tronnier, Leiterin der ZDF-Redaktion "Das Kleine Fernsehspiel". Und obwohl die Serie auch in ihrem Büro gedreht wurde, habe sie nicht als Vorbild für die zickige "Lerchenberg"-Redaktionsleiterin gedient.

Britta Bürger: Mit solchen selbstironischen Scherzen präsentiert sich das ZDF zum 50. Geburtstag selbstbewusst. Alle vier Folgen dieser neuentwickelten Sitcom liefen bereits bei ZDFneo, man kann sie im Internet sehen, und im regulären Programm des "ZDF" sind zwei Folgen von Lerchenberg an den kommenden beiden Freitagen zu sehen. Und genau dort, am Lerchenberg in Mainz sitzt Claudia Tronnier für uns im Studio, die Leiterin der Redaktion "Das Kleine Fernsehspiel", die die neue Serie verantwortet. Schönen guten Tag, Frau Tronnier!

Claudia Tronnier: Guten Tag!

Bürger: Wen will das ZDF mit dieser Serie erreichen?

Tronnier: Am liebsten das ganze Publikum, also sowohl die ZDF- Stammseher als auch ein junges Publikum. Sascha Hehn ist, glaube ich, vor allem dem älteren ZDF-Publikum bekannt durch die Serien "Schwarzwaldklinik", "Frauenarzt Doktor Merthin", oder auch auf dem "Traumschiff" war er ja lange Zeit Chefarzt und erster Offizier, und demnächst auch wieder als Kapitän. Den jungen Zuschauern dürfte er weniger bekannt sein, es sei denn eben aus ihrer frühen Kindheit, die wollen wir aber auch mit dieser Serie ansprechen, denn sie ist modern gemacht und hat eben eher Vorbilder bei amerikanischen oder englischen Serien, "30 Rock" beispielsweise, "Episodes" oder "Curb Your Enthusiasm".

Bürger: Wobei sich die Scherze, die Sascha Hehn eben auch über sich selbst reißt, einem jungen Publikum, das ihn nicht kennt, wahrscheinlich tatsächlich gar nicht erschließen kann. Ich habe gedacht, ob es nicht doch eben eher ein Film fürs ältere ZDF-Stammpublikum ist, den man jetzt mit so einem jüngeren Format das Gefühl geben will, am Zahn der Zeit zu sein. Mich hat das ein bisschen an Heino erinnert, der ja mit seinem Coveralbum gerade so was Ähnliches macht.

Tronnier: Also das muss sich natürlich erst zeigen, aber die Macher sind ja sehr jung, das sind ja alles Nachwuchsregisseure, Regisseurinnen und Autoren, die sich diese Geschichte ausgedacht haben, zusammen auch mit zwei ganz jungen Redakteurinnen des kleinen Fernsehspiels, und denen hat das sehr viel Spaß gemacht, und das sind auch erste Indikatoren, dass es auch einem jungen Publikum gefallen könnte.

Bürger: Die Serie ist ja voller Anspielungen auf die Abläufe innerhalb der Fernsehanstalt ZDF. Sie selbst, Frau Tronnier, sie werden da als eine ziemlich taffe, aber auch zickige Redaktionsleiterin dargestellt, auf deren Anweisungen hin diese Jung-Redakteurin dann schon einen etwas abgehalfterten, aber publikumswirksamen Sascha Hehn in ihr Projekt einbinden muss, das eigentlich ursprünglich ganz anders angelegt war. Warum haben Sie sich jetzt ausgerechnet für Sascha Hehn entschieden, den das ZDF ja demnächst tatsächlich wieder ganz nach vorne bringen will?

Tronnier: Also einmal muss ich klarstellen, dass Frau Doktor Wolter, die Hauptredaktionsleiterin in der Serie "Lerchenberg", nicht nach meinem Vorbild erschaffen wurde – ich bin ja auch gar nicht Hauptredaktionsleiterin, sondern nur Leiterin der kleinen Redaktion "Das Kleine Fernsehspiel" –, obwohl in meinem Büro gedreht wurde. Also die Serie ist ja wirklich größtenteils auf dem Lerchenberg gedreht worden, wo sich das ZDF befindet. Zu dem Zeitpunkt, als die Serie entwickelt wurde, war noch lange nicht in Sicht, dass Sascha Hehn "Traumschiff"-Kapitän werden würde – das ist eigentlich auch eine Ironie, dass es dann so gekommen ist, weil in der Serie geht es ja darum, dass Sascha Hehn ein Comeback beim Sender haben soll. Dieses Comeback war aber gar nicht in Sicht.

Bürger: Ja, nun soll es kommen, und die Serie ist quasi der Vorlauf, Werbetrailer für Sascha Hehn. Könnte man so sehen.

Tronnier: Ja, das könnte man so sehen, also es ist ja auch schön, wenn vielleicht auch ein jüngeres Publikum sich das "Traumschiff" anschaut, weil auch dort wird ja auch innerhalb der bestehenden Formate, das ZDF wird ja auch an einer beständigen Erneuerung und Verjüngung gearbeitet.

Bürger: Die Serie orientiert sich ja ganz offensichtlich – Sie haben es schon angedeutet eben – an Vorbildern aus den USA, auch aus Großbritannien, aber manche Pointen haben Sie schon geklaut, oder? Zum Beispiel gibt es da eine Szene, in der Sascha Hehn sagt, wenn er in seiner Rolle autistisch im Rollstuhl sitzt, das sei der direkte Weg zum Deutschen Fernsehpreis, ein Schauspieler im Rollstuhl und noch Autist. Und fast einen ähnlichen Witz hat Kate Winslet mal in "Extras" gerissen, wo sie eine Nonne gespielt hat, die Kinder vor den Nazis gerettet hat, und deshalb sagt, mit den Themen Nazis und Behinderung sei man auf dem sicheren Weg zum Oscar. Das ist doch Pointen-Fishing?

Tronnier: Wie soll ich sagen, ich glaube nicht, dass das da geklaut ist. Aber ich würde sagen, jeder, der in den Medien arbeitet, beim Fernsehen oder auch für Kinoproduktionen, und der häufig bei Preisverleihungen ist, der erkennt so bestimmte Muster, wie Preise vergeben werden, und da könnte man auch so drauf kommen, ohne jetzt eine dieser Serien oder diese bestimmte Pointe, die Sie gerade zitiert haben, zu kennen.

Bürger: Ihr Drehbuchautor Felix Binder hat sich wohl auch an dem Prinzip des sogenannten Writers Room orientiert, das ist so eine extrem offene Arbeitsweise, in der das gesamte Team, also Autor, Regie und Schauspieler, die Dialoge gemeinsam entwickeln, anders als in deutschen Fernsehanstalten üblich, wo ja eher die Redakteure und Produzenten jeden kleinen Schritt kontrollieren wollen. Versuchen Sie, im Kleinen Fernsehspiel, in dieser alten Struktur, tatsächlich etwas zu ändern?

Tronnier: Ja, wir versuchen ja beim Kleinen Fernsehspiel ständig etwas zu ändern, das ist ja quasi unser Programmauftrag, immer neue Impulse zu setzen für das Programm, neue Formate zu erfinden und zu entwickeln, oder auch eben Nachwuchsregisseure zu unterstützen, die mal ein anderes Thema ganz neu erzählen wollen. Also insofern ja, das war schon unsere Absicht auch, mit solchen Strategien zu arbeiten. Also wir arbeiten sowieso sehr eng mit den Regisseuren und Produzenten zusammen beim kleinen Fernsehspiel. Das ist schon generell auch unsere Arbeitsweise, nur machen wir eher seltener Serien, normalerweise Einzelstücke.

Bürger: Es wird ja seit Jahren bejammert, dass die Filme der Redaktion das Kleine Fernsehspiel viel zu spät, zu nachtschlafender Zeit laufen, auch auf so was spielt Sascha Hehn in "Lerchenberg" an, wenn er sagt, Fernsehen, das kaum Zuschauer hat, das sei kein Fernsehen mehr. Wie gehen Sie mit diesem Problem um?

Tronnier: Also ich fand es sehr lustig. Er sagt: Und wenn es keiner guckt, ist es auch kein Fernsehen. Das sehen wir natürlich anders beim Kleinen Fernsehspiel, es ist ja auch eine Übertreibung, dass es keiner guckt, weil es gucken immer noch sehr viele, auch wenn der Platz spät ist, gucken immerhin bis zu einer halben Million Zuschauer die Kleinen Fernsehspiele an. Und wir gehen damit auch so um, dass ja mittlerweile fast alle Kleinen Fernsehspiele auch in der ZDF-Mediathek abrufbar sind, und dass alle auf dem Digitalsender ZDFkultur sonntags zur Prime Time wiederholt werden. Also es gibt genug Gelegenheit, diese Kleinen Fernsehspiele auch anzuschauen. Sie haben eben gesagt, das ist der Experimentierraum im ZDF. Von Ihnen erwartet man Innovation, die Entwicklung neuer Formate. Das ZDF steht aber derzeit öffentlich unter großem Druck, stehen damit nicht auch Sie mittlerweile unter einem ganz ähnlichen Quotendruck wie das restliche Programm?

Bürger: Glücklicherweise nicht, das ist sicherlich auch ein Vorteil des späten Sendeplatzes, und es würde auch gar keinen Sinn machen, Innovationen gleich unter eine bestimmte Quotenerwartung zu stellen, weil die kann man jetzt nicht so auf dem Reisbrett entwerfen, und gerade wenn man mit jungen Regisseuren und Autoren zusammenarbeitet, kann man auch nicht so genau kalkulieren, was am Ende dabei rauskommt. Also wir haben auf unserem Platz einen sehr großen Freiraum, Filme und Serien unterschiedlichster Länge und unterschiedlichster Form auch zu entwickeln, die nicht unter einem bestimmten Quotendruck stehen.

Tronnier: 50 Jahre ZDF, zum Jubiläum hat die Redaktion das Kleinen Fernsehspiel mit Lerchenberg eine selbstironische Sitcom produziert, die kann man online sehen unter lerchenberg.zdf.de, und an den kommenden beiden Freitagabenden sind die vier Folgen dann auch im offiziellen Programm, im regulären ZDF-Programm zu sehen, jeweils um 23:00 Uhr. Claudia Tronnier leitet das kleine Fernsehspiel, herzlichen Dank fürs Gespräch!

Bürger: Bitte schön, ich danke Ihnen!


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